Semiramis, Inanna, Ischtar, Isis: Die Frau von Babel hat die Religionen geprägt (c) Keja Blank, www.kejablank.net

Vom Ursprung der Religionen

Die Götterwelt der ältesten Kulturen auf Erden steht in einem engen Zusammenhang mit den Sternbildern am Himmel. Die Suche nach dem Ursprung der Religionen führt zurück zum Beginn der Geschichtsschreibung und zu weisen Astronomen, die schon Jahrtausende vor uns in die Sterne blickten.

Auf die Frage, wie und warum die ersten Religionen entstanden sind, können meines Erachtens zwei grundlegende Antworten gegeben werden. Die erste Antwort lautet vereinfacht gesagt: Die frühen Menschen erschufen in einem Jahrhunderte währenden Prozess ihre Gottesvorstellung selbst, um Halt und Hoffnung im Leben zu gewinnen und die Entstehung desselben überhaupt erklären zu können. Diese Überlegung reduziert Gott auf ein Konstrukt der menschlichen Psyche und impliziert, dass es ihn nicht wirklich gibt. Daher lautet die zweite Antwort: Die altorientalischen Gottesvorstellungen der Babylonier, Ägypter, Sumerer, Hebräer usw. sind nicht wirklich "entstanden", sondern basieren schlicht und einfach auf Tatsachen.

Wenn ein Gott existiert, der das Universum und den Menschen erschaffen hat, dann sollten wir annehmen, dass die ersten Menschen von Anfang an eine sehr konkrete Vorstellung dieser Gottheit hatten, die an alle folgenden Generationen weitergegeben wurde. Gewiss wurde diese Vorstellung immer neu ausgeschmückt, Details wurden hinzufgefügt und ausgelassen, Namen vergessen und verändert. Dennoch möchte ich in diesem Artikel jener zweiten Antwort auf den Grund gehen und zeigen, dass sich bis heute eine grundlegende Gemeinsamkeit in fast allen altertümlichen Religionen erkennen lässt – der sprichwörtliche Funken Wahrheit im Kern der Legende. Womöglich gar eine kollektive Erinnerung der Menschheit?

Irgendwo in der Geschichtsschreibung jedes Volkes auf Erden verschwimmt Historie mit Mythos; plötzlich spielen Götter, Halbgötter und Fabelwesen aller Art eine Rolle, die die Geschicke der Menschen beeinflussen. An diesem Punkt werde ich die noch erhaltenen, uralten literarischen Werke unserer Vorfahren miteinander vergleichen, allen voran die Genesis, dann die griechischen Historiker, Pyramidentexte, Keilschrifttafeln aus Babylon und einige mehr. Wie fantasievoll und abenteuerlich umschrieben sie auch sein mögen – ich will die Berichte unserer Ahnen zumindest im Kern so lange in kindlicher Neugier beim Wort nehmen, bis ich eines Besseren belehrt werde. Natürlich wird am Ende keine wissenschaftliche Arbeit stehen, viel mehr eine gedankliche Spielerei, die bestenfalls Indizien liefert und lediglich motivieren soll, weiter in eine bestimmte Richtung zu denken. Eine Rekonstruktion der Ereignisse in grauer Vorzeit.

Die Büchse der Pandora

Wir beginnen sprichwörtlich bei Adam und Eva. Alle mir bekannten alten Kulturen sind sich darin einig, dass der Mensch von einer oder mehrerer Gottheiten erschaffen wurde. In der Genesis, dem ersten Buch der Bibel, wird der Mensch "Adam" genannt, ein hebräisches Wort, das im Grunde nur "Mensch" bedeutet und genauso die gesamte Menschheit bezeichnen kann. Die Menschheit wurde als Mann und Frau erschaffen, wobei der Name der Frau "Eva" lautet (hebr. "Chawwah"), das bedeutet "die Belebte". Ob es sich tatsächlich um genau zwei Menschen handelte und ob sie wirklich Adam und Eva hießen, spielt an dieser Stelle nur eine untergeordnete Rolle.

Die Genesis liefert uns direkt nach der Schöpfungsgeschichte eine weitere, äußerst wichtige Information. Es wird herausgestellt, dass der Mensch "sehr gut" erschaffen und in einen paradiesischen Garten namens Eden gesetzt wurde. Von seiner Biologie her hätte er das Potenzial gehabt, ewig zu leben.[1] Leider lehnte sich der Mensch gegen den Schöpfer auf, der hier JHWH (sprich: "Jahweh" oder "Jehwah") genannt wird, und begann, Böses zu tun und Gottes Gebote zu missachten. Sinnbildlich hatte die gesamte Menschheit von der Frucht des verbotenen Baumes gegessen. Seitdem lastet ein Fluch auf uns, der Fluch des Sterbens: Wir wurden aus der Gottesnähe in Eden verbannt und leben seitdem in einer gefährlichen Welt, in der wir ständig ums Überleben kämpfen, aber letztlich doch sterben müssen.

In Griechenland beschrieb der Dichter Hesiod (700 v. Chr.) die selbe Thematik in anderen Worten: Pandora, die erste Frau, sei im Auftrag des Zeus vom Götterschmied Hephaistos aus Lehm erschaffen worden. Die bildhübsche und intelligente Jungfrau wurde sogleich zum Titanen-Sohn Epimetheus geschickt, in ihren Händen eine kleine Kiste, die alle Plagen und alles Unheil, aber auch die Hoffnung enthielt. Epimetheus war gewarnt, nie ein Geschenk von Zeus anzunehmen, doch konnte er Pandoras Reizen nicht widerstehen. So wurde die Büchse geöffnet, und alle Übel entwichen in die Welt. Zuvor hatten die Menschen ohne Schmerz und mühsamer Arbeit (geradezu paradiesisch) gelebt. Tragischerweise schloss Pandora die Büchse wieder, bevor auch die Hoffnung herausflattern konnte. Erst als Pandora die Büchse ein zweites Mal öffnete, wurde die Welt mit Hoffnung erfüllt.[2]

Auch JHWH gab der Menschheit nach dem Sündenfall Grund zur Hoffnung. Er versprach das Kommen eines Erlösers, der den Fluch des Todes brechen und uns das ewige Leben zurückgeben würde. In einem Vers der Genesis, dem so genannten Ur-Evangelium, spricht JHWH zur listigen Schlange, d.h. zum Satan, der die Menschen verführt und das Böse in ihnen entfacht hatte:

"Ich will Feindschaft setzen zwischen dir und der Frau, zwischen deinem Samen und ihrem Samen: Er wird dir den Kopf zertreten, und du wirst ihn in die Ferse stechen."
– Genesis Kapitel 3,15

Das bedeutet: Ein Nachkomme Evas würde irgendwann gegen den Satan kämpfen und ihm den Todesstoß versetzen ("den Kopf zertreten"), doch zu einem hohen Preis, denn ihm selbst wird von der Schlange "in die Ferse gestochen", was womöglich ebenfalls den Tod zur Folge hat. JHWH bezeichnete diesen verheißenen Erlöser als Samen der Frau statt als Samen des Mannes. Mit dieser ungewöhnlichen Formulierung gab er zu erkennen, dass derjenige, der Satan besiegen und damit die Menschen vom Tod erretten wird, ohne Zutun eines Mannes in einer Jungfrau gezeugt werden würde. Obwohl Eva noch im Garten von Eden die Verheißung des Erlösers vernahm, sollte aber nicht sie, sondern eine andere Frau den Erlöser vom Tod hervorbringen. Doch welche?

