Geschichte & Mythologie

Wer tötete den Riesen Goliat?


Der Riese Boagrius im Film "Troja" von Wolfgang Petersen
Der Riese Boagrius im Film "Troja" von Wolfgang Petersen

In der Bibel berichtet das 1. Buch Samuel, wie der Hirtenjunge David den Riesen Goliat bezwang:

"Da trat aus dem Lager der Philister ein Vorkämpfer hervor mit Namen Goliath, aus Gat; der war sechs Ellen und eine Spanne groß [...] und der Schaft seines Speeres war wie ein Weberbaum, [...] Und es geschah, als sich der Philister aufmachte und daherkam und sich David näherte, da eilte David und lief der Schlachtreihe entgegen, auf den Philister zu. Und David streckte seine Hand in die Tasche und nahm einen Stein heraus; und er schleuderte und traf den Philister an seine Stirn, so daß der Stein in seine Stirn drang und er auf sein Angesicht zur Erde fiel. So überwand David den Philister mit der Schleuder und mit dem Stein, und er erschlug den Philister und tötete ihn."
– 1. Buch Samuel, Kapitel 17, 4-50 (Schlachter-Übersetzung)

Die Geschichte dürfte allgemein bekannt sein – aber stimmt sie auch? Spitzfindigen Bibel-Kritikern ist nämlich aufgefallen, dass im 2. Buch Samuel noch einmal auf die Geschichte Bezug genommen wird, aber da wird Goliat plötzlich von einem anderen Mann getötet:

"Und es erhob sich noch ein Kampf mit den Philistern bei Gob. Da erschlug Elchanan, der Sohn des Jaare-Orgim, ein Bethlehemiter, den Goliath, den Gatiter; und dieser hatte einen Speer, dessen Schaft wie ein Weberbaum war."
– 2. Buch Samuel, Kapitel 21,19 (Schlachter-Übersetzung)

Wem gebührt nun der Ruhm, den Riesen getötet zu haben – David oder Elchanan? Die Angelegenheit ist umso merkwürdiger, wenn man bedenkt, dass das 1. und 2. Buch Samuel ursprünglich eine Einheit bildete. Samuel wird doch am Ende seines Buches nicht vergessen haben, was er am Anfang geschrieben hat?

Um den Widerspruch aufzulösen, wurden schon viele mehr oder weniger zufriedenstellende Erklärungen gegeben. Man hat vermutet, dass es zwei Riesen Goliat gegeben hat, beide aus der Stadt Gat und beide mit einem Speer, "dessen Schaft wie ein Weberbaum war". Aber das ist nun wirklich extrem unwahrscheinlich.

Ist David Elchanan?

Eine zweite Erklärung besagt, dass Elchanan ein anderer Name für David war, wie auch Salomo mehrere Namen hatte. Dafür spricht, dass Elchanan ein "Bethlehemiter" genannt wird, und David ebenfalls aus Bethlehem stammt. Jedoch wird Elchanan "Sohn des Jaare-Orgim" genannt, Davids Vater hieß aber Isai. Außerdem steht die Heldentat des Elchanan im Kontext einer Auflistung der Kämpfe gegen vier Riesen, den "Söhnen des Rapha", die alle von David bzw. seinen Kriegern erschlagen wurden. Schon beim ersten Riesen (Ischbi-Benob) heißt es über David, der zu diesem Zeitpunkt bereits in fortgeschrittenem Alter gewesen sein muss:

"David aber wurde müde. Ischbi-Benob aber, einer der Söhne des Rapha, [...] sagte, er wolle David erschlagen. Und Abisai, der Sohn der Zeruja, half [David] und schlug den Philister tot. Damals schworen die Männer Davids ihm und sprachen: Du sollst nicht mehr mit uns zum Krieg ausziehen, damit du die Leuchte Israels nicht auslöschst!"
– 2. Buch Samuel, Kapitel 21,15-17 (Schlachter-Übersetzung)

David sollte fortan nicht mehr in den Krieg ziehen, denn als König war er das Aushängeschild und die Hoffnung (die "Leuchte") Israels. Sie wollten nicht riskieren, dass er im Kampf fällt. Der Bibeltext bezeugt also schon selbst, dass David beim Kampf gegen den zweiten, dritten und vierten Riesen gar nicht anwesend war! Die Erklärung, dass David Elchanan ist, überzeugt also auch nicht gerade.

Lachmi, der Bruder des Goliat

Es gibt aber noch eine dritte Möglichkeit. Bei vielen Unklarheiten und Schwierigkeiten erklärt sich die Bibel selbst, und das ist auch hier der Fall. Ein Vergleich mit einem anderen Bibelbuch zeit, dass im 2. Buch Samuel ganz einfach ein Abschreibfehler vorliegt. Denn die Chronik der Könige Israels überliefert Folgendes:

"Und es kam nochmals zum Kampf mit den Philistern. Da erschlug Elchanan, der Sohn Jairs, den Lachmi, den Bruder Goliaths, den Gatiter, dessen Speerschaft wie ein Weberbaum war."
– 1. Buch der Chronik, Kapitel 20,5 (Schlachter-Übersetzung)

Das ist meines Erachtens die korrekte Antwort: Elchanan tötete nicht Goliat, sondern dessen Bruder! Das bedeutet, entweder ist Samuel am Ende seines Buches etwas müde geworden, oder die Abschreiber nach ihm haben den Fehler eingebaut. Genau genommen sind es sogar drei Fehler, die sich im hebräischen Originaltext rekonstruieren lassen.

