Der personifizierte Hades und die Toten (c) Mathia Arkoniel, mathiaarkoniel.com

Gibt es Feuer in der Hölle?

Die Hölle gehört zum alltäglichen, leichtfertigen Sprachgebrauch. Man versteht sie als großes Feuer, in dem die "Bösen" von niedlichen Dämonen mit Mistgabeln gepiesakt werden. Dabei wird die Hölle verharmlost, bezweifelt und belächelt. Diejenigen, die sie ernst nehmen, befinden sich dagegen oft in Angst und Ungewissheit, während sie sich den Kopf darüber zerbrechen, wie ein liebender Gott seine Geschöpfe ewig in der Hölle schmoren lassen kann. Ich bin zu der Überzeugung gelangt, dass diese Vorstellung der Hölle ein hartnäckiger Mythos ist, der nicht in der Bibel gelehrt wird.

Gottes Strafe für menschliche Sünde

Der Gedanke an ein jenseitiges Feuer mag ungemütlich sein, doch es lohnt sich herauszufinden, was uns nach dem Sterben erwartet. Natürlich macht das nur Sinn, wenn wir die Existenz eines göttlichen Schöpfers voraussetzen, der uns von den Toten zurückholen kann. Im materialistischen Weltbild der Evolution gibt es keinerlei Hoffnung auf irgendeine Art Leben nach dem Tod, somit kann es auch keine Hölle geben. Doch so lange die Möglichkeit ihrer Existenz größer ist als Null, wäre es weise, sich damit auseinanderzusetzen. Fragen wir zunächst: Was ist die Strafe für Sünde? In der Heiligen Schrift (Torah/Bibel) sagen uns die alten Propheten und die Apostel einstimmig und unmissverständlich:

"Die Seele die sündigt, soll sterben!"
– Prophet Hesekiel, Kapitel 18,4

"Der Lohn der Sünde ist der Tod."
– Apostel Paulus, Brief an die Römer, Kapitel 6,23

Direkt nach der Erschaffung Adams, des ersten Menschen, warnt ihn sogar der Allmächtige persönlich vor den Konsequenzen seines Fehlverhaltens:

"Von dem Baum der Erkenntnis des Guten und des Bösen sollst du nicht essen; denn an dem Tag, da du davon isst, musst du gewisslich sterben!"
– Genesis Kapitel 2,17

Da konnten Adam und Eva eigentlich nicht viel falsch machen! Hätten sie diese eine Warnung beachtet, dann hätten sie ewig leben können. Natürlich geht es Gott nicht um Speise-Gebote. Doch an diesem einen, winzigen Verbot würde sich menschliche Demut beweisen – oder aber Rebellion, Egoismus, Gier und das Streben nach der Macht Gottes. Wir wissen alle, dass Adam von der Frucht des verbotenen Baumes gegessen hat. Sein Verlangen nach Selbstbestimmung zeigt sich seitdem in allen Generationen. Das ist der Grund, warum jeder von uns früher oder später mit dem Tod Bekanntschaft macht. Statistisch gesehen sterben von zehn Menschen alle zehn. Es ist die tragische Konsequenz der Sünde. Aber keine Rede von einem ewigen Feuer!

Begriffliche Abgrenzung

Das deutsche Wort "Hölle" stammt etymologisch gesehen vom germanischen Hel. Es ist der Name der altnordischen Todesgöttin, die über die gleichnamige Unterwelt herrscht; einen kalten, tristen Ort. Das so abschreckend klingende Wort "Hölle" bezeichnet also ursprünglich nur das Totenreich, das bei den Griechen Hades und bei den Hebräern Sheol genannt wird. Im gesamten Alten Testament der Bibel wird dieses Totenreich als Ort gedacht, an dem die Toten bis zum Tag des jüngsten Gerichts "schlafen".[1] Es gibt dort weder Sinneseindrücke noch Gedanken.[2] Bevor die Toten am Ende der Welt auferstehen, sind sie in gewisser Weise nirgendwo; sie existieren nicht mehr,[3] höchstens als eine Idee Gottes. Sollte es eine feurige Hölle geben, wird sie daher frühestens in Folge der Auferstehung der Toten bevölkert werden. Übrigens unterscheiden auch andere Kulturen zwischen diesen zwei Orten: Die alten Griechen kannten innerhalb des Totenreiches noch einen abgegrenzten Ort der Qual für besonders böse Individuen, den Tartaros.