Vorsintflutliche Sternbilder

Ohne Zweifel haben die ersten Menschen ihren Nachkommen vom Sündenfall und Gottes Verheißung erzählt. Ich halte es sogar für naheliegend, dass sie ihre Erinnerungen für die Nachwelt fixieren wollten. Natürlich wissen wir nicht, inwiefern sie Schreibmaterialien und ein Schriftsystem besaßen, aber wenn sie des Nachts irgendwo auf der jungfräulichen Erde im Gras lagen und in den Himmel blickten, hatten sie zumindest eines: Myriaden von Sternen. Den Nachfahren von Adams Sohn Seth wäre es gut möglich gewesen, die Geschichte von Eden in Form von Stern-Zeichen "in den Himmel zu malen", die ihnen dann als Merkhilfe und Erinnerung dienen konnten. Jedenfalls schreibt der jüdische Historiker Josephus Flavius den Söhnen Seths die Erfindung der Himmels- und Sternenkunde zu.[3] Wenn das zutrifft, definierten die Enkel Adams wohl auch ein Abbild der Eva in den Sternen. Wie ich noch zeigen werde, ist uns dieses uralte Zeichen der "Mutter aller Menschen" bis heute im modernen Sternbild "Jungfrau" (Virgo) erhalten geblieben. Diese Idee klingt gar nicht so absurd, wenn man bedenkt, zu welchem Zweck JHWH die Sterne überhaupt erschaffen hat:

"Und Gott sprach: Es sollen Lichter an der Himmelausdehnung sein, zur Unterscheidung von Tag und Nacht, die sollen als Zeichen dienen und zur Bestimmung der Zeiten und der Tage und Jahre, ..."
– Genesis Kapitel 1,14

Das Buch Genesis berichtet, dass die ganze Erde vernichtet wurde, als die Sintflut hereinbrach. Vielleicht zerbrach im Zuge dessen der ursprüngliche Superkontinent Pangaea in die heutige Aufteilung der Landmasse. Als Noah und seine Begleiter die Arche verließen, betraten sie jedenfalls eine völlig neue Welt – aber die Sterne waren noch die selben, und so ging die Erinnerung an Eden trotz Flut nicht verloren. Im Laufe der Zeit wurde das Abbild der Eva am Himmel zugleich als Sternbild jener damals noch unbekannten Jungfrau gedeutet, die den ersehnten "Samen des Weibes" gebären sollte.

Dass ein Sternbild mit dem Namen "Jungfrau" schon vor mindestens fünf Jahrtausenden im Zweistromland bekannt war, verrät die erste Tafel der berühmten Keilschrift-Serie MUL.APIN, die astronomische Aufzeichnungen des dritten Jahrtausends v. Chr. enthält. Darin ist ein Sternbild mit dem Namen Erua verzeichnet, geschrieben in den Keilschriftzeichen E4.RU6.U2.A.[4] Das Zeichen E4 bedeutet "Same". RU6 steht für das sumerische Wort EDIN, eine uralte Bezeichnung für das Paradies, das ja auch in der Bibel Eden genannt wird. Und U2.A ist das zusammengesetzte Zeichen für "hervorbringen" oder "gebären". Der Name des Sternbildes bedeutet folglich: "Diejenige, die den in Eden verheißenen Samen gebären wird."[5]

Zum Sternbild Erua wurde in der Tontafel noch erklärend hinzugefügt: Zarpanitum. Hierfür benutzten die Babylonier die Keilschriftzeichen ZAR4, was ebenfalls "Same" bedeutet, dann BA für "gebären" (U2.A), und NITA2 für "männlich". Zarpanitum muss daher übersetzt werden: "Diejenige, welche den männlichen Samen gebären wird". Zahlreiche Tontafeln beweisen, dass Zarpanitum von den Babyloniern als "zer banitu", "die den Samen Hervorbringende" etymologisiert wurde.[6] Die Erwartung einer Jungfrau, die den Erlöser gebären soll, wurde in dieser Form also auch von den Heidenvölkern überliefert! Doch es mussten noch viele Jahrhunderte vergehen, bis der verheißene Erlöser offenbar wurde.

An der Position des Firmaments, an der laut Keilschrift-Tafel das Sternbild Erua sein müsste, finden wir auf heutigen Himmelskarten übrigens eine Sternen-Konstellation, die "Haar der Berenike" genannt wird. Doch dieses Sternbild wurde erst um 245 v. Chr. vom Hofastronom des ägyptischen Königs Ptolemäus III. Euergetes eingeführt und nach dessen Gemahlin Berenike benannt.[7] Das ursprüngliche Sternbild Jungfrau wurde im Laufe der Zeit von den Griechen nach unten (Richtung Ekliptik) verschoben und dehnt sich dort liegend in östlicher Richtung bis zur Waage aus. Deshalb enthält das heutige Sternbild Virgo nur noch einen Teil der viel älteren Erua. Dieser Sachverhalt wurde bis ins Mittelalter überliefert; beispielsweise schreibt der arabische Astronom Abu Ma`schar (ca. 787-886 n. Chr.) in Bezug auf das Sternzeichen Virgo: "Im ersten Dekan [in den ersten zehn Graden] des Zeichens der Jungfrau geht nach den ältesten Überlieferungen der Perser, Chaldäer, Ägypter, des Hermes und des Äskulap ein Mädchen auf [...], eine keusche, reine, unbefleckte Jungfrau von vortrefflicher Gestalt und schön von Angesicht, mit langem Haar; sie hält in ihren Händen zwei Ähren; sie sitzt auf einem Thron und säugt einen jungen Knaben, der einen hebräischen Namen hat und den einige Nationen Jesus nennen ..."[8] Er wusste also, dass das himmlische Zeichen der Mutter des Erlösers nur in den ersten Zehn Graden der Virgo zu sehen war.

Die schwangere Jungfrau

Die Prophezeiung von Eden wurde im achten Jahrhundert v. Chr. von JHWH selbst durch seinen Propheten Jesaja bestätigt. In Israel stand Krieg bevor; das Nordreich war mit seinen syrischen Verbündeten hinabgezogen, um das Südreich Juda zu erobern. Da trat Jesaja vor Ahas, den König des Südreichs, und versicherte ihm, dass sein Land nicht erobert werden würde. Weil der König dem Mann Gottes nicht glaubte, sprach Jesaja zu ihm:

"Erbitte ein Zeichen von JHWH, deinem Gott; erbitte es in der Tiefe oder droben in der Höhe!"
– Prophet Jesaja, Kapitel 7,11

Zwar wollte Ahas kein Zeichen sehen, weder auf Erden (in der Tiefe) noch im Himmel (in der Höhe), doch wir werden sehen, dass JHWH beides gab. Der Prophet sprach weiter:

"Höre doch, Haus David! Ist es euch nicht genug, dass ihr Menschen ermüdet, müsst ihr auch meinen Gott ermüden? Darum wird euch der Herr selbst ein Zeichen geben: Siehe, die Jungfrau wird schwanger werden und einen Sohn gebären [...]"
– Prophet Jesaja, Kapitel 7,13+14

Dieses Zeichen wurde (vermutlich im Jahre 2 v. Chr.) Wirklichkeit, als die von König David abstammende jüdische Jungfrau Mirjam (Maria) in Bethlehem ihren ersten Sohn gebar, der Jeshua (Jesus) genannt wurde. Als das Kind hier unten auf Erden ("in der Tiefe") zur Welt kam, strahlte gleichzeitig am gestirnten Himmel ("droben in der Höhe") ein neuer Stern auf, der die Geburt des Erlösers anzeigen sollte. Und tatsächlich wusste man dieses Zeichen auch in fernen Ländern zu deuten. Der Evangelist Matthäus berichtet uns, wie König Herodes und ganz Jerusalem bestürzt wurden, als Magier aus dem Osten (die so genannten "heiligen drei Könige", die laut Bibel übrigens weder heilig, noch drei, noch Könige waren) in der Stadt auftauchten und fragten:

"Wo ist der König der Juden, der geboren worden ist? Denn wir haben seinen Stern hervorgehen sehen und sind gekommen, ihm zu huldigen."
– Das Evangelium nach Matthäus, Kapitel 2,2