Wer tötete Goliat? Zwei widersprüchliche Bibelstellen als Interlinear-Übersetzung im Vergleich
Wer tötete Goliat? Zwei widersprüchliche Bibelstellen als Interlinear-Übersetzung im Vergleich
Erstens: Das Zeichen des direkten Objekts, das in der Chronik direkt vor dem Namen "Lachmi" kommt, ist "-et" (את). Der Abschreiber muss es mit "bet" (בית) verwechselt haben und heraus kam "Bet ha-Lachmi", nämlich "der Bethlechemiter".

Zweitens: Im Text der Chronik steht direkt vor dem Namen "Goliat" das Wort für "Bruder", nämlich "achi" (אחי). Das wurde fälschlicherweise als Zeichen des direkten Objekts gelesen, nämlich "-et" (את), also das gleiche Zeichen, das zuvor beim Namen Lachmi richtig gewesen wäre! Damit wurde Goliat zum Objekt des Verbs "getötet", während sein "Bruder" gar nicht mehr auftaucht.

Drittens: Der letzte Fehler bezieht sich auf den Vater des Elchanan. Der Chronik-Text nennt ihn "Ja'ur" und erwähnt die Namensvariation "Ja'ir", die von den meisten deutschen Bibelübersetzungen verwendet wird. Im 2. Buch Samuel wird er stattdessen "Ja're-Orgim" genannt, was ungefähr "Wald der Weber" bedeutet, ein höchst ungewöhnlicher Name. Der Namenszusatz "Orgim" muss hier wohl unbeabsichtigt hineingerutscht sein. Denn am Ende des Satzes steht in Bezug auf Goliats Waffe ebenfalls "orgim", hier aber zusammen mit "kimnor", das bedeutet "wie ein Weberbaum", was absolut Sinn ergibt. Das heißt, der Name von Elchanans Vater müsste nur "Ja're" (יערי) lauten, und das ist ebenfalls eine Namensvariation von "Ja'ir" (יעור).

Elchanan war also nicht aus Betlechem, sondern tötete einen Mann namens Lachmi. Er tötete nicht "den Goliat", sondern "Goliats Bruder". Und sein Vater hieß nicht "Ja'ir-Weber", sondern einfach nur "Ja'ir". Der Schreiber hat hier keinen Widerspruch in die Bibel eingebaut, sondern nur ein paar winzige, hebräische Buchstaben falsch abgeschrieben, die sich durch einen Vergleich mit dem Chronikbuch korrigieren lassen.

Erstellt am 19. Dezember 2016 um 22:39 Uhr von Xan
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3D-Technik beweist: Hebräische Bibel seit 2.000 Jahren unverändert


Eine digitale Analyse von Röntgen-Scans hat es Forschern möglich gemacht, eine antike, verkohlte Schriftrolle aus En-Gedi zu "lesen", die zu zerbrechlich ist, um ausgewickelt zu werden. Der Artikel erschien am 22. September 2016 auf der Website der Times of Israel und wurde von mir aus dem englischen übersetzt.

Die virtuell aufgewickelte Schriftrolle von En-Gedi. (C) Israel Antiquities Authority
Die virtuell aufgewickelte Schriftrolle von En-Gedi. (C) Israel Antiquities Authority

JERUSALEM – Der verschmorte Klumpen einer 2.000 Jahre alten Schriftrolle lag seit Jahrzehnten in der Abstellkammer eines israelischen Archäologen, weil sie zu brüchig ist, um geöffnet zu werden. Doch jetzt hat eine neue Darstellungs-Technologie offenbart, was darin geschrieben steht: Der früheste Beweis eines biblischen Textes in seiner standardisierten Form.

Die Wissenschaftler sagen, der Abschnitt aus dem Buch Leviticus ist der erste physische Beweis einer Annahme, die schon lange geglaubt wurde: Dass die Version der hebräischen Bibel, die heute verwendet wird, 2.000 Jahre zurückgeht.

Die Entdeckung, die am Donnerstag in einem Artikel der Zeitschrift Science Advances von Forschern aus Kentucky und Jerusalem angekündigt worden ist, wurde mittels "Virtual Unwrapping" gemacht, der digitalen 3D-Analyse eines Röntgen-Scans. Die Forscher sagen, es ist das erste Mal, dass sie in der Lage sind, den Text einer altertümlichen Schriftrolle zu lesen, ohne sie tatsächlich zu öffnen. "Ihr könnt euch die Freude im Labor nicht vorstellen", sagt Pnina Shor von der Israel Antiquities Authority (IAA), die an der Untersuchung teilnahm.