Das Tal Hinnom vor Jerusalem (c) Deror Avi, Wikipedia.org
Das Tal Hinnom vor Jerusalem (c) Deror Avi, Wikipedia.org
Unser Wort "Hölle" bekam seine feurige Note erst durch die Lehre von Jesus Christus – besser gesagt: durch die kirchliche Interpretation seiner Lehre. Der Sohn Gottes warnte mehrfach und voller Ernst vor einem Ort namens Gehenna (hebr. Ge-Hinnom), was so viel bedeutet wie "Schlucht von Hinnom". In diesem Tal wurden während der Regierungszeit der israelitischen Könige Ahas und Manasse schreckliche Menschenopfer für den heidnischen Götzen Moloch dargebracht.[4] Darüber hinaus besagen mittelalterliche Quellen, dass an dieser unheiligen Stätte die Leichen verurteilter Verbrecher in einem dauerhaft brennenden Feuer beseitigt wurden.[5] Wenn Jesus über die Gehenna sprach, hatten seine Zuhörer zweifelsohne das Bild verbrennender Menschen im Sinn. Wenn die Toten aber im Hades schlafen, muss Jesus mit der Gehenna einen Ort (oder ein Ereignis!) gemeint haben, das erst nach unserem Aufenthalt im Totenreich folgt.

Unnötig zu sagen, dass eine Differenzierung der Begriffe enorm wichtig ist. Leider war Martin Luther bei seiner Bibel-Übersetzung diesbezüglich eher ungenau: Er übersetzte Sheol, Hades, Gehenna und Tartaros allesamt mit Hölle. Doch wollte Jesus mit seiner Beschreibung der Gehenna wirklich sagen, dass Sünder im Tod weiterleben und ewig gequält werden? Ich denke nicht. Wenn eine körperlose Seele als Geist-Wesen weiter existieren könnte und immer noch Freud und Leid empfinden würde, wäre sie nicht richtig tot – sie würde nur anders weiterleben. Laut Bibel sind die Toten aber wirklich tot und haben auch keine Schmerzen.

Verzehrendes Feuer

Da die Gehenna offensichtlich erst nach der Auferstehung der Toten am Ende der Welt folgen kann, scheint sie eng mit der Apokalypse in Verbindung zu stehen. Könnte Jesus das Bild der brennenden Müllkippe gar als Metapher für die Apokalypse verwendet haben? Denn am letzten Tag des Zeitalters, beim Klang der Posaunen, wird die Welt durch Feuer untergehen, wie schon die alten Propheten vorausgesagt haben:

"Denn siehe, es kommt ein Tag, der brennen soll wie ein Ofen. Da werden alle Verächter und Gottlosen Stroh sein, und der kommende Tag wird sie anzünden, spricht der HERR Zebaoth, und er wird ihnen weder Wurzel noch Zweig lassen."
– Prophet Maleachi, Kapitel 3,19 (Luther-Übersetzung)

Wenn ein Mensch verbrannt wird, ist die natürlichste Annahme, dass er sofort stirbt und nichts von ihm übrig bleibt außer Asche und Rauch. Genau das ist der Lohn der Gottlosen, nicht mehr und nicht weniger. Meiner Meinung nach ist Gehenna ein Sinnbild für die einmalige und endgültige Auslöschung aller Sünder. Schon vor der Zeit Jesu glaubten die meisten Juden an die Auferstehung der Toten am letzten Tag.[6] Darin lag ihre Hoffnung. Doch beim Anblick der brennenden Hinnom-Schlucht muss ihnen klar geworden sein: Wenn ich da hineingeworfen werde, ist es endgültig vorbei, dann gibt es keine Hoffnung mehr auf eine Auferstehung:

"Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten und danach nichts weiteres tun können. Ich will euch aber zeigen, wen ihr fürchten sollt: Fürchtet den, welcher, nachdem er getötet hat, auch Macht besitzt, in die Hölle [Gehenna] zu werfen! Ja, ich sage euch, den fürchtet!"
– Evangelium nach Lukas, Kapitel 12,4

