Die zehn Gebote (c) The Bible Miniseries, Mark Burnett & Roma Downey

Ist die Bibel vertrauenswürdig?

Keine andere Schrift dieser Welt hat mehr Krieg und Frieden verursacht als die Bibel. In ihrer heutigen Form ist sie das meistgedruckte und gewiss das umstrittenste Buch überhaupt. Aber um die Zuverlässigkeit und Bedeutung der Heiligen Schrift richtig einschätzen zu können, müssen wir ihre Entstehungsgeschichte kennen.

Eine Bibliothek

Eigentlich ist die Bibel kein einzelnes Buch, sondern eine Bibliothek aus genau 66 literarischen Werken. Das deutsche Wort "Bibel" ist dem lateinischen "biblia" entlehnt und meint "Bücher". Der Wortstamm ist wiederum abgeleitet vom griechischen "Biblos", was "Papyrusrolle" bedeutet. Im Grunde ist die Bibel eine Sammlung unterschiedlichster Schriften über Gott und seine Beziehung zu den Menschen.

Darin finden sich beispielsweise Geschichtsbücher über die Herkunft der gesamten Menschheit oder die Chroniken der Könige Israels, in denen nicht nur die Herrscherfolge, sondern auch außergewöhnliche Ereignisse des Landes dokumentiert wurden. Die Bibel enthält tiefsinnige Lieder, Weisheitsliteratur und Berichte von Männern, denen göttliche Visionen zuteil wurden oder denen gar ein Engel erschien und befahl, ihre Botschaft niederzuschreiben und für die Nachwelt aufzubewahren. Nicht zuletzt liefert die Bibel zahlreiche Augenzeugenberichte von der Inkarnation (Menschwerdung) des Gottessohnes Jeshua (Jesus Christus).

Man könnte auch sagen, die Bibel ist eine Zusammenstellung der wichtigsten Begebenheiten, bei denen der Allmächtige aktiv in unsere Weltgeschichte eingegriffen hat. Viele dieser Begebenheiten erscheinen uns vielleicht unglaublich und wundersam, da sie nicht zu unseren alltäglichen Erfahrungen passen. Aber genau das ist schließlich der Grund, warum sie aufgeschrieben wurden: Es war schon für die Menschen damals etwas ganz Besonderes!

Kanon der Hebräischen Schriften

Der erste Teil der modernen, christlichen Bibel (das "Alte Testament") besteht aus 39 Büchern in ursprünglich hebräischer und teils aramäischer Sprache, die grob nach ihrer Entstehungszeit sortiert sind. Diese Bücher sind bis auf die Anordnung genau identisch mit der hebräischen Bibel der Juden, die auch Tanach genannt wird. Der Tanach ist aufgeteilt in die drei Hauptteile Torah (das Gesetz), Nevi'im (die Propheten) und Ketuvim (die Schriften). Das Wort "Tanach" (geschrieben mit den hebräischen Konsonanten "TNK") ist übrigens ein Akronym aus den Anfangsbuchstaben dieser drei Teile.

Spätestens zwischen 400 und 100 v. Chr. war die heutige Komposition des Tanach im Tempelkult und dem religiösen Leben der Juden festgelegt. Als im Jahr 70 n. Chr. der Jerusalemer Tempel zerstört wurde und die jüdische Religion zu zerfallen drohte, traf sich der Sanhedrin (der Hohe Rat der Juden) in der Stadt Jawne und bestätigte dort die Schriftensammlung, die sich schon zuvor als Kanon des Tanach etabliert hatte.[1] Da die Juden kein zentrales Heiligtum mehr hatten, musste endgültig klargestellt werden, welche Geschichten über Gott wohl der Wahrheit entsprachen und welche eher unbedeutend oder verfälscht waren. Ein "Kanon" ist eine solche Text-Auswahl bzw. ein Maßstab. Die Schriften, die nicht in den Kanon aufgenommen wurden, bezeichnen wir heute als apokryph, das bedeutet "verborgen".