Die digitale Technologie, die von Google und der US National Science Foundation gespendet wurde, soll als Open Source Software bis zum Ende nächsten Jahres der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Die Forscher hoffen, die Technologie verwenden zu können, um auch in andere, alte Dokumente zu spickeln, die zu zerbrechlich sind, um geöffnet zu werden, beispielsweise einige der Schriftrollen vom Toten Meer oder Papyrus-Rollen, die im Jahr 79 n. Chr. beim Ausbruch des Vulkans Vesuv karbonisiert wurden. Die Forscher glauben, dass die Technologie auch in der Forensik, von Geheimdiensten und zur Erhaltung von Antiquitäten eingesetzt werden könnte.

Die biblische Schriftrolle, die bei der Analyse untersucht wurde, ist erstmals im Jahr 1970 von Archäologen in En-Gedi entdeckt worden, dem Ort einer alten, jüdischen Gemeinde in der Nähe des Toten Meeres. Im Toraschrein der historischen Synagoge fanden die Archäologen Klumpen von Schriftrollen-Fragmenten. Die Synagoge wurde in einem altertümlichen Feuer zerstört, welches die Schriftrollen verkohlt hat. Durch das trockene Klima der Gegend blieben sie erhalten, doch wenn sie ein Archäologe berühren würde, würden sie beginnen, auseinanderzufallen. Also wurden die verkohlten Stücke für beinahe ein halbes Jahrhundert eingelagert, während niemand wusste, was darin geschrieben steht.

Dieses undatierte Foto zeigt eine antike, verkohlte Schriftrolle, die vor Jahrhunderten in einem Feuer zerstört wurde. (C) Israel Antiquities Authority
Dieses undatierte Foto zeigt eine antike, verkohlte Schriftrolle, die vor Jahrhunderten in einem Feuer zerstört wurde. (C) Israel Antiquities Authority
Letztes Jahr kam Yosef Porath, der Archäologe, der 1970 in En-Gedi die Ausgrabungen gemacht hat, in ein Labor der Israel Antiquities Authority, in dem die Schriftrollen vom Toten Meer erhalten werden. Bei sich hatte er Boxen mit verkohlten Stücken. Das Labor hatte bereits hochauflösende Abbildungen der Schriftrollen vom Toten Meer erstellt, den frühesten Abschriften biblischer Texte, die je gefunden wurden, und so bat er die Forscher, die verbrannten Rollen zu scannen.

Shor, die das Labor leitet, meinte: "Ich sah ihn an und sagte: 'Sie müssen scherzen'". Sie willigte ein, und einige der verbrannten Rollen wurden mittels Röntgen-basierter, mikro-berechneter Schichtaufnahme gescannt, einer 3D-Variante der Computertomographie, die in Krankenhäusern genutzt wird, um Abbildungen von innenliegenden Körperteilen zu erstellen. Die Bilder wurden anschließend zu William Brent Seales geschickt, einem Forscher der Abteilung Computerwissenschaften der Universität Kentucky. Nur eine der Schriftrollen konnte entziffert werden.

Mit Hilfe der "Virtual Unwrapping" Technologie konnte er und sein Team in mühevoller Kleinarbeit die dreidimensionale Form der Schriftrollen-Schichten erfassen. Dabei nutzten sie ein digitales, dreieckiges Oberflächennetz, um eine digitale Wiedergabe der Teile zu erstellen, in denen sie Text vermuteten. Danach suchten sie Bildpunkte, die Tinte darstellen könnten, die mit einem dichten Material wie Eisen oder Blei geschrieben wurde. Zuletzt verwendeten sie Computermodellierung, um die Schriftrolle virtuell zu glätten und einige Zeilen des darin liegenden Textes lesen zu können.

"Man sah nicht nur Geschriebenes, sondern es war lesbar", sagte Seales. "An diesem Punkt waren wir außer uns vor Freude." Die Forscher sagen, es ist das erste Mal, dass eine biblische Schriftrolle im heiligen Toraschrein einer altertümlichen Synagoge gefunden wurde, in dem sie für Gebete aufbewahrt wurde, und nicht in Wüstenhöhlen wie die Schriftrollen vom Toten Meer.

Die Entdeckung hat für Gelehrte große Bedeutung in Bezug auf das Verständnis der Entwicklung der hebräischen Bibel, sagen die Forscher. In alten Zeiten kursierten viele Versionen der hebräischen Bibel. Die Schriftrollen vom Toten Meer, die bis ins 3. Jahrhundert v. Chr. datiert werden, beinhalten einige Textversionen, die von der heutigen hebräischen Bibel völlig verschieden sind. Forscher gingen davon aus, dass die hebräische Bibel in ihrer standardisierten Form erst vor etwa 2.000 Jahren aufkam, hatten aber nie einen physischen Beweis dafür – bis jetzt, gemäß der Analyse. Bisher wurden die ältesten bekannten Fragmente des modernen Bibeltextes ins 8. Jahrhundert datiert.

Der Text, der in der verkohlten En-Gedi-Rolle entdeckt wurde, ist "zu 100 Prozent identisch" mit der Version des Buches Leviticus, die seit Jahrhunderten verwendet wird, sagt der Experte für die Toten-Meer-Schriftrollen, Emmanuel Tov von der Hebräischen Universität Jerusalem, der an der Untersuchung teilnahm.