Der irdische Tod, lehrte Jesus, ist vergleichsweise unbedeutend gegenüber der Gehenna. Warum sollen wir den fürchten, der uns in die Gehenna werfen kann? Etwa, weil wir dort für immer gequält werden? Nein! Sondern, weil es aus dem Totenreich (Hades) eine Auferstehung gibt, aber aus der Gehenna nicht. Jesus offenbarte uns durch den Seher Johannes sogar, dass nach der Auferstehung das gesamte Totenreich vernichtet wird, weil niemand mehr darin sein wird. Ja, der Hades wird selbst in die Gehenna geworfen, die hier als ein Feuersee beschrieben wird:

"... Und das Meer gab die Toten heraus, die in ihm waren, und der Tod und das Totenreich gaben die Toten heraus, die in ihnen waren; und sie wurden gerichtet, ein jeder nach seinen Werken. Und der Tod und das Totenreich wurden in den Feuersee geworfen. Das ist der zweite Tod. Und wenn jemand nicht im Buch des Lebens eingeschrieben gefunden wurde, so wurde er in den Feuersee geworfen."
– Die Offenbarung Jesu Christi, Kapitel 20,13-15

Ab diesem Zeitpunkt wird es für die Toten keinen Aufbewahrungsort mehr geben. Wer in der Gehenna stirbt, ist endgültig und für immer tot, er wird nirgendwo mehr "aufbewahrt"! Dieser "zweite Tod" ist es, vor dem Jesus so eindringlich warnte. Wäre der Feuersee ein Ort, an dem Menschen gequält werden, stellt sich spätestens hier die Frage: Wird das Totenreich auch Schmerzen erleiden, wenn es in die Hölle geworfen wird? Wohl kaum. Man sollte eher darüber nachdenken, ob der Feuersee vielleicht auch nur symbolisch für die unwiderrufliche Vernichtung steht. Gott selbst wird in der Bibel häufig mit verzehrendem Feuer gleichgesetzt.[7] Der Feuersee könnte also auch ein Sinnbild für Gottes reinigende Präsenz sein, die zuletzt alles Böse vertilgen wird:

"Denn wenn wir mutwillig sündigen, nachdem wir die Erkenntnis der Wahrheit empfangen haben, so bleibt für die Sünden kein Opfer mehr übrig, sondern nur ein schreckliches Erwarten des Gerichts und ein Zorneseifer des Feuers, der die Widerspenstigen verzehren wird."
– Brief an die Hebräer, Kapitel 10,26+27

Weinen und Zähneknirschen?

Wie konnte sich der mittelalterliche Klerus erdreisten, Sündern endlose Qualen im Jenseits zu prognostizieren? Der Glaube an eine Folter-Hölle hat sich über die Jahrhunderte im Gedankengut der Völker eingebrannt. Viele gute Christen sind bis heute innerlich zerrissen in Anbetracht dieser sadistischen, maßlosen Strafe. Muslime haben es nicht leichter: Im Koran wird das Höllenfeuer über 330 Mal ausdrücklich erwähnt und anschaulich beschrieben.[8]

"Gewiss, die Hölle ist ein Hinterhalt, für diejenigen, die das Maß (an Frevel) überschreiten, eine Heimstatt, lange Zeiten darin zu verweilen; sie werden darin weder Kühlung noch Getränk kosten, außer heißem Wasser und stinkender Brühe, als angemessene Vergeltung ..."
– Koran, Sure 78, 21-26

Wehe jenen, die Allah und seinem Propheten Mohammed nicht gehorchen! Eine wunderbare Möglichkeit, Untertanen gefügig zu machen. Und wer käme schon auf die Idee, dass Mohammed im Prozess seiner Koran-Niederschrift von der falschen, katholischen Lehre beeinflusst worden sein könnte ...? Doch zurück zum Thema. Es existieren tatsächlich ein paar Bibelverse, die scheinbar darauf hindeuten, dass Sünder ewig im Höllenfeuer leben müssen. Jesus sagte einst:

"Der Sohn des Menschen [d.h. Jesus selbst] wird seine Engel aussenden, und sie werden aus seinem Reich alle Ärgernisse zusammenlesen und die, die Gesetzloses tun, und sie werden sie in den Feuerofen werfen; da wird das Weinen und das Zähneknirschen sein."
– Evangelium nach Matthäus, Kapitel 13,40-42 (Elberfelder Übersetzung)

Wer eine ewige Feuerhölle voraussetzt, kann in diesem Vers durchaus eine Bestätigung der furchtbaren Qualen finden. Der Konsens der biblischen Aussagen über das Totenreich und die Apokalypse lehrt hingegen keine ewige Höllenqual – und für sich genommen ist der obige Vers keine Beweisgrundlage. Das "Weinen und Zähneknirschen" muss weder die Folge von Schmerzen sein, noch steht hier etwas über die Dauer. Genau so gut kann es sich um Trauer wegen der bevorstehenden, endgültigen Vernichtung handeln, und diese Trauer kann in wenigen Augenblicken vorbei sein.

Der Rauch ihrer Qual

Es gibt eine weitere Aussage über die Apokalypse, die möglicherweise den Gedanken einer ewigen Feuerhölle impliziert:

"Wenn jemand das Tier und sein Bild anbetet und das Malzeichen auf seine Stirn oder auf seine Hand annimmt, so wird auch er von dem Glutwein Gottes trinken, der unvermischt eingeschenkt ist in dem Kelch seines Zornes, und er wird mit Feuer und Schwefel gepeinigt werden vor den heiligen Engeln und vor dem Lamm. Und der Rauch ihrer Qual steigt auf von Ewigkeit zu Ewigkeit; und die das Tier und sein Bild anbeten, haben keine Ruhe Tag und Nacht, und wer das Malzeichen seines Namens annimmt."
– Die Offenbarung Jesu Christi, Kapitel 14,9-11

Alles in allem ein unangenehmer Vers, doch richten wir unsere Aufmerksamkeit einmal auf die Frage, wer hier überhaupt betroffen ist. Meiner Ansicht nach gilt dieser Abschnitt nämlich keineswegs allen Menschen! Gemeint sind ausdrücklich diejenigen, die das Tier anbeten und sein Zeichen auf ihre Stirn oder ihren Handrücken annehmen. Dieses "Tier" steht symbolisch für das römische Reich bzw. eine antichristliche Macht, die vor dem Ende dieses Zeitalters für dreieinhalb Jahre regieren wird.[9] Ergo bezieht sich Jesu Warnung nur auf die Menschen (oder Dämonen!), die in dieser Zeit leben und sich bewusst dem Tier unterwerfen. Ob diese Abtrünnigen tatsächlich einer längerfristigen Pein ausgesetzt sein werden, wage ich nicht zu beurteilen. (Das würde bedeuten, dass sie einen neuen, feuerresistenten Auferstehungs-Körper bekämen, der nur dazu gedacht ist, zu leiden!? Makabere Vorstellung!) Der einzige Vers in der gesamten Bibel, der die Qual durch Feuer direkt mit der Ewigkeit in Verbindung bringt, bezieht sich auf genau drei Individuen, nämlich auf den Satan, auf das Tier sowie auf einen ominösen, falschen Propheten:

"Und der Teufel, der sie verführt hatte, wurde in den Feuer- und Schwefelsee geworfen, wo das Tier ist und der falsche Prophet, und sie werden gepeinigt werden Tag und Nacht, von Ewigkeit zu Ewigkeit."
– Die Offenbarung, Kapitel 20,10

Wiederum keine Rede von anderen Menschen, die im feurigen Pfuhl gequält werden. Wir können nicht einmal mit Gewissheit sagen, ob das Tier und der falsche Prophet richtige Menschen sein werden (oder Geistwesen in körperlicher Gestalt). Vielleicht können generell nur Dämonen in einer Feuerhölle gequält werden, da sie als Geistwesen unsterblich sind? Vielleicht bezeichnet der "feurige Pfuhl" auch nur einen chaotischen, lebensfeindlichen Raum, der unser Universum fernab göttlicher Ordnung mit Sicherheit wäre?! Dann wären Dämonen zur Unsterblichkeit verdammt und auf ewig an die große, schwarze Leere gebunden. Aber spielt Zeit jenseits unserer Dimensionen überhaupt noch eine Rolle? Fragen über Fragen! Eines jedoch können wir mit Gewissheit festhalten: Es wird nicht die primäre Aufgabe des Feuers sein, Menschen zu quälen, sondern das Böse zu vernichten. Jesus selbst sagte einmal, dass das ewige Feuer eigentlich für den Teufel und sein Gefolge bereitet ist, wenngleich auch Menschen darin umkommen werden:

"... Geht weg von mir, ihr Verfluchten, in das ewige Feuer, das bereitet ist dem Teufel und seinen Engeln!"
– Evangelium nach Matthäus, Kapitel 25,41

Das Problem mit der Ewigkeit

Einige Bibelverse berichten davon, dass es am Tag der Auferstehung eine ewige Trennung zwischen guten und bösen Menschen geben wird:

"Und viele, die im Staub der Erde schlafen, werden aufwachen, die einen zum ewigen Leben, die andern zu ewiger Schmach und Schande."
– Prophet Daniel, Kapitel 12,2

"Und sie werden hingehen: diese zur ewigen Strafe, aber die Gerechten in das ewige Leben."
– Evangelium nach Matthäus, Kapitel 25,46

"Die [gottlosen] werden Strafe erleiden, das ewige Verderben, vom Angesicht des Herrn her und von seiner herrlichen Macht ..."
– 2. Brief an die Thessalonicher, Kapitel 1,6-9

Diese Textstellen werden gerne zitiert, um die Endlosigkeit der Höllenqual zu betonen. Besonders im finsteren Mittelalter konnten die Foltermethoden der Inquisition nur noch durch eine Sache gesteigert werden: Das hinauszögern der Schmerzen ins Unendliche, was durch die grausige Vorstellung der Hölle erreicht wurde. Aber wiederum zeigt sich bei genauerem Hinsehen: Hier steht nicht, dass jemand ewig leiden muss. Es wäre vermessen, die "Strafe" bzw. die "Schmach und Schande" einfach mit Qualen gleichzusetzen. Paulus sagte klar und deutlich, dass die Strafe für die Sünde der Tod ist. Auf die obigen Verse angewandt bedeutet das: Die Gerechten werden ewiges Leben erlangen, und die Gottlosen den ewigen Tod. Und der ist, was er ist: Das ewige und unwiderrufliche Ausgelöscht-sein. Die ewige Strafe bedeutet meiner Ansicht nach, dass der Mensch einmalig ausgelöscht wird und nur der Beschluss dieser Strafe ewig ist, d.h. dass er keine Möglichkeit hat, jemals wieder lebendig zu werden.

Übrigens: Das hier verwendete, griechische Wort für "Ewigkeit" lautet aion und ist im Deutschen als Fremdwort Äon bekannt. Je nach Zusammenhang kann es Lebenszeit, Leben, Generation, Zeit, Zeitdauer, Zeitraum oder Ewigkeit bedeuten,[10] hat jedoch im klassischen Griechisch die Ursprungsbedeutung Zeitalter. Es kann daher sowohl für einen begrenzten als auch für einen unbegrenzten Zeitraum stehen. Diese beiden, im Grunde gegensätzlichen Bedeutungen waren während der Abfassung des Neuen Testaments durchaus bekannt.[11] Deshalb muss aufgrund des Kontextes und der Satzlogik entschieden werden, wofür aion jeweils steht. In einigen Fällen werden sogar beide Bedeutungen in einem Satz verwendet, siehe z.B. Römer 16,25+26! Manche Ausleger argumentieren also, dass die Höllenqual nicht ewig sein kann, weil aion in Bezug auf die Hölle "äonisch" heißen müsste. Das wage ich bei den obigen Zitaten allerdings zu bezweifeln, denn aion ist hier sowohl auf die Strafe als auch auf das Leben bezogen – und das Leben wird schon allein deshalb unendlich sein, weil es den Tod dann nicht mehr gibt.