Kanon der Griechischen Schriften

Als ungefähr im Jahre 2 v. Chr. Gottes Sohn Jeshua auf die Welt kam, tat Gott durch ihn ganz erstaunliche Wunder und erfüllte zahlreiche Voraussagen der prophetischen Bücher im Tanach. Doch Jeshua starb sehr früh im Alter von ungefähr 32 Jahren. Er hatte viel vom Reich Gottes gepredigt und wie man das ewige Leben erlangen kann, doch er selbst hat nie irgendein Buch oder einen Brief verfasst. Und auch seine Jünger schrieben die Lebensgeschichte ihres Meisters nicht direkt nach dessen Tod auf – sie sahen gar keine Notwendigkeit dazu, denn Jeshua war von den Toten zurückgekehrt. Vor ihren Augen wurde er in den Himmel entrückt und versprach seine baldige Wiederkunft. Die Jünger gingen davon aus, dass dies in wenigen Jahren geschehen würde, und somit zogen sie durch die ganze Welt und verkündeten die Botschaft des Gottessohnes lieber mündlich, statt etwas schriftlich festzuhalten. Erst als Jeshua nach über 15 Jahre immer noch nicht zurückgekehrt war, begannen sie, seine Lebensgeschichte in griechischer Sprache aufzuschreiben: So entstanden die 4 Evangelien (das bedeutet "gute Nachricht"). Außerdem schrieb allein der Jünger Paulus zwischen 50 und 70 n. Chr. insgesamt 13 Briefe über Jeshuas Lehren an verschiedene Christen-Gemeinden in Kleinasien, Griechenland und Rom.

Die Zusammenstellung der biblischen Bücher
Die Zusammenstellung der biblischen Bücher
Etwa 100 n. Chr. waren alle Zeitgenossen Jeshuas gestorben. Bei den frühen Christen-Gemeinden hatte sich zwar der Gebrauch einer gewissen Anzahl Schriften etabliert, von denen man sicher wusste, dass sie von einem zuverlässigen Augenzeugen oder Begleiter Jeshuas geschrieben wurden. Jedoch entstanden immer mehr Schriften, die irgendwelche Dinge über diesen bemerkenswerten Mann erzählten. Darunter waren viele Pseudo-Epigraphien, das sind Schriften, die im Namen einer Autoritätsperson wie Paulus geschrieben wurden, aber tatsächlich von einem anderen, viel jüngeren Autor stammen. Somit bestand wieder die Notwendigkeit eines Kanons, der zweifelsfrei festlegte, welche Dokumente authentisch waren und welche nicht.

Die früheste Auflistung der 27 Bücher, die den zweiten Teil unserer modernen Bibel bilden (das "Neue Testament"), stammt von Athanasius von Alexandrien aus dem Jahr 367 n. Chr. Kurz nach ihm definierten auch die Kirchenväter Hieronymus und Augustinus die gleiche Liste.[2] Das 4. Jahrhundert erscheint spät, doch die elementaren Bestandteile der Lehre Jeshuas (Die 4 Evangelien und die meisten Briefe) waren schon seit ihrer Abfassung im 1. Jahrhundert bei den Christen-Gemeinden im Umlauf und daher überall als vertrauenswürdige Schriften bekannt.[3]

Diskussionsbedarf herrschte lediglich bei manchen Briefen, deren Verfasserschaft oder theologischer Inhalt zweifelhaft war. Bei einigen Bibel-Büchern besteht bis heute keine Einigkeit darüber. Diese Bücher enthalten Zusatz-Material, welches für das Gesamtverständnis der Bibel nicht unbedingt notwendig ist. In der katholischen Kirche gehören 7 weitere Bücher zum Kanon dazu und 9 wurden als Apokryphen mit in die Bibel aufgenommen. In der evangelischen Kirche wurden die 7 Bücher als Apokryphen in die Bibel aufgenommen und die 9 Bücher ganz weggelassen.

Als schließlich ein Kirchenkonzil (die Synode von Hippo im Jahr 393 n. Chr.) die Bücher des Neuen Testaments bestätigte, gewährte es ihnen keine Autorität, die sie nicht sowieso schon besaßen. Wie schon beim Kanon des Tanach bestätigte das Konzil nur, was sich längst in den Gemeinden durchgesetzt hatte.[4]

Das Erste und Zweite Testament

Ein Kanon war immer am Ende einer bestimmten Epoche notwendig. Als es keine Propheten mehr gab, wurden die Schriften der Propheten gesammelt, und als die ersten Nachfolger Jeshuas tot waren, wurden deren Schriften gesammelt. Gemeinsam bilden der hebräische Kanon (Tanach) und der griechische Kanon (die Jesus-Literatur) die heutige Bibel der Christen. Beide Teile sind gleich wichtig, wie der Anfang und das Ende eines Films. Das Ende kann nur dann richtig verstanden werden, wenn man den Anfang kennt. Das Zweite Testament hat das Erste nicht abgelöst, sondern erfüllt:

"Ihr sollt nicht meinen, dass ich [Jesus] gekommen sei, um das Gesetz oder die Propheten aufzulösen. Ich bin nicht gekommen, um aufzulösen, sondern um zu erfüllen! Denn wahrlich, ich sage euch: Bis Himmel und Erde vergangen sind, wird nicht ein Buchstabe noch ein einziges Strichlein vom Gesetz vergehen, bis alles geschehen ist."
– Evangelium nach Matthäus, Kapitel 5,17+18

Es gibt also nicht "mehrere Versionen" der Bibel. Es gibt nur eine Sammlung verschiedener Schriften, die zu einer Bibel zusammengefasst wurden.

Manipulation der biblischen Lehre?

Es kann leicht behauptet werden, dass im Prozess der Kanonisierung gezielt Bücher aussortiert wurden, weil irgendwelche Verschwörer die Wahrheit manipulieren wollten. Aber es gibt keine realistische Grundlage für solche Unterstellungen. Natürlich konnten nicht alle Bücher in den biblischen Kanon aufgenommen werden, aber das hatte ganz praktische Gründe, wie uns der Evangelist Johannes versichert:

"Es sind aber noch viele andere Dinge, die Jesus getan hat; und wenn sie eines nach dem anderen beschrieben würden, so glaube ich, die Welt würde die Bücher gar nicht fassen, die zu schreiben wären."
– Evangelium nach Johannes, Kapitel 21,25

Die Personen, die den Kanon bestätigten, waren äußerst gottesfürchtige Juden bzw. Nachfolger Jesu, die ein aufrichtiges Interesse an der wahren Lehre hatten – zumal diese Wahrheit keinen persönlichen Vorteil für sie bedeutete.

Die Verdrehung der biblischen Gesamtaussage geschah erst während der Herrschaft der mittelalterlichen Kirche. In dieser Zeit wurde eine lateinische Bibel-Übersetzung namens Vulgata verwendet, aber außer den Kirchen-Gelehrten konnte kaum jemand Latein, geschweige denn Hebräisch oder Griechisch. Wissen ist Macht – Dieses Prinzip wurde von der Kirche erbarmungslos ausgenutzt. Dem Volk wurde von einer feurigen Hölle im Jenseits gepredigt, der man nur entgehen konnte, wenn man sein Geld "zum Wohle der Kirche" spendete. Schließlich wurde sogar von Papst Gregor IX. im Jahre 1231 ein Edikt erlassen, nach dem Laien der Besitz einer Bibel in irgendeiner romanischen Sprache verboten war.[5] Das einfache Volk hatte praktisch keine Möglichkeit, die Wahrheit herauszufinden:

"Niemand darf im Besitz der alt- oder neutestamentlichen Bücher in der Muttersprache sein. Wenn jemand solche Bücher hat, muss er sie innerhalb von acht Tagen nach Bekanntmachung dieser Verordnung an den örtlichen Bischof abgeben, damit sie verbrannt werden können."
– Carl Mirbt, "Quellen zur Geschichte des Papsttums", Tübingen 1911, S. 155

Die Auslegung der Bibel wurde manipuliert, aber nicht die Bibel selbst. Und so konnte schließlich ein Mönch namens Martin Luther im Jahre 1534 eine deutsche Bibel-Übersetzung fertigstellen, die jeder lesen konnte, der des Lesens mächtig war. Durch die Erfindung des Buchdrucks um 1450 wurden die Bibeln erstmals in rasender Geschwindigkeit im Volk verbreitet. Das führte zur Reformation der Kirche und zum Ende der kirchlichen Unterdrückung.

Authentizität der griechischen Manuskripte

Dass die Bibel verfälscht wurde, ist ein sehr häufig gebrachtes Argument, aber bei genauerem Hinsehen undenkbar. Die griechischen Schriften wurden zwischen den ersten Christen-Gemeinden hin- und hergereicht und breiteten sich schnell und unkontrollierbar aus. Jede Gemeinde wollte eine eigene Abschrift besitzen. An eine spätere kirchliche Zensur oder eine absichtliche Fälschung der Texte war danach gar nicht mehr zu denken, denn es gab ja an zu vielen anderen Orten Handschriften mit dem richtigen Text. Solche Behauptungen haben also keine historische Grundlage.[6] Abschreibfehler geschahen natürlich, konnten aber durch einen Vergleich mit anderen Exemplaren schnell korrigiert werden. Außerdem lebten die Autoren zu dieser Zeit noch und hätten falschen Informationen mit Sicherheit widersprochen.