"Das ist ziemlich verblüffend für uns", sagte er. "In 2.000 Jahren hat sich dieser Text nicht verändert."

Noam Mizrahi, ein Experte für die Schriftrollen vom Toten Meer von der Universität Tel Aviv, der nicht an der Untersuchung teilnahm, nannte es einen "sehr, sehr schönen Fund". Er sagte, die Bildgebungstechnologie bietet großes Potenzial für weitere Texte ungeöffneter Schriftrollen vom Toten Meer.

"Was das hier zu einer aufregenden Entdeckung macht, ist nicht nur das, was gefunden wurde, sondern die Aussicht auf das, was noch enthüllt werden kann," sagte Mizrahi.


Hier gehts zum Originaltext.

Erstellt am 26. September 2016 um 15:51 Uhr von Xan
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In den Tagen Noahs


Methushalem mit seinem Ur-Enkel Shem im Film "Noah" von Darren Aronofsky
Methushalem mit seinem Ur-Enkel Shem im Film "Noah" von Darren Aronofsky

Auf den ersten Blick scheint das 5. Kapitel der Genesis auf den ersten Seiten der Bibel nur ein langes, langweiliges Geschlechtsregister zu sein. Doch darin steckt viel mehr, als es auf den ersten Blick scheint.

Vermutlich wundern wir uns zunächst mal über die scheinbar übertriebenen Altersangaben von mehreren hundert Jahren. Man könnte argumentieren, dass solche mythischen Berichte durch die lange, mündliche Überlieferung verfälscht wurden und bestenfalls noch eine symbolische Bedeutung haben. Aber ich halte es auch für möglich, dass unsere Vorväter wirklich so alt geworden sind. Schließlich war die Erde vor der Sintflut eine völlig andere Welt, in der völlig andere Lebensbedingungen herrschten.

Setzen wir die Erschaffung Adams mit dem Jahr 0 gleich, erhalten wir folgende Lebenszeiten der zehn Patriarchen:

Adam: 0-930
Seth: 130-1042
Enosch: 235-1140
Kenan: 325-1235
Mahalaleel: 395-1290
Jared: 460-1422
Henoch: 622-987
Methusalah: 687-1656
Lamech: 874-1651
Noah: 1056-2006

Wenn diese Angaben korrekt sind, ist das nicht nur erstaunlich, sondern sagt auch etwas über die Zuverlässigkeit des ganzen Buches Genesis: Wenn jemand über die Schöpfung und den Sündenfall gut informiert war, dann wohl Adam, denn der war dabei. Mit Sicherheit hat er sein Wissen an seine Söhne weitergegeben – und an die folgenden 8 Generationen, denn Adam lebte immer noch, als sein Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Ur-Enkel Lamech bereits ein erwachsener Mann war! Adam hat eine Begegnung mit Noah nur um eine einzige Generation verpasst.

Es ist also durchaus möglich, dass Adam mit Lamech von Angesicht zu Angesicht gesprochen hat. Lamech hat Adams Geschichte vom Anfang bis zum Ende direkt von Adam selbst hören können. Noah hätte diese Information dann aus zweiter Hand bekommen. Adams Geschichte wurde also nicht über viele Generationen hinweg immer weiter ausgeschmückt, übertrieben und verfälscht, sondern konnte durch Noah ziemlich original in die "neue Welt" nach der Sintflut hinübergetragen werden.

Es ist sogar möglich, dass Adam und der Rest seiner Nachkommen genau wussten, was Gott für Noahs Tage und für den Rest der Geschichte im Sinn hatte. Adam hatte mit Gott selbst von Angesicht zu Angesicht gesprochen und (wer weiß, wie lange!) in direkter Gemeinschaft mit dem Allmächtigen gelebt. Es ist nicht auszudenken, welche Geheimnisse Adam gekannt haben könnte. Wenn wir uns die Namen der vorsintflutlichen Männer im hebräischen Originaltext anschauen, werden wir feststellen, dass sie eine Bedeutung tragen, die weit über ihre Zeit hinausweist:

Adam = אדמ "Mensch"
Seth = שת "gesetzt" (im Sinne von "bestimmt")
Enosh = אנוש "Sterblicher, (kranker) Mensch" (im Gegensatz zu Adam)
Kenan = קין (kain) "klagen, Klagender" (z.B. in Jeremia 9,16 und 2. Samuel 1,17)
Mahalalel = מהלל אל (mahalal el) "gepriesener Gott"
Jared = ירד (yarad) "er kommt herunter"
Henoch = חנך (chanak) "einweihen, unterrichten, belehren" (z.B. in Sprüche 22,6)
Methushelach = מתו שלח "sein Tod sendet/bringt"
Lamech = למוך (la muk) "zu den Niedrigen, Armen" (z.B. in Levitikus 25,47 und 27,8)
Noah = נוח "ruhen, Ruhe geben"

Liest man die Bedeutung der Namen hintereinander weg, könnte sich daraus folgender Satz ergeben:

(Dem) Menschen (ist) bestimmt Sterblichkeit und Klage, (doch) der gepriesene Gott steigt herab (und) lehrt (dass) sein Tod bringen wird für (die) Erniedrigten Ruhe.