Wie konnten heidnische Magier, vermutlich Anhänger der Lehre Zarathustras (Zoroaster) aus Persien, so genau wissen, dass dieser neue Stern die Geburt des Erlösers in Israel anzeigt? Sie müssen sich absolut sicher gewesen sein, sonst hätten sie die wochenlange Reise kaum auf sich genommen. Die Erklärung ist einfach: Um 560 v. Chr. befand sich ein großer Teil des jüdischen Volkes in Babylon, unter ihnen der Prophet Daniel, der am Hofe des Königs Nebukadnezar II. als oberster aller Traumdeuter, Wahrsager und Zeichendeuter (Magier!) diente.[9] Daniel kannte zweifellos die Weissagung des Jesaja, außerdem empfing er in Träumen selbst einige erstaunliche Prophezeiungen über die Ankunft des Erlösers. Die babylonischen Magier haben durch Daniel problemlos von Jesajas Prophezeiung erfahren können, und so konnte die von ihnen geprägte persische Religion die Erwartung des Erlösers durch eine Jungfrauengeburt übernehmen. (Übrigens erzählt man sich, dass sogar in Indien lange vor Christi Geburt ein Erlöser erwartet wurde, der im Haus eines Hirten von einer Jungfrau geboren werden sollte.)[10]

Jesaja hatte außerdem nicht von irgendeiner Jungfrau gesprochen, sondern von der Jungfrau. Womöglich meinte er das Sternbild, das den heidnischen Völkern als eine auf einem Thron sitzende Jungfrau durchaus bekannt war. Damit der neue Stern als "Stern des Königs der Juden" identifiziert werden konnte, musste er an einer – einer einzigen! – ganz bestimmten Stelle am Firmament erscheinen: Im Schoße des Sternbildes Jungfrau! Nur so hätten die zoroastrischen Magier den neuen Stern als Zeichen der Geburt des Erlösers deuten können. Der Wissenschaftshistoriker Werner Papke konnte nachweisen, dass es sich bei diesem Stern vermutlich um eine Supernova gehandelt hat, und nicht, wie allgemein angenommen wird, um eine Planetenkonjunktion von Jupiter und Saturn.[11] Als die Jungfrau am Himmel plötzlich mit einem neuen Stern "schwanger" wurde, machten sich die Zeichendeuter zielstrebig auf den Weg ins kleine jüdische Land, um dem neugeborenen "König der Juden" zu huldigen.

Die Legende von Nimrod und Semiramis

Natürlich kamen bald auch Individuen mit weniger noblen Absichten auf die Idee, wichtige Ereignisse an den Sternenhimmel zu bannen. Als die ersten und bedeutendsten Herrscher nach der Sintflut starben, wurde auch ihnen ein Sternbild oder ein Planet zugeordnet. Die Seelen dieser sterblichen Könige wurden sprichwörtlich an den Himmel versetzt und lebten fortan – so dachten sie – als Götter in den Sternen weiter. Die von JHWH erschaffenen Himmelslichter wurden selbst zum Gegenstand der Anbetung. In einem sumerischen Keilschrifttext heißt es über die Helden Sumers: "Sie waren die Männer, die an den Himmel traten, die am Himmel leuchtend erschienen."[12] Ich komme nun auf einen König und seine Frau zu sprechen, denen dieses Kunststück ganz außerordentlich gut gelang.

Der erste Mensch, der nach der großen Flut "Macht gewann auf Erden" war laut dem Buch Genesis ein Urenkel Noahs, der Nimrod genannt wurde. Von ihm heißt es, "der Anfang seines Reiches war Babel, sowie Erech (d.h. Uruk), Akkad und Kalne im Lande Sinear (d.h. Sumer). Von diesem Lande ist er nach Assur gekommen und baute Ninive [...]." Nimrod herrschte über ganz Mesopotamien und war so berühmt, dass man ihn sogar in Sprichworten als "gewaltigen Jäger" bezeichnete.[13] Die jüdische Tradition kennt ihn als Tyrann, der mit seiner legendären Frau Semiramis offen gegen Gott rebellierte und maßgeblich am Turmbau zu Babel beteiligt war. Bis heute gelten Nimrod und Semiramis als Inbegriff der Selbstverherrlichung und sexueller Unmoral.

Der griechische Geschichtsschreiber Ktesias von Knodos (ca. 400 v. Chr.) berichtete in der Persika seinerseits von einem Herrscher namens Ninos, der als erster Krieg führte und über Mesopotamien hinaus die ganze bekannte Welt bis auf Indien unterwerfen konnte. (Die Persika selbst ist leider verloren, doch hat uns Diodor von Sizilien (ca. 60 v. Chr.) Teile daraus überliefert.[14]) Dieser Ninos jedenfalls sei es gewesen, der die nach ihm benannte Stadt Ninos (hebräisch: Ninive[15]) gründete, die Hauptstadt der Assyrer. Die Stadt hatte angeblich 1.500 Türme und muss so unfassbar groß gewesen sein, dass auf ihren 30 Meter hohen Mauern drei Streitwagen nebeneinander fahren konnten. Diodor schreibt voll Bewunderung, dass nie wieder eine Stadt vergleichbarer Ausmaße gegründet werden konnte. Auch im biblischen Bericht wird Ninive mit 120.000 Einwohnern und einem Durchmesser von drei Tagesreisen zu Recht "die große Stadt" genannt.[16] Ninos wurde außerdem als mächtiger Jäger abgebildet[17] und seine Frau sei die sagenhaft schöne Semiramis[18] gewesen. Wir können davon ausgehen, dass Nimrod und Ninos die selbe historische Person darstellen.

Semiramis gebar dem König auch einen Sohn namens Ninyas, doch Nimrod starb, als Ninyas noch sehr jung war, wie der römische Historiker Justin bestätigt.[19] Über den Tod Nimrods ranken zahlreiche Mythen; manche behaupten, er sei beim Einsturz des Turms von Babylon darin begraben worden[20], andere glauben zu wissen, dass er einer Intrige der Semiramis zum Opfer gefallen sei.[21] Es wurde sogar spekuliert, ob er nicht von Sem, dem Sohn Noahs, wegen seines gottlosen Lebenswandels erschlagen wurde.[22]

3D-Rekonstruktion von Babylon (c) Fritz Göran Vöpel, für die Reiss-Engelhorn Museen Mannheim, Bild von FaberCourtial, 2009
3D-Rekonstruktion von Babylon (c) Fritz Göran Vöpel, für die Reiss-Engelhorn Museen Mannheim, Bild von FaberCourtial, 2009
Die Königin, nunmehr Witwe, war freilich nicht gewillt, ihre Macht an ein unmündiges Kind abzugeben, wenngleich Ninyas der rechtmäßige Thronfolger gewesen wäre. Deshalb, und um ihre Autorität gegenüber dem Volk zu festigen, habe sich Semiramis zunächst als Mann ausgegeben und vorgetäuscht, Ninyas zu sein. Erst später, nach zahlreichen großzügigen Taten, habe sie ihre wahre Identität offenbart, was ihre Bewunderung beim Volk nur steigerte. Sie unternahm Eroberungszüge durch die ganze bekannte Welt, befestigte die Mauern Babylons und errichtete darin einen über die Maßen prunkvollen Palast. Als schließlich Ninyas das Mannesalter erreicht hatte, entbrannte Semiramis in einer verbotenen Leidenschaft zu ihrem eigenen Sohn, der damit offensichtlich nicht einverstanden war und seine Mutter kurzerhand ermordete.[23] Manche behaupten auch, Semiramis habe sich in ein Täubchen verwandelt und sei von dannen geflogen. Seitdem verehrten die Assyrer die Tauben als Götter, gleichwie sie ihre Königin in den Status einer Göttin erhoben hatten.[24]

Aufstieg der Himmelskönigin

Die Anbetung der Semiramis verbreitete sich schnell bis in die entlegensten Winkel der Erde. Lukian von Samosata (ca. 150 n. Chr.) beschrieb eine in Hierapolis verehrte, syrische Göttin, deren goldenes Standbild mit einer Taube gekrönt war. Ihm zufolge handelte es sich hierbei um ein Abbild der Semiramis, wohingegen andere darin die griechische Muttergöttin Rhea sähen.[25] Tatsächlich wurde Semiramis auch unter dem Namen Rhea verehrt, die bei den Römern als Cybele bekannt war.[26] Dargestellt wurde sie mit einer turmähnlichen Krone auf dem Haupt, da sie angeblich die Erste war, die Türme in Städten errichtete[27] – vielleicht eine Erinnerung an den Bau des legendären Turms von Babel.