Heute ist leider kein einziges Original-Manuskript von Jesu Begleitern mehr übrig, sondern nur spätere Abschriften. Das älteste noch existierende Fragment der griechischen Schriften wurde auf etwa 125 n. Chr. datiert. Es handelt sich um das Rylands Papyrus 52, ein Stück aus dem Johannes-Evangelium.[7] Eine Sammlung aus Papyrus-Codizes mit größeren Teilen des Neuen Testaments ist uns etwa aus dem Jahr 200 n. Chr. in Form der Chester-Beatty-Papyri erhalten.[8] Somit kann grob gesagt werden: Zwischen der Original-Niederschrift und der ältesten noch existierenden Kopie liegen zwischen 50 und 150 Jahre. In solch vergleichsweise kleinen Zeiträumen werden Texte durch Abschreiben nicht wirklich verändert. Das älteste Manuskript, das das komplette Neue Testament (abgesehen von wenigen Versen) und mehr als die Hälfte des Alten Testaments enthält, ist übrigens der Codex Sinaiticus, der auf das Jahr 350 n. Chr. datiert wird. Das wertvolle Dokument wurde 1859 im Katharinenkloster in der Wüste Sinai (Ägypten) gefunden und befindet sich heute im Britischen Museum.[9]

Klassische Texte im Vergleich mit dem Neuen Testament
Klassische Texte im Vergleich mit dem Neuen Testament
Wer an der Glaubwürdigkeit der neutestamentlichen Berichte zweifelt, muss gleichermaßen die Existenz von Julius Cäsar, Aristoteles oder Platon in Frage stellen, denn über deren Leben ist viel weniger Material erhalten – und der zeitliche Abstand zwischen der Niederschrift und der ältesten erhaltenen Kopie ist um Zehnerpotenzen größer.[10] Einer der größten Bibel-Archäologen, William F. Albright, sagte: "Es besteht kein stichhaltiger Grund mehr, irgendein Buch des Neuen Testaments später als etwa 80 n. Chr. anzusetzen – zwei volle Generationen vor der Zeit zwischen 130 und 150, die heute von den radikaleren Kritikern des Neuen Testaments angenommen wird."[11] Keine historische Schriftsammlung über ein Ereignis der Antike ist so gut und so früh bezeugt wie das Neue Testament der Bibel.[12][13] Archibald T. Robertson, der Autor der umfassendsten Grammatik des neutestamentlichen Griechisch, schrieb: "Es gibt an die 8.000 Manuskripte der lateinischen Vulgata und wenigstens 1.000 der anderen frühen Versionen. Hinzu kommen über 4.000 griechische Manuskripte, und damit haben wir 13.000 Manuskriptkopien von Teilen des Neuen Testaments. Daneben kann ein großer Teil des Neuen Testaments aus den Zitaten der urchristlichen Verfasser reproduziert werden."[14]

Authentizität der hebräischen Manuskripte

Seiten aus der Biblia Hebraica Stuttgartensia (c) Lightwish.de
Seiten aus der Biblia Hebraica Stuttgartensia (c) Lightwish.de
Die Entstehung der hebräischen Schriften reicht wesentlich weiter in die Vergangenheit als die griechischen und ist daher schwerer nachvollziehbar. Die Manuskripte, denen der erste Teil unserer modernen Bibel zugrunde liegt, wurden von jüdischen Gelehrten, den so genannten Talmudisten (100-500 n. Chr.) und den Masoreten (500-900 n.Chr., masorah = "Überlieferung") über Jahrhunderte hinweg immer wieder mit größter Genauigkeit abgeschrieben. Um wirklich überhaupt keine Fehler zu machen, zählten sie in ihrer Vorlage alle Buchstaben (!), und überprüften diese Anzahl mit den Buchstaben der Kopie. Dabei schrieben sie einige relevante Buchstaben größer als die anderen, zum Beispiel das ו ("Waw“) im Buch Leviticus (Kapitel 11,42), das die exakte Mitte der Torah markiert. Um diese Leistung der Masoreten ausreichend zu würdigen, sei angemerkt, dass allein die Torah 304.805 Buchstaben in 79.847 Wörtern enthält. Sir Frederic G. Kenyon, ehemaliger Direktor des Britischen Museums und große Autorität im Bereich biblischer Manuskripte, sagte: "Die Masoreten waren darum bemüht, dass auch nicht ein Jota noch Tüttel, nicht der kleinste Buchstabe noch der kleinste Teil eines Buchstabens des Gesetzes vergehen oder verlorengehen sollte."[15]

