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[star]  Titel: 3D-Technik beweist: Hebräische Bibel seit 2.000 Jahren unverändert

[folder]  Kategorie: Geschichte & Mythologie

[time]  Letzte Änderung: 26.9.2016 um 19:50 Uhr

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Die virtuell aufgewickelte Schriftrolle von En-Gedi. (C) Israel Antiquities Authority

3D-Technik beweist: Hebräische Bibel seit 2.000 Jahren unverändert

Eine digitale Analyse von Röntgen-Scans hat es Forschern möglich gemacht, eine antike, verkohlte Schriftrolle aus En-Gedi zu "lesen", die zu zerbrechlich ist, um ausgewickelt zu werden. Der Artikel erschien am 22. September 2016 auf der Website der Times of Israel und wurde von mir aus dem englischen übersetzt.

JERUSALEM – Der verschmorte Klumpen einer 2.000 Jahre alten Schriftrolle lag seit Jahrzehnten in der Abstellkammer eines israelischen Archäologen, weil sie zu brüchig ist, um geöffnet zu werden. Doch jetzt hat eine neue Darstellungs-Technologie offenbart, was darin geschrieben steht: Der früheste Beweis eines biblischen Textes in seiner standardisierten Form.

Die Wissenschaftler sagen, der Abschnitt aus dem Buch Leviticus ist der erste physische Beweis einer Annahme, die schon lange geglaubt wurde: Dass die Version der hebräischen Bibel, die heute verwendet wird, 2.000 Jahre zurückgeht.

Die Entdeckung, die am Donnerstag in einem Artikel der Zeitschrift Science Advances von Forschern aus Kentucky und Jerusalem angekündigt worden ist, wurde mittels "Virtual Unwrapping" gemacht, der digitalen 3D-Analyse eines Röntgen-Scans. Die Forscher sagen, es ist das erste Mal, dass sie in der Lage sind, den Text einer altertümlichen Schriftrolle zu lesen, ohne sie tatsächlich zu öffnen. "Ihr könnt euch die Freude im Labor nicht vorstellen", sagt Pnina Shor von der Israel Antiquities Authority (IAA), die an der Untersuchung teilnahm.

Die digitale Technologie, die von Google und der US National Science Foundation gespendet wurde, soll als Open Source Software bis zum Ende nächsten Jahres der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Die Forscher hoffen, die Technologie verwenden zu können, um auch in andere, alte Dokumente zu spickeln, die zu zerbrechlich sind, um geöffnet zu werden, beispielsweise einige der Schriftrollen vom Toten Meer oder Papyrus-Rollen, die im Jahr 79 n. Chr. beim Ausbruch des Vulkans Vesuv karbonisiert wurden. Die Forscher glauben, dass die Technologie auch in der Forensik, von Geheimdiensten und zur Erhaltung von Antiquitäten eingesetzt werden könnte.

Die biblische Schriftrolle, die bei der Analyse untersucht wurde, ist erstmals im Jahr 1970 von Archäologen in En-Gedi entdeckt worden, dem Ort einer alten, jüdischen Gemeinde in der Nähe des Toten Meeres. Im Toraschrein der historischen Synagoge fanden die Archäologen Klumpen von Schriftrollen-Fragmenten. Die Synagoge wurde in einem altertümlichen Feuer zerstört, welches die Schriftrollen verkohlt hat. Durch das trockene Klima der Gegend blieben sie erhalten, doch wenn sie ein Archäologe berühren würde, würden sie beginnen, auseinanderzufallen. Also wurden die verkohlten Stücke für beinahe ein halbes Jahrhundert eingelagert, während niemand wusste, was darin geschrieben steht.

Dieses undatierte Foto zeigt eine antike, verkohlte Schriftrolle, die vor Jahrhunderten in einem Feuer zerstört wurde. (C) Israel Antiquities Authority
Dieses undatierte Foto zeigt eine antike, verkohlte Schriftrolle, die vor Jahrhunderten in einem Feuer zerstört wurde. (C) Israel Antiquities Authority
Letztes Jahr kam Yosef Porath, der Archäologe, der 1970 in En-Gedi die Ausgrabungen gemacht hat, in ein Labor der Israel Antiquities Authority, in dem die Schriftrollen vom Toten Meer erhalten werden. Bei sich hatte er Boxen mit verkohlten Stücken. Das Labor hatte bereits hochauflösende Abbildungen der Schriftrollen vom Toten Meer erstellt, den frühesten Abschriften biblischer Texte, die je gefunden wurden, und so bat er die Forscher, die verbrannten Rollen zu scannen.