Im Feuer ist der Wurm drin

Kommen wir nun zum berüchtigten "Wurm-Vers", einem der am häufigsten missverstandenen Bibelverse überhaupt. Es handelt sich um eine weitere, dringende Warnung Jesu an seine Nachfolger:

"Wenn deine Hand für dich ein Anstoß [zur Sünde] wird, so haue sie ab! Es ist besser für dich, dass du als Krüppel in das Leben eingehst, als dass du beide Hände hast und in die Hölle [Gehenna] fährst, in das unauslöschliche Feuer, wo ihr Wurm nicht stirbt und das Feuer nicht erlischt."
– Evangelium nach Markus, Kapitel 9,43+44

Das erste Missverständnis liegt im Abhauen der Körperteile, was hoffentlich niemand wörtlich nehmen wird. Jesu Nachfolger haben es auch nicht so verstanden, jedenfalls hat sich Petrus weder die Hand abgetrennt noch die Zunge herausgeschnitten, obwohl wir wissen, dass ihm beides ein Anstoß zur Sünde geworden ist. Er hatte Jesus verleugnet und einen Soldaten mit dem Schwert verletzt.[12] Das zweite Missverständnis liegt in der Formulierung "wo ihr Wurm nicht stirbt und das Feuer nicht erlischt". Ich selbst ging lange davon aus, dass es ein ewig währendes Feuer geben wird, in dem ein Körper (ein "Wurm") leiden muss, aber nicht stirbt. Doch die Bezeichnung "ihr Wurm" anstatt "der Wurm" macht stutzig. Um wessen Wurm geht es denn? Erst bei genauerer Betrachtung wird klar, dass es sich hierbei um ein Sprichwort aus dem Alten Testament handelt, das Jesus zitierte. Der Prophet Jesaja hat ca. 700 Jahre vor Jesus die Worte des Allmächtigen verkündet:

"Und man wird hinausgehen und die Leichname der Leute anschauen, die von mir abgefallen sind; denn ihr Wurm wird nicht sterben und ihr Feuer nicht erlöschen; und sie werden ein Abscheu sein für alles Fleisch."
– Prophet Jesaja, Kapitel 66,24

Hier spricht Gott von einer Stadt (vermutlich Jerusalem), vor deren Mauern ausdrücklich Leichen verbrannt werden, keine lebenden Wesen. Es geht hier um die Leichen, nicht um die Würmer, die die Leichen fressen. Ich bin davon überzeugt, dass die "unsterblichen Würmer" und das "unauslöschliche Feuer" nur illustrieren sollen, dass die Verwesung dieser Toten nicht enden wird, also dass ihr Körper niemals wieder lebendig wird. Auf diese Phrase nimmt Jesus Bezug, und nichts anderes will er meiner Meinung nach sagen.

Gottes Absicht: Gerechtigkeit und Gnade

Bei aller Interpretation der Bibelstellen und persönlichem Wunschdenken können wir die Wahrheit doch nicht ändern. Wir können keine sicheren Aussagen darüber machen, wie oder wen Gott am Tag des Gerichts verurteilen wird. Das ist allein seine Aufgabe. Unsere Aufgabe ist es, darauf zu vertrauen, dass er gerecht und gnädig ist. Es ist nicht seine Absicht, Menschen ewig leiden zu sehen. Das würde absolut nicht zum Charakter eines liebenden und gnädigen Gottes passen, das die Heilige Schrift sonst durchgehend vermittelt.

"... Habe ich etwa Gefallen am Tod des Gottlosen, spricht Gott, der Herr, und nicht vielmehr daran, dass er sich von seinen Wegen bekehrt und lebt?"
– Prophet Hesekiel, Kapitel 18,23

"Aber ich will sie aus dem Totenreich erlösen und vom Tode erretten. Tod, ich will dir ein Gift sein; Totenreich, ich will dir eine Pest sein; Rache kenne ich nicht mehr."
– Prophet Hosea, Kapitel 13,14

"Denn dies ist gut und angenehm vor Gott, unserem Retter, welcher will, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen."
– Brief an Timotheus, Kapitel 2,3+4

Andererseits kann uns niemand garantieren, dass es die Hölle nicht gibt, und niemand kann mit Gewissheit sagen, wie sie aussieht. Wie viele und welche Menschen in die Hölle kommen, ob sie ewig dort sein werden und ob überhaupt jemand hinein kommt, wissen wir nicht sicher. Das bleibt Gottes gerechtem Urteil überlassen. In jedem Fall gilt jedoch: Ich will da nicht hin! Ich will leben. Wir Menschlein haben das Glück, dass unsere Schuld durch Jesus Christus bereits beglichen wurde. Wenn wir uns bewusst und ernsthaft auf Gottes Seite stellen, dann, glaube ich, brauchen wir uns um das nächste Leben keine Sorgen zu machen.