Wir haben bereits festgestellt, dass die Vergöttlichung menschlicher Herrscher in alter Zeit auch bedeutete, dass sie einer bestimmten Stern-Konstellation zugeordnet und darin verehrt wurden. Wenn Semiramis als Rhea, der "Mutter aller Götter", angebetet wurde, welches Sternbild käme dann für sie in Frage? Wie ich gleich erläutern werde, kann es nur die Jungfrau Erua gewesen sein. Erua stellte ja ursprünglich die Eva dar, die schon von Anbeginn der Zeit als Mutter aller Lebenden gilt. Semiramis, die Königin über ganz Vorderasien, muss für die Menschen damals eine Art Mutterrolle eingenommen haben und wurde vermutlich deshalb nach ihrem Tod auf Eva projiziert. Die Bedeutung der uralten, vorsintflutlichen Sternbilder wurde also überschrieben und mit neuen Inhalten gefüllt.

Weil das Sternbild Erua am galaktischen Nordpol steht (der höchsten Stelle unserer Milchstraße nach dem galaktischen Koordinatensystem), gaben die Sumerer der himmlischen Jungfrau den Namen Inanna, das bedeutet "Himmelskönigin".[28] Und da die Erwartung der Geburt des Erlösers untrennbar mit dem Sternbild Erua verbunden war, wurde diese Himmelskönigin in der Vorstellung der Nationen zu einer jungfräulichen Fruchtbarkeitsgöttin, aufgrund ihrer Verbindung zum "gewaltigen Jäger" Nimrod aber auch zu einer Kriegs- und Jagdgöttin.

Der Dichter Pindar (ca. 518-446 v. Chr.) besingt Rhea als diejenige, "die hoch über allen thront".[29] In Ägypten wurde sie als göttliche Isis bezeichnet[30] (ägyptisch Iset, "die Thronende"), und mit der Hieroglyphe des Thrones auf dem Haupt abgebildet. Die späteren Babylonier verehrten sie unter dem Namen Ischtar. Eine astronomische Analyse des berühmten Gilgamesch-Epos aus Babylon hat ergeben, dass die Göttin Ischtar mit dem Sternbild Erua assoziiert wurde.[31] Es verwundert kaum, dass auch die Israeliten dem Götzendienst für die Himmelskönigin erlagen und von ihrem Propheten Jeremia zurechtgewiesen wurden:

"Weil ihr der Himmelskönigin geopfert habt und wider JHWH sündigtet und der Stimme JHWHs nicht gehorchtet und in seinem Gesetze, seinen Rechten und Mahnungen nicht gewandelt seid, darum ist euch solches Unheil widerfahren, so wie es heute ist."
– Prophet Jeremia, Kapitel 44,23 (Luther-Übersetzung)

Die Hebräer nannten die Himmelskönigin Aschtoret, die Syrer Aschera und die Phönizier Astarte, wobei letztere wiederum mit der griechischen Liebesgöttin Aphrodite und der römischen Venus identisch sei.[32] In Skandinavien kennt man sie unter dem Namen Frigg. Der englische Kirchenhistoriker Beda Venerabilis (673-735 n. Chr.) schrieb von einer germanischen Göttin Eostre[33] (deutsch: Ostara), und der deutsche Sprachwissenschaftler Jacob Grimm (1785-1863 n. Chr.) postulierte sogar, dass das christliche Osterfest seinen Namen von ihr habe.[34]

Austen Henry Layard (der Entdecker des alten Ninive, 1817-1894 n. Chr.) erwähnt eine Notiz in Dionysius` Werk "Periegesis", die Semiramis mit der griechischen Jagdgöttin Artemis (der römischen Diana) und der Despoina gleichsetzt.[35] Das griechische Wort "Despoina" bedeutet "Gebieterin", was auch ein Titel der Rhea war.[36] Despoina ist weiterhin gleichzusetzen mit der griechischen Muttergöttin Demeter und der römischen Ceres. Ferner sei der Kult um Demeter identisch mit dem der Isis, nur im Namen läge der Unterschied.[37]

Wie auch immer der ursprüngliche Name der historischen Semiramis gelautet haben mag; die Frau von Babylon blieb bei den meisten Völkern als Himmelskönigin unter zahllosen Namen und Titeln in Erinnerung.

Ein toter König erobert die Welt

Vielleicht war es anfangs nur die respektvolle Erinnerung an einen heldenhaften König, die die späteren Herrscher Mesopotamiens dazu brachte, auch den toten Nimrod als unsterblichen Gott zu verehren, und zwar im Sternbild des Orion. Im Arabischen wird der Orion noch heute "Al-Gabbar" genannt, das bedeutet "Gewaltiger" bzw. "Riese".[38] Der griechische Dichter Homer stellt den Orion als Jäger dar,[39] und selbst berühmte Altertumsforscher wie Layard identifizieren den Orion als himmlisches Abbild Nimrods.[40]

Nun heißt es in den Pyramidentexten von Sakkara (ca. 2300 v. Chr.), den womöglich ältesten religiösen Texten der Welt,[41] über den ägyptischen Totengott: "Siehe, er ist (wieder)gekehrt als Orion, siehe, Osiris kam als Orion."[42] Die Ägypter kannten den gewaltigen Jäger somit als Osiris, den Geliebten der Isis, welche ja bereits als vergöttlichte Semiramis identifiziert wurde. Auch Diodor betont, dass Isis und Osiris nur vergöttlichte Sterbliche waren und setzt das Paar überdies mit den olympischen Hauptgöttern Zeus und Hera gleich.[43] Auf einer Gedenksäule des arabischen Ortes Nysa soll sich Osiris selbst damit gerühmt haben, er sei "des Kronos ältester Sohn", was sonst eigentlich nur Zeus von sich behaupten kann.[44]

Der griechische Völkerkundler Herodot von Halikarnassos (ca. 480-424 v. Chr.), der nach eigenen Angaben selbst in Ägypten war, hält fest, dass Osiris kein anderer ist als der Gott des Weines und der Fruchtbarkeit, der bei den Griechen Dionysos und bei den Römern Bacchus genannt wird. Darüber hinaus sei Zeus gleichzusetzen mit dem ägyptischen Fruchtbarkeitsgott Amun.[45] Diodor bestätigt seinen Landsmann Herodot, indem er erklärt, der Name Dionysos sei zusammengesetzt aus "Dion/Dios" (d.h. Zeus) und "Nysa", der Heimatstadt des Osiris.[46] Jedoch beschreibt Diodor den Osiris als Sohn des Zeus, und nicht als Zeus selbst. Hier haben wir ein Beispiel dafür, wie die Götter im Laufe der Jahrtausende miteinander verschmolzen oder in noch zahlreichere Einzelgottheiten aufgespalten wurden, bis ihre ursprüngliche Bedeutung kaum mehr nachvollziehbar war. Diodor selbst erkannte schließlich das totale Chaos im Pantheon:

"Die Nachrichten von diesen Gottheiten lauten überhaupt sehr verschieden. Dieselbe Göttin nennt man bald Isis, bald Demeter, bald Gesetzgeberin, bald Mondgöttin, bald Hera, bald mit allen diesen Namen zugleich. Den Osiris hat man als Eins bald mit Serapis, bald mit Dionysos, mit Pluto, mit Ammon, zuweilen mit Zeus, häufig mit Pan betrachtet."
– Diodor von Sizilien, "Bibliotheca historica", Buch I, Kapitel 25