In der hebräischen Bibel finden sich viele Namen von Königen aus der fremdsprachigen Umwelt Israels. Viele solcher Namen konnten mit zeitgenössischen Inschriften dieser Könige verglichen werden. Man stellte dabei fest, dass sich die Abschreiber der Bibel selbst bei Namen aus fremden Sprachen (ägyptisch, babylonisch, assyrisch und moabitisch) mit einer unglaublichen Präzision an eine korrekte Schreibweise gehalten hatten.[16] Deshalb können wir sicher sein, dass sie auch den Rest des Textes mit derselben Gewissenhaftigkeit überliefert haben.

Das älteste vollständige Manuskript der hebräischen Bibel ist der Codex Leningradensis aus dem Jahr 1008 n. Chr. Eigentlich gäbe es noch ein älteres vollständiges Manuskript, den Codex von Aleppo (etwa 920 n. Chr.), von dem jedoch fast die Hälfte verloren ging, als 1947 die Synagoge von Aleppo in Brand gesteckt wurde. Aus früherer Zeit existieren nur Teile der Bibel, so zum Beispiel der Kairo-Codex von 895 n. Chr., der von dem Masoretengeschlecht Moses ben Ascher hergestellt wurde und einige Prophetenbücher enthält. Erwähnenswert ist auch der Prophetencodex von Leningrad von 916 n. Chr., der die drei großen Prophetenbücher Jesaja, Jeremia und Hesekiel sowie die zwölf kleinen Prophetenbücher umfasst. Der Zeitabstand zwischen der Original-Abschrift und der ältesten erhaltenen Kopie beträgt bei den hebräischen Manuskripten der Masoreten also mindestens 1.300 Jahre, das ist etwa so viel wie bei den außerbiblischen Schriften der Antike.

Glücklicherweise hat die Archäologie in jüngerer Zeit mindestens zwei erstaunliche Funde mit hebräischen Bibeltexten aus vorchristlicher Zeit hervorgebracht, an denen man die Qualität der Bibel-Überlieferung überprüfen kann: Die Schriftrollen von Qumran und die Amulette von Ketef Hinnom.

Die Schriftrollen von Qumran

Die Höhlen von Qumran am Toten Meer (c) Lightwish.de
Die Höhlen von Qumran am Toten Meer (c) Lightwish.de
Im Frühling 1947 fand der Beduine Muhammed edh-Dhib am Steilhang an der Westküste des Toten Meeres eine Höhle, in der sich zahlreiche Tonkrüge mit Schriftrollen und einzelnen Fragmenten befanden. Die längste der Schriftrollen stellte sich als eine Abschrift des Propheten-Buches Jesaja heraus, deren Stil, Inhalt und Buchstabenform darauf hinweist, dass sie aus dem ersten oder zweiten Jahrhundert vor Christus stammt.[17] Ein Radiokarbon-Test im Jahr 1991 ergab mit einer Genauigkeit von +/- 40 Jahren eine Entstehungszeit im frühen 1. Jahrhundert v. Chr. für alle getesteten Fragmente (mit einer Ausnahme, die das Jahr 297 v. Chr. ergab – wahrscheinlich ein Messfehler).[18] Dieses Manuskript ist über 1.000 Jahre älter, als alles, was wir zuvor besaßen! Mittlerweile hat das Israel-Museum von Jerusalem eine digitale Kopie der Schriftrolle für die Öffentlichkeit zugänglich gemacht.[19]