Die Namens-Bedeutung der zehn Patriarchen aus Genesis 5
Die Namens-Bedeutung der zehn Patriarchen aus Genesis 5
Handelt es sich nur um einen interessanten Zufall? Ist es zu weit hergeholt oder zu stark interpretiert? Das überlasse ich der Entscheidung des Lesers. Auf jeden Fall kann man in den Namen eine Kurzfassung des Evangeliums erkennen. Gott kam in Jesus Christus auf die Erde, wurde getötet und hat dadurch Vergebung der Sünden für die leidgeplagte Menschheit erwirkt. Und diese Namen standen nachweislich schon lange vor Jesu Geburt in der Torah. Faszinierend!

Aber es gibt noch einen weiteren Aspekt in diesem Geschlechtsregister, der göttliche Struktur und Planung nahelegt: Methushelach lebte 969 Jahre, das ist die längste Lebensdauer eines Menschen in der Bibel. Sein Name bedeutet: "sein Tod wird bringen“. Aber was genau brachte Methushelachs Tod? Aus dem Geschlechtsregister erfahren wir, dass Methushelach 1656 Jahre nach Adams Erschaffung starb. Und Noah wurde 1056 Jahre nach Adams Erschaffung geboren. Weiter steht geschrieben:

"Noah war 600 Jahre alt, als die Wasser der Sintflut auf die Erde kamen."
– Genesis 7,6

Die Sintflut brach somit genau 1656 Jahre (1056+600) nach Adams Erschaffung über die Welt herein. Genau in diesem Jahr starb Methushelach. Sein Tod würde die Sintflut bringen! Vielleicht war Methushelach Teil einer vorsintflutlichen Prophezeiung, durch die das Ende der alten Welt im Voraus angekündigt wurde. Was auch immer daran sein mag – eines steht fest: Gott hat einen Plan mit dieser Welt, und er will uns daran teilhaben lassen.

_______________

Anmerkung: Die Namens-Bedeutungen von Kenan und Lamech werden in vielen Enzyklopädien anders wiedergegeben (Kenan wird übersetzt mit "Schmied" und Lamech mit "Starker, Überwinder". Dass die oben gewählten Übersetzungen genau so gut möglich sind, wird für Kenan hier und für Lamech hier sehr schön herausgestellt.

Erstellt am 08. Juni 2014 um 09:53 Uhr von Xan
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Studiert Geschichte!


Mal wieder was zum Nachdenken:

"Wer nicht Geschichte studiert, ist dazu verdammt, sie zu wiederholen. Wer hingegen Geschichte studiert, ist dazu verdammt, hilflos dabeizustehen, während sie alle anderen wiederholen."

Erstellt am 09. Januar 2014 um 23:11 Uhr von Xan
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Das Problem mit Jesu Stammbaum


Wer in der Bibel nach Widersprüchen sucht, wird schnell fündig. Scheinbar jedenfalls. In Bezug auf das Geschlechtsregister von Jesus Christus musste ich feststellen, dass es in kaum einem anderen Kapitel so viele Unklarheiten auf einem Fleck gibt.

Prüft alles, da Gute behaltet.
Prüft alles, da Gute behaltet.

Das Geschlechtsregister von Jesus Christus wurde sowohl im Matthäus-Evangelium als auch im Lukas-Evangelium überliefert. Die beiden Versionen unterscheiden sich gravierend voneinander, was viele Leute zum Anlass nehmen, die Autorität der gesamten Bibel in Frage zu stellen. Dabei ist das Problem sehr leicht zu lösen: Der eine Stammbaum führt wahrscheinlich über Jesu Mutter Mirjam, der andere über seinen Stiefvater Joseph. Im Artikel "Prophezeiungen über Jesus Christus" habe ich das mal schön bildlich dargestellt. Soweit so gut, doch es gibt noch ein viel schwierigeres Problem. Schauen wir uns mal den Bericht von Matthäus an:

"Geschlechtsregister Jesu Christi, des Sohnes Davids, des Sohnes Abrahams. Abraham zeugte den Isaak; Isaak zeugte den Jakob; Jakob zeugte den Juda und seine Brüder; Juda zeugte den Perez und den Serach mit der Tamar; Perez zeugte den Hezron; Hezron zeugte den Aram; Aram zeugte den Amminadab; Amminadab zeugte den Nachschon; Nachschon zeugte den Salmon; Salmon zeugte den Boas mit der Rahab; Boas zeugte den Obed mit der Ruth; Obed zeugte den Isai; Isai zeugte den König David.

Der König David zeugte den Salomo mit der Frau des Uria; Salomo zeugte den Rehabeam; Rehabeam zeugte den Abija; Abija zeugte den Asa; Asa zeugte den Josaphat; Josaphat zeugte den Joram; Joram zeugte den Usija; Usija zeugte den Jotam; Jotam zeugte den Ahas; Ahas zeugte den Hiskia; Hiskia zeugte den Manasse; Manasse zeugte den Amon; Amon zeugte den Josia; Josia zeugte den Jechonja und dessen Brüder zur Zeit der Wegführung nach Babylon.