Zum Schluss eine kleine Anekdote: Der jüngste Tag ist angebrochen, hier stehen wir vor unserem Schöpfer. Mit Sicherheit wird er uns nach unseren Taten fragen, streng, gerecht und endgültig richten. Vielleicht wird er uns aber auch nur fragen, wie Jesus damals den Simon Petrus fragte:

"Simon, Sohn des Johannes, hast du mich lieb?"
– Evangelium nach Johannes, Kapitel 21,16

Dann kommt es nur darauf an, diese Frage ehrlich mit "Ja" beantworten zu können.


Verwendete Literatur

[1] Buch Hiob, Kapitel 14,10-12
[2] Prediger (Kohelet), Kapitel 9,5-10
[3] Psalm 115,17; 146,4 und 6,6
[4] 2. Chronik, Kapitel 28,3 und 33,6
[5] Lloyd R. Bailey, "Gehenna: The Topography of Hell", Biblical Archaeologist 49/3, 1986, S. 188-189
[6] Evangelium nach Johannes, Kapitel 11,23+24
[7] z.B. 5. Buch Mose (Deuteronomium), Kapitel 4,24
[8] Der Koran kennt vier verschiedene Namen für das Höllenfeuer: Gahannam, Al-Gahim, Al-Hawiya und Saqar. (Koran-Übertragung nach Abu-Rida` Muhammad Ibn Ahmad Rassoul, Verlag Islamische Bibliothek, Düsseldorf 2009, siehe Anhang: Erläuterung der Termini)
[9] Die Offenbarung, Kapitel 13,4-18
[10] Langenscheidts Taschenwörterbuch Altgriechisch-Deutsch, Langenscheidt, Berlin und München 1988
[11] Bereits Platon (428-347 v. Chr.) verwendete "aion" im Sinne von Ewigkeit als Gegenbegriff zu "chronos" (Zeit), z.B. im Dialog Timaios 37d
[12] Evangelium nach Johannes, Kapitel 18, 25-27

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Kommentare

Sam K.
Ich empfehle zu diesem Thema das Buch von Carsten „Storch“ Schmelzer – Hölle. Sehr differenzierter Überblick.
Geschrieben am 10. Juli 2013 um 13:20 Uhr
Xan (www.lightwish.de)
Hallo Joni, danke für deinen Hinweis. Es gibt zwar keine Belege dafür, dass das Tal Hinnom eine Müllkippe war, aber W. D. Davies and D. C. Allison haben in ihrem Kommentar auch richtig erkannt, dass es trotzdem korrekt sein könnte. Schließlich gibt es auch keine Argumente dagegen!

Ich habe den Text trotzdem entsprechend geändert.
Liebe Grüße, Xan
Geschrieben am 15. Juni 2013 um 13:49 Uhr
Joni
Ich mag ja, wie du alte und traditionelle christliche Denkweisen wieder neu hinterfragst und dich nur um Wahrheit kümmerst. Einer der besseren Artikel zum Thema Hölle, die ich gelesen habe!
Dass sich in der Gehenna die städtische Müllkippe Jerusalems befand, ist aber übrigens ein Mythos. Der Archäologe Lloyd R. Bailey schreibt in seinem Artikel "Gehenna: The Topography of Hell", dass die Vorstellung des Hinnomtals als Müllkippe wohl aus dem Mittelalter stammt, es aber keine archäologischen Hinweise auf Feuer oder eine Müllhalde gibt, die dafür sprechen würden. Weitere Forscher haben sich ihm angeschlossen.
Geschrieben am 25. Mai 2013 um 18:04 Uhr