Ein Vergleich der Qumran-Rolle mit den masoretischen Handschriften ergab nur einige unbedeutende Textschwankungen: "Von den 166 Wörtern in Jesaja 53 sind nur 17 Buchstaben fraglich. Zehn dieser Buchstaben betreffen lediglich die Rechtschreibung, ohne Einfluss auf die Bedeutung. Vier weitere Buchstaben sind geringfügige stilistische Veränderungen, z.B. Konjunktionen. Die restlichen drei Buchstaben ergeben das Wort 'Licht', welches in Vers 11 hinzugefügt wird, aber die Bedeutung nicht sehr beeinflusst [...]"[20] Es handelt sich also um Sprachvarianten, die nichts am Sinn des Textes verändern.[21] Der Altertumswissenschaftler Gleason L. Archer bemerkte in Bezug auf die Jesaja-Rolle: "[...] sie erwiesen sich in über 95% des Textes Wort für Wort als identisch mit unserer hebräischen Standardbibel. Die 5% Abweichungen bestehen zur Hauptsache aus offensichtlichen Schreibfehlern und varianten Buchstabierungen."[22] Aufgrund der hervorragenden Überlieferung der Jesaja-Schriftrolle kann man davon ausgehen, dass auch die anderen Texte der hebräischen Schriften sehr zuverlässig überliefert worden sind.

Die Amulette von Ketef Hinnom

Die Silberrollen von Ketef Hinnom (c) Christian Walker, Israel Museum, Jerusalem
Die Silberrollen von Ketef Hinnom (c) Christian Walker, Israel Museum, Jerusalem
Im Jahr 1979 wurden westlich der Altstadt von Jerusalem bei Ketef Hinnom zwei Silberrollen aus dem 7. Jahrhundert v. Chr. mit Texten aus dem Alten Testament entdeckt. Es handelt sich um den Priestersegen aus dem Buch Numeri: "JHWH segne dich und behüte dich; JHWH lasse sein Angesicht leuchten über dir und sei dir gnädig; JHWH hebe sein Angesicht über dich und gebe dir Frieden. Denn ihr sollt meinen Namen auf die Israeliten legen, dass ich sie segne."[23] Die Schmuckstücke wurden wahrscheinlich als Amulett am Körper getragen. Vergleicht man diese über 2.600 Jahre alten Texte mit den masoretischen Manuskripten aus dem Mittelalter, so zeigt sich absolute Übereinstimmung.[24] Das bestätigt eindrucksvoll die zuverlässige Überlieferung des Bibeltextes.

Von Gott inspiriert

Die 66 Schriften der Bibel wurden in einem Zeitraum von mindestens 1.500 Jahren (von ca. 1.400 v. Chr. bis 100 n. Chr.) von über 40 Autoren verfasst, die sich untereinander größtenteils nicht kannten. Darunter waren einfache Handwerker, jüdische Gelehrte, Propheten, aber auch Stammesführer und Könige. Dem entsprechend vielfältig sind ihre Werke. Es finden sich Gedichte und Liebeslieder, Geschichtsbücher und Weisheits-Literatur ebenso wie theologische Briefe und Weissagungen. Trotzdem verfolgt jedes Werk sowohl einzeln als auch zusammen genommen eine absolut sinnvolle Handlung. Die Texte liefern ein schlüssiges Bild von Gottes Plan mit unserer Welt, der sich wie ein roter Faden durch die gesamte Bibel zieht. Das ist äußerst erstaunlich und deutet darauf hin, dass die Heilige Schrift indirekt von einem Autor stammt – von Gott selbst. Zwar wurde sie von Menschenhand geschrieben, aber die Autoren waren von Gottes Geist geleitet.

"Alle Schrift ist von Gott eingegeben …"
– 2. Timotheus 3,16

"Ihr sollt vor allem das erkennen, dass keine Weissagung der Schrift von eigenmächtiger Deutung ist. Denn niemals wurde eine Weissagung durch menschlichen Willen hervorgebracht, sondern vom Heiligen Geist getrieben haben die heiligen Menschen Gottes geredet."
– 2. Petrus 1,21

Aufgrund der biblischen Entstehungsgeschichte ist es kaum vorstellbar, dass Gott die Bibel Wort für Wort diktiert hat. Viel mehr formulierten Menschen in ihrer begrenzten Ausdrucksweise die göttlichen Erkenntnisse, die ihnen zuteil wurden. Das ist der Grund, warum es beispielsweise vier Evangelien gibt und nicht nur eines. Jesu Lebensgeschichte wurde von mehreren Personen verfasst, von denen jeder die Ereignisse aus seinem Blickwinkel beschrieb. Ein Autor erinnerte sich vielleicht an Details, die ein anderer nicht sehen konnte. Dadurch entstanden mehrere, subjektive Sichtweisen, die sich manchmal scheinbar widersprechen, aber im Kern die selbe Aussage machen – und darauf kommt es schließlich an. Die Bibel verliert dadurch kein Stück Vertrauenswürdigkeit – im Gegenteil: Wären gewisse Unstimmigkeiten nicht vorhanden, müsste man davon ausgehen, dass einzelne Berichte einander nachträglich angeglichen wurden. Wäre die Bibel innerhalb kürzester Zeit an einem Stück verfasst worden und wiese nur einen einzigen Schreibstil auf (wie es z.B. beim Koran der Fall ist), dann gäbe es viel mehr Grund zu der Annahme, dass einzelne Menschen "Verbesserungen" daran vorgenommen und dem Buch ihre eigene Interpretation aufgezwungen haben.