Nach der Wegführung nach Babylon zeugte Jechonja den Schealtiel; Schealtiel zeugte den Serubbabel; Serubbabel zeugte den Abihud; Abihud zeugte den Eljakim; Eljakim zeugte den Asor; Asor zeugte den Zadok; Zadok zeugte den Achim; Achim zeugte den Eliud; Eliud zeugte den Eleasar; Eleasar zeugte den Mattan; Mattan zeugte den Jakob; Jakob zeugte den Joseph, den Mann der Maria, von welcher Jesus geboren ist, der Christus genannt wird.

So sind es nun von Abraham bis zu David insgesamt vierzehn Generationen und von David bis zur Wegführung nach Babylon vierzehn Generationen und von der Wegführung nach Babylon bis zu Christus vierzehn Generationen."

– Evangelium nach Matthäus, Kapitel 1,1-17

Jesus Christus ist sowohl über Mirjam als auch über Joseph ein Nachkomme König Davids.
Jesus Christus ist sowohl über Mirjam als auch über Joseph ein Nachkomme König Davids.
Der Autor trennt das Geschlechtsregister in drei 14er-Blöcke. Sein Interesse an dieser Zahl ist schleierhaft, vielleicht sollte es als Merkhilfe dienen, oder er wollte die besondere Bedeutung der Abstammung von König David hervorheben, denn der Zahlenwert des Namens "David" beträgt vierzehn. Auf jeden Fall musste Matthäus ganz schön murksen, um den Stammbaum in drei 14er-Blöcke zu quetschen. Ein Vergleich mit 1. Chronik 3,10-12 zeigt, dass er vier Generationen übersprungen hat, um das Register abzukürzen. Das wäre nicht weiter tragisch, denn im Sprachgebrauch der Bibel kann auch ein Enkel als "Sohn" seines Großvaters bezeichnet werden. Jesus wurde auch "Sohn Davids" genannt, obwohl mindestens 30 Generationen dazwischen liegen. Das Problem ist viel mehr, dass in der Namensliste von Matthäus trotz Auslassungen ein Name zu viel steht! Von David bis zur Wegführung nach Babylon sollten 14 Generationen stehen. Doch wer genau nachzählt, wird feststellen, dass Matthäus 15 Namen nennt.

Ein Erklärungsversuch besagt, dass David hier nicht mitgezählt werden darf, da er bereits im ersten 14er-Block genannt wurde. Aber dann dürfte streng genommen auch Jechonja im dritten Block nicht mitgezählt werden, womit dort nur noch 13 Namen stünden. Im Kommentar der John McArthur-Studienbibel wird vorgeschlagen, dass Jechonja sowohl im zweiten als auch im dritten Block stehen muss, weil er sowohl die letzte Generation vor dem babylonischen Exil repräsentiert als auch die erste Generation nach dem Exil. Das scheint mir dann aber doch zu sehr konstruiert. Außerdem sagt Matthäus ausdrücklich, dass es von *David* bis zur Wegführung 14 Generationen sind, nicht von Salomo bis zur Wegführung.

So weit, so schlecht, also hab ich Google gefragt und bin dadurch auf die Website prueft-alles.com gestoßen, deren Autor Maurits im übrigen ein sehr nobles Motto verfolgt. Er hat auch sogleich eine klare und einfache Lösung des Namen-Problems gefunden. Hätte ich mal den Bibeltext genauer gelesen, hätte ich auch selbst drauf kommen können: Matthäus nennt zwar im zweiten Block 15 Namen, aber der letzte Name, Jechonja, sollte nicht mitgezählt werden. Warum? Ganz einfach. Es heißt ja nicht, dass es von David bis zu Jechonja 14 Namen sind, sondern von David bis zur Wegführung. Matthäus nimmt hier keine Person als Fixpunkt, sondern ein Ereignis. Und der Bibeltext verrät uns, dass Jechonja "zur Zeit" der Wegführung geboren wurde. Genau genommen war er gerade mal 18 Jahre alt und erst seit 3 Monaten König, als Nebukadnezar vor den Toren Jerusalems stand (2. Könige 24,8-12). Aber Jechonjas Generation war faktisch die erste nach der Wegführung. Er selbst zeugte auch erst nach dem Exil Söhne. Und genau darum geht es Matthäus. So kämen wir auf folgende Dreiteilung:

1. Abraham – 2. Isaak – 3. Jakob – 4. Juda – 5. Perez – 6. Hezron – 7. Aram – 8. Amminadab – 9. Nachschon – 10. Salmon – 11. Boas – 12. Obed – 13. Isai – 14. David

1. David – 2. Salomo – 3. Rehabeam – 4. Abija – 5. Asa – 6. Josaphat – 7. Joram – 8. Usija – 9. Jotam – 10. Ahas – 11. Hiskia – 12. Manasse – 13. Amon – 14. Josia

1. Jechonja – 2. Schealtiel – 3. Serubbabel – 4. Abihud – 5. Eljakim – 6. Asor – 7. Zadok – 8. Achim – 9. Elihud – 10. Eleasar – 11. Mattan – 12. Jakob – 13. Joseph – 14. Jesus