Shor, die das Labor leitet, meinte: "Ich sah ihn an und sagte: 'Sie müssen scherzen'". Sie willigte ein, und einige der verbrannten Rollen wurden mittels Röntgen-basierter, mikro-berechneter Schichtaufnahme gescannt, einer 3D-Variante der Computertomographie, die in Krankenhäusern genutzt wird, um Abbildungen von innenliegenden Körperteilen zu erstellen. Die Bilder wurden anschließend zu William Brent Seales geschickt, einem Forscher der Abteilung Computerwissenschaften der Universität Kentucky. Nur eine der Schriftrollen konnte entziffert werden.

Mit Hilfe der "Virtual Unwrapping" Technologie konnte er und sein Team in mühevoller Kleinarbeit die dreidimensionale Form der Schriftrollen-Schichten erfassen. Dabei nutzten sie ein digitales, dreieckiges Oberflächennetz, um eine digitale Wiedergabe der Teile zu erstellen, in denen sie Text vermuteten. Danach suchten sie Bildpunkte, die Tinte darstellen könnten, die mit einem dichten Material wie Eisen oder Blei geschrieben wurde. Zuletzt verwendeten sie Computermodellierung, um die Schriftrolle virtuell zu glätten und einige Zeilen des darin liegenden Textes lesen zu können.

"Man sah nicht nur Geschriebenes, sondern es war lesbar", sagte Seales. "An diesem Punkt waren wir außer uns vor Freude." Die Forscher sagen, es ist das erste Mal, dass eine biblische Schriftrolle im heiligen Toraschrein einer altertümlichen Synagoge gefunden wurde, in dem sie für Gebete aufbewahrt wurde, und nicht in Wüstenhöhlen wie die Schriftrollen vom Toten Meer.

Die Entdeckung hat für Gelehrte große Bedeutung in Bezug auf das Verständnis der Entwicklung der hebräischen Bibel, sagen die Forscher. In alten Zeiten kursierten viele Versionen der hebräischen Bibel. Die Schriftrollen vom Toten Meer, die bis ins 3. Jahrhundert v. Chr. datiert werden, beinhalten einige Textversionen, die von der heutigen hebräischen Bibel völlig verschieden sind. Forscher gingen davon aus, dass die hebräische Bibel in ihrer standardisierten Form erst vor etwa 2.000 Jahren aufkam, hatten aber nie einen physischen Beweis dafür – bis jetzt, gemäß der Analyse. Bisher wurden die ältesten bekannten Fragmente des modernen Bibeltextes ins 8. Jahrhundert datiert.

Der Text, der in der verkohlten En-Gedi-Rolle entdeckt wurde, ist "zu 100 Prozent identisch" mit der Version des Buches Leviticus, die seit Jahrhunderten verwendet wird, sagt der Experte für die Toten-Meer-Schriftrollen, Emmanuel Tov von der Hebräischen Universität Jerusalem, der an der Untersuchung teilnahm.

"Das ist ziemlich verblüffend für uns", sagte er. "In 2.000 Jahren hat sich dieser Text nicht verändert."

Noam Mizrahi, ein Experte für die Schriftrollen vom Toten Meer von der Universität Tel Aviv, der nicht an der Untersuchung teilnahm, nannte es einen "sehr, sehr schönen Fund". Er sagte, die Bildgebungstechnologie bietet großes Potenzial für weitere Texte ungeöffneter Schriftrollen vom Toten Meer.

"Was das hier zu einer aufregenden Entdeckung macht, ist nicht nur das, was gefunden wurde, sondern die Aussicht auf das, was noch enthüllt werden kann," sagte Mizrahi.


Hier gehts zum Originaltext.

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