Aktiv werden

Ich glaube, dass Gott durch die Heilige Schrift zu uns spricht. Die Bibel hat den Anspruch, Gottes Wort zu sein. Wenn das stimmt, sollten wir nach diesen Worten handeln. Wenn nicht, ist die Bibel nur eine irreführende, betrügerische Verblendung. Um darüber ein Urteil fällen zu können, müssen wir sie aber erst einmal vollständig lesen. Wer das ohne Pause tut, benötigt dazu etwa 70 Stunden. Das sind drei gut investierte Tage deines Lebens, die du als Privileg betrachten solltest. Denn in vielen Ländern (z.B. Saudi-Arabien) ist der Besitz einer Bibel nicht nur verboten, sondern lebensgefährlich. Meine Empfehlung: Beim Lukas-Evangelium anfangen, am Besten mit der Übersetzung "Neues Leben".

"Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt, aber das Wort unseres Gottes besteht in Ewigkeit."
– Prophet Jesaja, Kapitel 40,8


Verwendete Literatur

[1] F. F. Bruce, "The Books and the Parchments" (1963), S. 97
[2] F. F. Bruce, "The Books and the Parchments" (1963), S. 112
[3] Siehe z.B. den Brief des Paulus an die Kolosser, Kapitel 4,16
[4] F. F. Bruce, "The Books and the Parchments" (1963), S. 113
[5] Franz Heinrich Reusch, "Der Index der verbotenen Bücher", Band 1, Max Cohen & Sohn, Bonn 1883
[6] Dr. Roland Werner & Guido Baltes, "Faszination Jesus" (2005), S. 218
[7] Norman Geisler & William E. Nix, "A General Introduction to the Bible", Chicago 1968, S. 268
[8] F. F. Bruce, "The Books and the Parchments" (1963), S. 182
[9] Bruce M. Metzer, "Der Text des Neuen Testaments. Eine Einführung in die neutestamentliche Textkritik" (Stuttgart 1966), S. 47ff
[10] Frederick William Hall, "A Companion To Classical Texts", Clarendon Press, Oxford 1913, S. 199ff.
[11] William F. Albright, "Die Bibel im Licht der Altertumsforschung. Ein Bericht über die Arbeit eines Jahrhunderts" (Stuttgart 1957)
[12] Mag. Carsten Peter Thiede, "Die Auferstehung Jesu - Fiktion oder Wirklichkeit?" (2001), S. 25
[13] John Warwick Montgomery, "History and Christianity" (Downers Grove 1972), S. 29
[14] Archibald T. Robertson, "Introduction to the Textual Criticism of the New Testament" (Nashville 1925), S. 70
[15] Frederic G. Kenyon, "Our Bible and The Ancient Manuscripts" (New York 1941), S. 38
[16] Robert Dick Wilsons, "A Scientific Investigation of the Old Testament" (Chicago 1959), S.71
[17] Dr. Roland Werner & Guido Baltes, "Faszination Jesus", 2005, S. 231
[18] Stephen Goranson, "Radiocarbon Dating the Dead Sea Scrolls", Biblical Archeologist 3/1991, S. 172
[19] The Israel Museum, Jerusalem, The Great Isaiah Scroll (1QIsa)
[20] Norman Geisler & William E. Nix, "A General Introduction to the Bible", Chicago 1968, S. 263
[21] Alexander Schick, "Faszination Bibel", Ausgabe 4/10, "Die Schätze von Qumran"
[22] Gleason Leonard Archer, "A Survey of Old Testament Introduction" (Chicago 1964), S. 19
[23] 4. Buch Mose (Numeri), Kapitel 6, 24-27)
[24] Gabriel Barkay, "A Treasure Pacing Jerusalem’s Walls" (1986), Katalog Nr. 274, The Israel Museum, Jerusalem