Bei all der Verwirrung lässt sich zumindest eines genau beobachten: Die Römer hatten ihre Gottesvorstellungen von den Griechen, die Griechen übernahmen sie aus Ägypten, die Ägypter schauten bei den Babyloniern ab und die wiederum bauten auf der uralten Religion der Sumerer. In diesem Land, dem Lande Nimrods, muss der Ursprung der heidnischen Götterwelt liegen. Auch der zuvor genannte Religionswissenschaftler Werner Papke bestätigt, dass die Sternenkunde (und damit die Astral-Religion) von alters her in Babylonien entstand und von den Chaldäern zu den Ägyptern und von dort zu den Griechen kam.[47] Es fällt auf, dass die Verehrung eines Vatergottes und einer Muttergöttin ein immer wiederkehrendes Element der alten Religionen ist. Häufig wurde die männliche Gottheit auch mit der Sonne gleichgesetzt und die weibliche mit dem Mond.[48]

Der gefälschte Erlöser

Leider schweigt die Geschichtsschreibung darüber, was weiter mit Ninyas geschah. Doch in der Mythologie der alten Völker lässt sich eine Gemeinsamkeit beobachten: Neben der Verehrung von Vatergott und Muttergöttin wird fast immer auch ein "Gottessohn" verehrt. Häufig verschmilzt der Sohn mit dem Vater und übernimmt dessen Eigenschaften (Gatte/Sohn-Einheiten). Die Sumerer huldigten Dumuzi (babylonisch/hebräisch Tammuz), dem Sohn des obersten Gottes Enki und Geliebten der Inanna-Ischtar. In Ägypten war das Paar bekannt als Isis und Osiris mit ihrem Sohn Horus. In Skandinavien kannte man Odin und Frigg mit ihrem Sohn Balder. Die Griechen verehrten Zeus als Sohn des Kronos und der Rhea.

Es ist anzunehmen, dass es in grauer Vorzeit selbstverständlich war, besonders mächtige Helden und Könige als "Gottessöhne" zu bezeichnen; in der griechisch-römischen Epoche war der Götterhimmel voll von "Söhnen des Zeus", darunter Herakles, Dionysos und Apollon. Doch in den älteren Religionen sticht immer eine Götter-Triade besonders deutlich hervor.

Die ägyptischen Götter Osiris, Horus und Isis (Statue "Osorkon II.", Louvre)
Die ägyptischen Götter Osiris, Horus und Isis (Statue "Osorkon II.", Louvre)
Wir erinnern uns, dass die Völker in der Erwartung eines Erlösers standen und wussten, dass er von einer Jungfrau geboren werden sollte. Da verwundert es nicht, dass der "Sohn" in den heidnischen Religionen als dieser Erlöser betrachtet wurde! Der Sohn (bzw. die männliche Komponente der Götterfamilie) wurde zu einem gefälschten, vorweggenommenen Christus. Alle Titel, die auf Jesus zutreffen, wurden schon lange zuvor für den "Gottessohn" der Sumerer, Babylonier, Ägypter, Griechen und Perser verwendet:

Dumuzi bedeutet wörtlich "rechtmäßiger Sohn",[49] Tammuz wurde "Hirte" genannt, Osiris war der "König der Könige", Dionysos kann auch "Träger der Sünden" bedeuten.[50] Zoroaster wurde als der "Same der Frau" bezeichnet[51] und Mithras (der persische Sonnengott) als "der Erlöser". Gewiss wurden diese Titel den Gottessöhnen als Legitimation zugeschrieben: Sie wären der verheißene Erlöser! Doch die Prophezeiung sagte auch den Tod des Gottessohnes voraus. Und der ist im Glauben der alten Völker ebenfalls fest verankert, was ich gleich am Beispiel des Dumuzi-Tammuz und des Osiris zeigen werde.

Trauer um Tammuz

Moses Maimonides, ein jüdischer Philosoph aus dem 12. Jahrhundert n. Chr., erwähnt in seinem Werk "More Nevochim" einen falschen Propheten namens Tammuz. Dieser habe von einem mysteriösen König gefordert, die sieben Planeten und die zwölf Tierkreiszeichen anzubeten, worauf der König das Todesurteil über Tammuz gesprochen und ihn einem grausamen Tod überantwortet habe. In der Nacht seines Todes, so die Legende, hätten sich alle Götzenbilder der Welt im Tempel von Babylon bei dem großen Abbild der Sonne versammelt und dort bis zum Morgengrauen gemeinsam um Tammuz geklagt und getrauert.[52][53] Daraus sei der Brauch entstanden, jährlich um den Sternenanbeter zu trauern – und zwar am ersten Tag des gleichnamigen Monats Tammuz.

Die Heilige Hochzeit von Inanna und Dumuzi auf einem Tonrelief
Die Heilige Hochzeit von Inanna und Dumuzi auf einem Tonrelief
Bei den Sumerern war Tammuz als Dumuzi bekannt und wurde als Gott der Hirten und der Vegetation betrachtet. Ihm zu Ehren zelebrierten die Sumerer jährlich ein Ritual, das "Heilige Hochzeit" genannt wurde und Dumuzis Tod sowie seine Auferstehung (!) bildlich darstellte. Der König von Uruk vollzog dabei den Geschlechtsakt mit einer Tempelpriesterin, wobei er Dumuzi und sie die Himmelskönigin Inanna verkörperte.[54] So wurde die Wiedervereinigung der Göttin mit ihrem Geliebten gefeiert, welcher zuvor ein halbes Jahr in der Unterwelt verweilen musste.[55] Die sechsmonatige Abwesenheit des Vegetationsgottes wurde mit der Winterzeit in Verbindung gebracht und die Menschen fasteten und trauerten um Dumuzi-Tammuz, wie schon der Prophet Hesekiel in Jerusalem sah:

"... Und er führte mich zu dem Eingang des Tores am Haus JHWH`s, das gegen Norden liegt; und siehe, dort saßen Frauen, die den Tammuz beweinten."
– Prophet Hesekiel, Kapitel 8,14

Bereits in den frühesten literarischen Werken der Menschheit wird von der dramatischen Beziehung zwischen Dumuzi und Inanna-Ischtar berichtet. Im bereits erwähnten Gilgamesch-Epos aus dem 24. Jahrhundert v. Chr. spricht der Held zur Göttin Ischtar:

"Dumuzi, deinem Jugendgeliebten – ihm hast Jahr für Jahr du zu weinen bestimmt."
– Gilgamesch-Epos, Tafel 6, Zeile 46

Seine "Auferstehung" am sumerischen Neujahr läutete entsprechend den Beginn des Frühlings ein und führte zum Wiederaufleben und zur erneuten Fruchtbarkeit im Tier- und Pflanzenreich. Dann brachen die Menschen in den Oster-Ischtar-Jubel aus: "Der Herr (phönizisch: Adon, semitisch: Adonai, assyrisch: Bel, kanaanäisch: Baal) ist auferstanden!"

Der Osiris-Mythos

Relief der Erweckung des Gottes Osiris durch die Göttin Isis im Totentempel Sethos I. in Abydos, Ägypten (Foto von Olaf Tausch)
Relief der Erweckung des Gottes Osiris durch die Göttin Isis im Totentempel Sethos I. in Abydos, Ägypten (Foto von Olaf Tausch)
Zahlreiche Pyramidentexte, Sargtexte und das berühmte Buch der Toten erzählen vom tragischen Schicksal des Osiris. Als Nachkomme des Sonnengottes Re habe er mit seiner Königin Isis über Ägypten regiert. Tragischerweise wurde Osiris von dem Wüstengott Seth ermordet und in Stücke geschlagen. Seth wurde neuer König und ließ die Einzelteile des Osiris als Abschreckung in alle 42 Provinzen Ägyptens senden. Trotz dieser hoffnungslosen Lage gelang es Isis schließlich, alle Leichenteile zu sammeln und (kurzzeitig) magisch wiederzubeleben (!). Noch während des nekromantischen Rituals wurde die Frau schwanger von Osiris und gebar den Horus. Im weiteren Verlauf des Mythos tritt Osiris nur noch als Gott der Unterwelt in Erscheinung, während sein Sohn Horus den Seth herausfordert und ihm den Thron streitig macht.