Das klingt doch einigermaßen logisch, wie ich finde, auch wenn es unserem westlichen Sinn nach Ordnung und Gleichheit etwas widerstreben mag. Die Hebräer sind da eben ein ganz eigenes Völkchen. Und wer sich nach all den Namen und Zahlen immer noch am Kopf kratzt und skeptisch drein guckt, dem kann ich beruhigt sagen:

"Die törichten Streitfragen aber und Geschlechtsregister, sowie Zwistigkeiten und Auseinandersetzungen über das Gesetz meide; denn sie sind unnütz und nichtig."
– Brief an Titus, Kapitel 3,9

Shalom :-)

Erstellt am 15. Dezember 2013 um 00:37 Uhr von Xan
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25 Sintflut-Sagen im Vergleich


Die Arche auf den Wassern der Sintflut (c) Vicky Gitto & Andrea Fumagalli, www.yr.com
Die Arche auf den Wassern der Sintflut (c) Vicky Gitto & Andrea Fumagalli, www.yr.com

Das alte "Märchen" von Noah und der Sintflut dürfte allgemein bekannt sein. Nicht ganz so populär sind die vielen anderen Sintflut-Berichte aus den exotischsten Teilen der Welt, die zwar grenzenlos fantasievoll und nicht selten absurd klingen, sich aber im Kern mit der hebräischen Sintflut-Sage decken, die wir aus der Bibel kennen. Tatsächlich gibt es mehrere hundert solcher Legenden, was auf eine kollektive Erinnerung im Bewusstsein der Völker hindeutet.

Nach mehreren Wochen Recherche kann ich endlich das Ergebnis meiner Arbeit präsentieren: Eine Übersicht, die 25 verschiedene Sintflut-Sagen in direkten Vergleich stellt und die Gemeinsamkeiten mit dem hebräischen Sintflut-Bericht aufzeigt.

25 Sintflut-Sagen im Vergleich
25 Sintflut-Sagen im Vergleich
Für eine besonders große Darstellung kannst du folgenden Direktlink in die Browserzeile eingeben: www.lightwish.de/images/tab-flood-legends.jpg

Im Übrigen sei noch angemerkt, dass ich bereits die Geschichten aussortiert habe, die offensichtlich vom biblischen Flutbericht beeinflusst worden sind. Die Ureinwohner Amerikas oder Australiens gaben ihre Flutgeschichten oft mündlich an europäische Forschungsreisende weiter. Somit kann nicht immer ausgeschlossen werden, dass die Eingeborenen während der Kolonialzeit von christlichen Missionaren beeinflusst wurden und ihre Flutgeschichte auch nur von diesen übernommen haben. Bei den meisten Flutberichten existiert allerdings eine schriftliche Grundlage, die nicht von übereifrigen Christen interpoliert wurde. (Beispielsweise ist der sumerische Flutbericht im Gilgamesch-Epos mehr als 2.000 Jahre älter als das Christentum selbst.)

Hier geht`s zum allgemeinen Sintflut-Artikel, in dem ich auch begründe, warum ich die Geschichte für gar nicht so unrealistisch halte. Weitergabe erwünscht !

Das war`s dann wieder von mir. Viel Spaß beim Erforschen der alten Kulturen, ich jedenfalls hab jetzt erst mal genug davon ... ;-)

Erstellt am 23. Oktober 2013 um 16:28 Uhr von Xan
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There is always a bigger fish...


Ein "großer Fisch", der Noah verschluckt haben könnte (c) Unbekannt
Ein "großer Fisch", der Noah verschluckt haben könnte (c) Unbekannt

Ist es möglich, dass der arme Prophet Jona drei Tage und drei Nächte im Magen eines Fisches überlebte, wie es die Bibel überliefert? Nun, vor etwa 120 Jahren gab es einen ähnlichen Fall. Hier ist die komplette Story:

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Im Februar 1891 befand sich das Walfangschiff Star of the East in der Nähe der Falklandinseln auf der Jagd nach Walen. Eines Morgens sichtete man in drei Meilen Entfernung (ungefähr 5,5 km) einen Wal. Zwei kleine Boote wurden zu Wasser gelassen. Der Harpunierer schoss und traf den Wal. Das Tier war außerordentlich groß. Wegen seiner Verletzung gab es seltsame Laute von sich. Es schwamm in rasender Geschwindigkeit fort, wobei es die Männer im Boot mitschleppte. 5 Meilen schwamm der Wal geradeaus, dann wendete er und kam fast genau dorthin zurück, wo er von der ersten Harpune getroffen wurde. Vom zweiten Boot erhielt das Tier einen weiteren Harpunenstoß. Der Schmerz machte den Wal offensichtlich rasend, denn er tobte so fürchterlich, dass Boote versuchten, außerhalb der Reichweite des Tieres, das sich anscheinend im Todeskampf befand, zu gelangen. Ein Boot schaffte es, das andere aber hatte weniger Glück. Der Wal stieß dagegen und warf es um. Die Männer fielen ins Wasser, und bevor die Besatzung des anderen Bootes sie retten konnte, war einer ertrunken, und James Bartley war verschwunden. Als der Wal vor Erschöpfung ruhiger wurde, suchte man im Wasser nach Bartley, aber er war nicht aufzufinden. Man nahm an, dass er vom Schwanz des Wales getroffen worden und dann auf den Meeresgrund gesunken war.