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Kommentare

te`oma
Ein allmächtiger Gott, muß seinen Gläubigen eine Schrift hinterlassen, an welcher diese
erkönnen können was gut und böse ist, was richtig und falsch ist. Dieser Gott wird dann
auch darüber wachen, das diese Schrift nicht verfälscht wird, zumal dann auch Niemand
von seiner Endzeitprophetie Kenntnis hätte, dann wiederum könnten sich aber Jesus
Worte nicht erfüllen. Es ist eigentlich immer wieder lächerlich, welche Ansprüche von Ungläubigen
an die Bibel gestellt werden, würden diese Personen an alle Schriften des Altertums, diese
Ansprüche stellen, dürften sie keiner historischen Schrift vertrauen. Aber darum geht es den
Ungläubigen nicht, sie möchten auf jeden Fall irgend etwas finden, was die Bibel unglaubwürdig
macht, denn sonst müssten sie einen allmächtigen Gott anerkennen, der sie nach ihrem Leben
für ihre Sünden zu Recheschafft zieht (manchmal auch schon vorher) und das möchten diese
Menschen nicht. Der gottlose Sünder möchte daran glauben, das die Welt von selbst entstanden
ist, obwohl dies unmöglich ist, ein Blick in den nächtlichen Sternenhimmel zeigt uns das dies
nicht geht. Der gottlose Sünder glaubt den größten scheinwissenschaftlichen Schwachsinn,
um sich eine gottlose Welt zusammen zu zimmern, denn sonst müßte er anerkennen, das ein
gerechter Gott ihn verdammen muß. Aus diesem Grund wird die Bibel angegriffen.

http://www.ekkehard-friebe.de/Es-lebe-die-Theorie.pdf
Geschrieben am 9. Mai 2015 um 12:51 Uhr
Xan (www.lightwish.de)
Hallo,
ich versteh nicht ganz, was genau du damit sagen möchtest.
Könntest du das noch etwas genauer erklären ... ?
Geschrieben am 22. Juni 2014 um 19:22 Uhr
Peter Elsen
Betrifft:Manipulation der Bibel

Soweit mir bekannt ist, hat die Kaiserin Theodora, die Gemahlin von Kaiser Justinian, die Hinweise auf Reinkarnation (fast) vollständig entfernen lassen. Wer suchet, der findet: Siehe die Heilung des von Geburt an Blinden durch Jesus. "Hat ER gesündigt oder siene Eltern?"
Geschrieben am 19. Juni 2014 um 10:53 Uhr
Xan (www.lightwish.de)
Hallo Charis,
viel habe ich dazu leider nicht zu sagen. Ich habe die Bruchstücke gestern selbst zum ersten Mal gelesen. Ich weiß nur, dass es relativ spät verfasst wurde und ich vermute, dass es einen Grund dafür gab, dass es nicht seinen Weg in den Kanon des Neuen Testaments gefunden hat.

Ich habe den Eindruck, dass es nur dazu dient, Maria in den Vordergrund zu rücken. Alles andere scheint mir zu bruchstückhaft überliefert, als dass es einen Sinn ergeben würde.

Mir ist schon klar, dass das Maria-Evangelium einen gewissen Reiz ausübt, da es die Behauptung unterstüzt, Jesus hätte eine Liebesbeziehung zu Maria Magdalene gehabt. Und natürlich auch deshalb, weil es die Stellung der Frau in der Gemeinde betont, die zuvor von Paulus scheinbar (!) so sehr untergraben wurde.

Ich bin zwar keine Frau, aber so wie ich das sehe, kann das Neue Testament die Identität der christusgläubigen Frau genug stärken. Bei manchen Frauen in meinem Freundeskreis wäre ich jedenfalls dankbar, wenn sie einen weniger starken Charakter hätten ... ;-) Sorry, kleiner Scherz.
Geschrieben am 22. November 2013 um 13:55 Uhr
Charis (www.charis.jimdo.com)
Super interessant. Vielen Dank für die ausführliche Recherche! Könnten Sie noch etwas zu den Schriften aus Nag Hammadi, insbesondere zu dem "Evangelium nach Maria" sagen? Es ist nur bruchstückhaft überliefert, aber wäre wohl imstande, die Identität der christusgläubigen Frau zu stärken.

Freundliche Grüße
Charis
Geschrieben am 20. November 2013 um 19:07 Uhr