Über das Ende der Geschichte gibt es mehrere Varianten; manche berichten davon, dass Seth letztlich vernichtet oder verbannt wurde, andere halten fest, dass Horus und Seth gemeinsam regierten, jeder in einer der traditionellen Hälften des Landes (Ober- und Unterägypten). In jedem Fall wird letztlich Maat wiederhergestellt, das Prinzp von Gleichgewicht und Ordnung im Kosmos. Schön für die Ägypter. Für uns ist dabei nur eine Sache relevant: Die Geburt des Sohnes, des Retters, steht in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Tod des Vaters!

Verschwörung in Babylon

Könnten die Legenden aus Sumer und Ägypten ursprünglich eine Reminiszenz an den Tod des Nimrod und seine "Wiedergeburt" als Ninyas gewesen sein? Ninyas wurde geboren als Nimrod starb, und Horus wurde geboren als Osiris starb. Sowohl über Tammuz als auch über Osiris wurde behauptet, sie seien vom Tod zurückgekehrt. Womöglich wurde dem Volk damals weisgemacht, Ninyas sei eine Art Reinkarnation des alten Königs, der aus dem Totenreich zurückgefunden habe ins Land der Lebenden! Das würde erklären, warum Semiramis manchmal als Mutter, manchmal als Frau und manchmal sogar als Tochter des Ninos/Nimrod dargestellt wurde.[56]

Mehr noch: Erinnern wir uns, dass Semiramis danach trachtete, eine Liebesbeziehung zu ihrem Sohn einzugehen. War diese Affäre nur Teil der Täuschung, um zu verdeutlichen, dass ihr Gatte Nimrod wieder lebte? Der Betrug wäre perfekt – Nimrod wäre als göttlicher Erlöser vom Tod gefeiert worden, denn offensichtlich hatte er den Tod überwunden. Vielleicht machte Semiramis in der Rolle der obersten Tempel-Priesterin dem Volk die Geschichte glaubhaft. Niemand hätte mehr ihre Macht in Frage gestellt, geschweige denn die des "auferstandenen" Nimrod.

Noch einmal zusammengefasst: Semiramis brachte einen Sohn (Ninyas) zur Welt, der angeblich die Wiedergeburt ihres Mannes (Nimrod/Ninos) gewesen ist. Damit wurde Nimrod in den altorientalischen Religionen zum gottgesandten Retter, Semiramis selbst aber zur "Mutter Gottes", da sie den vermeintlich göttlichen Samen zur Welt gebracht hatte. Vielleicht war es eben dieses Ereignis, das Nimrod und Semiramis endgültig in die Sterne erhob.

Die sumerische Königsliste

Sollte die bisherige Rekonstruktion der Ereignisse auch nur halbwegs den Tatsachen entsprechen, müssen sich in den (teils mythologischen) Königslisten der Sumerer zumindest Hinweise darauf finden lassen. Werfen wir also einen Blick auf das so genannte Weld-Blundell-Prisma, eine Tontafel aus dem 3. Jahrtausend v. Chr.,[57] in der sich unter anderem die Könige der ersten Dynastie von Uruk eingraviert finden.[58] Uruk war nach der großen Flut die erste Metropole der Welt, und die Namen ihrer ersten Herrscher lauten wie folgt:

1. Meshkiagkasher von E-ana, Sohn des Utu
2. Enmerkar, Sohn des Meshkiagkasher, König von Uruk, der Uruk erbaute
3. Lugalbanda, der Hirte
4. Dumuzi, der Fischer, dessen Stadt Kuara war
5. Gilgamesch, Herr von Kullaba
etc.

Über die Identität dieser Männer gibt es eine interessante Theorie, die sowohl von Papke als auch von dem englischen Ägyptologen David Rohl vertreten wird.[59][60] Sie haben herausgefunden, dass der Name Enmerkar in den meisten sumerischen Schriftstücken En-me-kar geschrieben wird, auf späteren Tontafeln auch En-me-er-kar, und in einem Exemplar der Königsliste aus Nippur findet sich die Schreibweise "En-me-er-ru-kar".[61] Die letzte Silbe kann als Titel verstanden werden, denn -kar ist das sumerische Wort für "Jäger". Der Name kann also legitim "Enmeru, der Jäger" ausgesprochen werden. Hätte ein hebräischer Schreiber im 2. Jahrtausend v. Chr. diesen Namen in seiner Sprache aufgeschrieben, hätte er das einfach mit den Konsonanten N-M-R (נמר) getan. Die Vokalzeichen für eine korrekte Aussprache wurden der hebräischen Schrift nämlich erst ab dem 5. Jahrhundert n. Chr. durch jüdische Gelehrte (die Masoreten) hinzugefügt. Diese kannten die ursprüngliche Aussprache der Eigennamen womöglich nicht mehr und vokalisierten "Nimru". Um einen verständlichen hebräischen Namen mit einer passenden Bedeutung daraus zu machen, könnte er mit dem hebräischen Verb marad (מרד, "rebellieren") kombiniert worden sein, womit der biblisch überlieferte Name entstanden wäre: "Nimrod, der Jäger"! Bestätigend nennt die sumerische Königsliste Enmerkar den "Erbauer von Uruk", wie auch Nimrod in der Genesis bezeichnet wird.

Nun hat Enmerkar einen Vater mit dem wohlklingenden Namen Mesh-ki-ag-kasher. Mesh-ki-ag bedeutet "geliebter Held", ist also wiederum ein Titel vor dem eigentlichen Namen "Kasher". Das klingt doch sehr nach Kusch, dem biblischen Namen für Nimrods Vater![62] Auf die anderen drei Namen werde ich später zurückkommen und zeigen, inwiefern sogar der biblische Ham in sumerischer Keilschriftliteratur auftaucht, der Vater des Kusch und Sohn des Noah.

Die assyrische Königsliste

Vergleichen wir jetzt die sumerische Königsliste mit der Assyrischen, die uns Eusebius von Cäsarea (ca. 260-340 n. Chr.) in seiner Chronik überliefert hat. Der Kirchenhistoriker hatte unter anderem Zugriff auf die Werke der griechischen Geschichtsschreiber Abydenos, Kastor von Rhodos, Diodor von Sizilien und Kephalion, die uns heute teilweise nicht mehr erhalten sind. Sie alle weisen darauf hin, dass die Assyrer damals das gesamte bekannte Asien unterworfen hatten, abgesehen von Indien, und nennen für den Beginn der assyrischen Herrscherfolge einstimmig folgende Namen und Hinweise:

1. Belos
2. Ninos, zu dessen Zeit Abraham gelebt hat, der Stammvater der Hebräer
3. Semiramis
4. Zames, welcher ist Ninyas
5. Arios
etc.

Ninos` Erwähnung als Zeitgenosse Abrahams ist ein weiteres Indiz dafür, dass Ninos und Nimrod die selbe Person waren. Aus der biblischen Chronologie lässt sich ableiten, dass Nimrod und Abraham nur wenige Generationen versetzt lebten und sich aufgrund der damaligen, extrem hohen Lebenserwartung (die übrigens auch in der sumerischen Königsliste bezeugt ist) durchaus gekannt haben können. Zahlreiche außerbiblische Schriften berichten sogar davon, wie Abraham aufgrund seines monotheistischen Glaubens mit Nimrod aneinander geriet und ohne Gottes Hilfe der Mordlust des Köngis zum Opfer gefallen wäre.[63] Auf jeden Fall steht Nimrod in Übereinstimmung mit der sumerischen Liste wiederum an zweiter Position!