Der Wal war tot. Die Männer beeilten sich, mit ihrem Werkzeug das Fleisch des Tieres zu zerschneiden und das Fett zu bergen. Am nächsten Morgen ging es weiter. Sie kamen bald bis zum Magen. Als die Arbeiter damit beschäftigt waren, ihn zu reinigen, entdeckten sie zu ihrem Schrecken, dass etwas Zusammengekrümmtes darin lag, das krampfartige Zeichen von Leben äußerte. Der Magen wurde aufgeschnitten. Man fand darin den vermissten Seemann zusammengekrümmt und bewußtlos. Er wurde an Deck gelegt und mit einem Meerwasserbad behandelt. Als er zu Bewusstsein kam, war sein Geist völlig verwirrt. Man verlegte ihn in die Kapitänskabine. Dort blieb er zwei Wochen lang ein tobender Wahnsinniger. Kapitän und Schiffsleute pflegten ihn mit viel Sorgfalt, und schließlich wurde er wieder Herr seiner Sinne.

Nach drei Wochen hatte er sich von dem Schock erholt und nahm seine Arbeit wieder auf. Während des kurzen Aufenthaltes im Bauch des Wales aber, bei dem die Haut des Mannes der Wirkung der Magensäfte ausgesetzt gewesen war, hatte sie sich auf auffällige Weise verändert. Seine Hände und sein Gesicht waren so gebleicht, dass sie weiß wie bei einem Toten aussahen. Die Haut war runzelig geworden. Bartley versicherte, dass er in seinem Fleischgehäuse vermutlich gelebt hätte bis er verhungert wäre, denn er habe die Besinnung nicht aus Mangel an Luft, sondern durch seine Angst verloren.

Nach seinen Berichten erinnerte er sich an das Gefühl, von der Nase des Wales in die Luft gehoben zu werden und wieder ins Wasser zu fallen. Dann habe es ein erschreckendes Geräusch wie von einem Sturz gegeben. Er sei von einer furchtbaren Finsternis umgeben gewesen und habe gefühlt, wie er durch eine Art glatten Gang rutschte, der sich zu bewegen und ihn weiterzutragen schien. Dieses Gefühl habe nur kurz gedauert. Dann habe er gemerkt, dass er mehr Raum hatte. Er tastete seine Umgebung ab, und seine Hände kamen mit einer ihm nachgebenden, schleimigen Substanz in Berührung, die immer dann, wenn er sie anrührte, zurückzuweichen schien.

Schließlich dämmerte ihm, dass er von dem Wal verschluckt worden war, und der Schrecken über diese Lage überwältigte ihn. Er konnte leicht atmen, aber die Hitze war schrecklich. Sie war nicht versengend oder erstickend, sie schien ihm vielmehr seine Lebenskraft aus ihm herauszuziehen. Er wurde sehr schwach, und ihm wurde übel. Er wusste, dass es keine Hoffnung gab, diesem fremdartigen Gefängnis zu entkommen. Er versuchte, dem Tod tapfer entgegenzusehen, aber die grausige Stille, die furchtbare Finsternis, das entsetzliche Wissen um die Umstände und die schreckliche Hitze überwältigten ihn schließlich, und er musste in Ohnmacht gefallen sein. Denn das nächste, woran er sich erinnerte war, dass er sich in der Kabine des Kapitäns wiederfand.

Bartley war kein furchtsamer Mann, aber er sagt, dass es viele Wochen gedauert habe, bevor er eine Nacht schlief, ohne dass quälende Träume von zornigen Walen und den Schrecken seines fürchterlichen Gefängnisses ihn beunruhigt hätten. Die Haut Bartleys hat nie wieder ihr natürliches aussehen zurückgewonnen. Sie blieb gelb und runzelig und sah aus wie altes Pergament.

Die Geschichte wurde von dem französischen Naturwissenschaftler Henri de Parville bestätigt. Er meint, dass die Erzählungen des Kapitäns und der Mannschaft des englischen Walfangschiffes glaubwürdig seien. Dazu bemerkt er: "Es werden viele Fälle berichtet, in denen Wale in der Raserei ihres Todeskampfes Menschen verschluckt haben. Aber dieses ist der erste Fall, bei dem ein Opfer lebend wieder ans Tageslicht kam. Nach dieser Illustration komme ich doch dazu, zu glauben, dass Jona tatsächlich lebend aus dem Wal herauskam, wie es die Bibel berichtet." (Übrigens: Die Bibel spricht stets von einem "Fisch" – nie ausdrücklich von einem Wal. Vielleicht war`s auch der Leviathan ...)

James Bartley blieb ein gezeichneter Mensch. Seine Augen hatten schwer gelitten. An eine Arbeit als Matrose war nicht mehr zu denken. Als schwer sehbehinderter Schuster lebte er noch 13 Jahre in seiner Heimatstadt Gloucester/England. Dort liegt er auch begraben.

Quelle: Arthur Gook, "Can A Young Man Trust?"
Wikipedia-Artikel

Erstellt am 21. Juli 2013 um 14:59 Uhr von Xan
Kategorie: Geschichte & Mythologie
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