Nun wird es um so interessanter, denn die griechischen Schreiber nennen an dritter Stelle statt des mysteriösen Lugalbanda die Semiramis, die ihrem Gatten auf den Thron folgte. Dass in der Chronik unter hunderten von Männern überhaupt eine Frau erwähnt wird, deutet schon darauf hin, dass damals etwas ganz Außergewöhnliches geschehen sein muss. Aus der sumerischen Literatur erfahren wir, dass Lugalbanda ein hoher General Enmerkars war, als jener gegen das legendäre Berg-Königreich Aratta zu Felde zog.[64] Warum aber sollte ein General das Königtum übernehmen? Eusebius liefert die Antwort: Weil der rechtmäßige Thronfolger – Ninyas – noch zu jung war! Wie es scheint, stehen sowohl Lugalbanda als auch Semiramis stellvertretend für den tatsächlichen König, der eben noch ein Kleinkind war. Vielleicht führte Semiramis die Regierungsgeschäfte weiter, während Lugalbanda (dessen Name übrigens treffend "junger König" bedeutet) den Monarchen nach Außen vertrat.

An vierter Position schließlich findet sich ein gewisser Zames, dessen Name bei Kastor (1. Jahrhundert v. Chr.) mit einem anderen Namen erklärt wird, der bei der altgriechischen Leserschaft scheinbar als bekannt vorausgesetzt wurde: Ninyas. Die Frage ist: Warum wird der Sohn des Ninos hier Zames genannt? Meine Vermutung ist, dass dieser Name aus noch älteren Quellen stammt, auf die Kastor und seine Berufsgenossen Bezug nahmen. Wie bereits angedeutet liegt die griechische Mythologie wie ein Schleier über älteren Vorstellungen, die näher an den tatsächlichen Begebenheiten waren. Die sumerische Überlieferung bekam bildlich gesprochen einen "hellenistischen Stempel" aufgedrückt, was sich in Formulierungen zeigt wie "Zames, welcher ist Ninyas". Nun aber – Woher könnte der Name Zames stammen, wenn nicht von Tammuz, den die Sumerer als Dumuzi kannten? Dann würden die beiden Königslisten auch an dieser Position übereinstimmen.

In Bezug auf die fünfte Position (und alle weiteren) muss ich gestehen, dass ich keine Verbindung zwischen Arios und dem legendären Gilgamesch herstellen konnte, nicht zuletzt deshalb, weil Arios sehr nach der griechischen Entsprechung eines babylonischen Namens klingt – den Eusebius nicht erwähnt. Auch sonst ist mir über Arios faktisch nichts bekannt.

Damit bleibt nur noch Belos, was die griechische Form des hebräischen Bel oder Baal ist. Dieses Wort, mehr ein Titel als ein Name, bedeutet einfach nur "Herr", "Meister" oder "Gott". In Bezug auf die assyrische Königsliste lässt sich also nicht nachvollziehen, wer sich dahinter verbirgt. Erst der interkulturelle Vergleich mit der sumerischen Liste ergibt, dass vermutlich Meshkiagkasher gemeint ist.

Sohn des Sonnengottes

Meshkiagkasher, vermutlich der biblische Kusch, wird in der Königsliste "Sohn des Utu" genannt. Utu war der sumerische Sonnengott. Nun erfahren wir aus dem Buch Genesis, dass der Name von Kuschs Vater Ham lautete. Und Ham ist das hebräische Wort für "warm" oder "heiß", wird in der Bibel aber dichterisch auch für die Sonne verwendet![65] Die Sonne ist in der sumerischen, akkadischen und hebräischen Grammatik nicht weiblich, wie im Deutschen, sondern männlich. Ham, der Sohn des Noah, der die Sintflut selbst miterlebt hatte, blieb bei seinen Nachfahren, den hamitischen Völkern, wohl als Sonnengott in Erinnerung.

Neben Kusch hatte Ham noch drei weitere Söhne: Mizrajim, Put und Kanaan.[66] Die Überlieferung besagt, dass von Kusch die Äthiopier stammen,[67] von Mizrajim die Ägypter, von Put die Libyer und von Kanaan – man glaubt es kaum – die Kanaaniter.[68] Im Hebräischen bedeutet Kusch "Äthiopien" und Kuschi "Schwarzer", gleichwie Mizrajim damals wie heute das übliche Wort für das Land Ägypten ist. Diese Völker praktizierten allesamt einen Sonnenkult!

Nehmen wir Kuschs Bruder Mizrajim etwas genauer unter die Lupe. Sein Name ist zusammengesetzt aus der ägyptischen Präposition m- ("von"), dem Namen Izra und dem Majestätsplural -im. Wir wissen, dass die semitisch-sprechenden Völker das Land der Pharaonen Masr (arabisch), Mizr (hebräisch) oder Musri (akkadisch) nannten. Mizrajim kann daher so viel bedeuten wie Nachfolger des Asar, Izra oder Usar. "Asar" wiederum ist die ägyptische Schreibweise des Namens Osiris![69] Es erklärt auch wunderbar, warum König Osiris, der zentrale Charakter der ägyptischen Religion und Geschichte, den wir bereits mit Nimrod identifiziert haben, als direkter Nachkomme des Sonnengottes Re gilt: Nimrod-Osiris war der Enkelsohn des Ham.

Im biblischen Bericht begannen die Menschen nach dem Einsturz des Turms von Babel (und dem mutmaßlichem Tod ihres Führers Nimrod) sich in einzelne Völkergruppen aufzuteilen und auf der gesamten Erde zu verbreiten.[70] Josephus Flavius ergänzt, dass dabei einige den Weg zur See wählten.[71] Wie es scheint, emigrierten auch Nimrods Vater Kusch und sein Onkel Mizrajim nach Afrika, und dort wurde Mizrajim bekannt als derjenige, der seine Sippe "von Asar", also von Nimrod-Osiris, dem berüchtigten Turmbauer von Babel, nach Ägypten geführt hat.

Eine Übersicht der mythologischen Charaktere
Eine Übersicht der mythologischen Charaktere
Es könnte sein, dass Asar der Name ist, mit dem die historische Person Nimrod damals tatsächlich gerufen wurde. Asar ist der Name einer uralten, mesopotamischen Gottheit, die später, zur Zeit der Babylonier, als Marduk bekannt wurde. Dieser Marduk (sumerische Schreibweise AMAR.UD, "Kalb des Utu") war zunächst der Stadtgott (der König?) von Babylon, übernahm aber mit der wachsenden Bedeutung der Stadt die Funktion vieler anderer Gottheiten und wurde schließlich zum obersten Gott in der Vorstellung der Babylonier. Die Assimilierung der älteren Götter zeigt sich in den so genannten 50 Namen des Marduk,[72] unter denen er im Weltschöpfungs-Epos Enūma eliš der Babylonier bekannt war. Dort wird Marduk unter anderem Asaruludu, Asaru, Asarualim und sogar Namru (!) genannt und als Sohn der Sonne bezeichnet! Marduks Gemahlin war eine gewisse Göttin Sarpanit[73] oder Zarpanitum, das ist, wie wir bereits aus der MUL-APIN-Sterntafel erfahren haben, die Jungfrau Erua, in deren Abbild wohl die Semiramis vergöttlicht wurde. Wieder einmal erscheinen Nimrod und Semiramis als Götterpaar im Pantheon einer Nation.

Der Lauf der Sonne

Es existieren zahlreiche Hinweise darauf, dass Kusch-Meshkiagkasher mit seinen Brüdern Mizrajim und Put von Sumer über den Persischen Golf in den Indischen Ozean hinaus fuhr, die arabische Halbinsel umschiffte und an der Ostküste Afrikas an Land ging, wo er fortan das äthiopische Hochland besiedelte, während seine Brüder weiter nördlich ins heutige Ägypten und Libyen zogen.

In einer rätselhaften Notiz in der sumerischen Königsliste heißt es wörtlich übersetzt: "Meshkiagkasher zog über das Meer und trat beim Gebirge daraus hervor"[74] Die gängige Interpretation sieht in den geheimnisvollen Zeilen eine Beschreibung des täglichen Laufs der Sonne: Von Sumer aus gesehen verschwand die Sonne abends im Westen über dem Mittelmeer und trat am nächsten Morgen im Osten über dem Zagros-Gebirge wieder leuchtend in Erscheinung. So romantisch das auch klingen mag, halte ich eine historische Begebenheit trotzdem für plausibler: Erstens steht die Bemerkung über Meshkiagkashers Reise im Kontext einer Herrscherliste, die sonst nur Fakten, reale Ereignisse und historische Orte enthält, also nicht wirklich symbolischen Charakter aufweist. Und zweitens hätte dann konsequenterweise Meshkiagkashers Vater auf Reisen gehen müssen, denn Meshkiagkasher ist nur "Sohn der Sonne", nicht die Sonne selbst.

Ein Vergleich der Darstellung von Schiffen aus Mesopotamien und Ägypten lässt auf eine Völkerwanderung schließen
Ein Vergleich der Darstellung von Schiffen aus Mesopotamien und Ägypten lässt auf eine Völkerwanderung schließen
Der bereits erwähnte David Rohl ist in seinen Expeditionen im östlichen Bergland Ägyptens auf zahlreiche, in Stein gemeißelte Zeichnungen von Schiffen aufmerksam geworden, die von der Ostküste des Roten Meeres durch ausgetrocknete Täler (Wadis) bis hin zum Nil immer wieder auftauchen. Die Form dieser Schiffe sowie die Darstellung der Besatzung hat verblüffende Ähnlichkeit mit dem Motiv eines Siegels aus Uruk, was stark auf die Einwanderung einer sumerischen Volksgruppe in Ägypten hindeutet. Die selben Schiffe sind auch auf dem Griff eines Messers aus der Zeit von ca. 3200 v. Chr. (Naqada II oder III) abgebildet, das in Oberägypten bei Abydos gefunden wurde. Das derzeit im Louvre ausgestellte Messer von Gebel el-Arak ist berühmt geworden, weil die Motive darauf definitiv vorderasiatisch sind, nicht ägyptisch.

Schlussfolgerung

Der Sonnenkult verbreitete sich von Mesopotamien in die ganze Welt. Ebenso die Anbetung eines Königspaares, das zu Göttern wurde, und ihres Sohnes, des falschen "Erlösers". Aus dem Sternbild der reinen Jungfrau Erua, das von alters her nur ein Zeichen (!) der Mutter des wahren Erlösers war, wurde letztlich Babylons Göttin Ischtar. Im letzten Buch der Bibel wird Babylon mehrfach als "große Hure" personifiziert,[75] sicher nicht ohne Anspielung an die Tempel-Prostitution des Ischtar-Kults. Durch seinen Propheten Jeremia warnte JHWH eindringlich vor der Anbetung der Himmelskönigin,[76] und der Prophet Hesekiel berichtet, wie der Schöpfer die Verehrung der Sonne als furchtbaren Greuel brandmarkte:

"Und er [JHWH] führte mich in den inneren Vorhof des Hauses JHWHs; und siehe, am Eingang zum Tempel JHWHs, zwischen der Halle und dem Altar, waren etwa 25 Männer; die kehrten dem Tempel JHWHs den Rücken, ihr Angesicht aber nach Osten; und sie warfen sich nach Osten anbetend vor der Sonne nieder. Da sprach er zu mir: Hast du das gesehen, Menschensohn? Ist es dem Haus Juda zu wenig, die Greuel zu tun, die sie hier verüben, dass sie auch das Land mit Frevel erfüllen und mich immer wieder zum Zorn reizen?"
– Prophet Hesekiel, Kapitel 8,16

Wer nun meint, dieser fatale Fehler sei ein Relikt der Vergangenheit, sollte bedenken, dass der Ischtar-Kult auch vor der römisch-katholischen Kirche nicht halt gemacht hat. Weihnachten beispielsweise wird nur deshalb am 25. Dezember gefeiert, weil man diesen Tag in der Spätantike als Wintersonnenwende betrachtete. In der römischen Vorstellung hatte der Sonnengott Sol Invictus an diesem Tag Geburtstag. Schlimmer noch: Mirjam, die wahre Jungfrau, die als Nachfahrin der Eva tatsächlich den Erlöser zur Welt gebracht hat, wird bis heute als Himmelskönigin und Mutter Gottes verehrt und als Heilige Jungfrau Maria angebetet. Welch himmelschreiende Ironie!

In welcher Kultur auch immer wir die Religion erforschen mögen, am Ende steht meist ein "Gott-Vater", die "Himmelskönigin" und der "Erlöser", der vom Tod aufersteht. Diese Triade, die so stark in der Vorstellung aller Völker verwurzelt ist, geht wahrscheinlich auf die Prophezeiung zurück, die JHWH bereits Adam und Eva gegeben hat und der zufolge er durch eine menschliche Jungfrau den Retter vom Tod in die Welt senden würde. Im Gedenken daran schufen Eva`s Nachkommen das Sternbild Erua, das aber spätestens nach der Sintflut selbst als Göttin und Himmelskönigin betrachtet wurde. Die Sumerer sahen darin nicht länger Eva, sondern ihre hochgelobte Semiramis. Auch der Sohn der Himmelskönigin, Ninyas-Dumuzi-Tammuz-Horus oder wie auch immer man ihn nennen mag, wurde als Gottheit weiter tradiert. Zu guter letzt wurde auch der Schöpfer des Universums, der ausdrücklich kein Abbild von sich wollte, vergessen und durch die Anbetung der Sonne ersetzt.

Bedeutet das, Attribute wie die Jungfrauengeburt, die Auferstehung eines Gottessohnes und die Erlösung vom Tod wurden vom Christentum aus weitaus älteren Religionen "kopiert"? Sicher nicht. Denn der Ursprung jener alten Religionen liegt wiederum bei dem einzig wahren Gott JHWH, an den Christen und Juden glauben. Dieser Gott hat lange vor jeder Religion existiert.

Meiner Meinung nach zeichnet die Bibel ein sehr genaues Bild der religionsgeschichtlichen Entwicklung und der Ereignisse, die damals tatsächlich stattgefunden haben. Aus den Prophezeiungen der biblischen Propheten geht klar hervor, dass Jeshua (Jesus Christus) der versprochene Erlöser vom Tod (der Messias) ist, und nicht irgendein anderer. Er, der wahre Sohn Gottes, wurde von der jüdischen Jungfrau Mirjam in Betlehem geboren, wurde getötet und ist nicht nur symbolisch wieder vom Tod auferstanden, sondern ganz real. Er hat den Tod vernichtet (ihm den "Kopf zertreten"), und hat deshalb die Macht, auch jeden von uns aus dem Totenreich zu retten. Durch Jesus Christus haben wir eine begründete Hoffnung auf ein Leben nach dem Tod. Das ist das Ende der Mythologie und der Anfang der Realität.


Verwendete Literatur

[1] Genesis Kapitel 2,17 und 3,3
[2] Hesiod, "Werke und Tage", Verse 47-105
[3] Josephus Flavius, "Jüdische Altertümer", Buch I, Kap. 2
[4] MUL-APIN, Zeile 10/11 nach Tontafel 86378 des British Museum
[5] Werner Papke, "Das Zeichen des Messias", CLV-Verlag, 1. Auflage 1995, S. 49
[6] Werner Papke, "Das Zeichen des Messias", CLV-Verlag, 1. Auflage 1995, S. 50
[7] Das "Haar der Berenike" wird erstmals in den "Katasterismen" des Eratosthenes (ca. 275-194 v. Chr) erwähnt
[8] Werner Papke, "Das Zeichen des Messias", CLV-Verlag, 1. Auflage 1995, S. 53
[9] Prophet Daniel, Kapitel 5,11
[10] The Asiatic Society, "Asiatic Researches" (London 1811), Vol. 10, S. 27
[11] Werner Papke, "Das Zeichen des Messias", CLV-Verlag, 1. Auflage 1995, S. 29+81
[12] Werner Papke, "Die geheime Botschaft des Gilgamesch" (Augsburg 1996), S. 200
[13] Genesis, Kapitel 10,8-10
[14] Diodor von Sizilien, "Bibliotheca historica", Buch II, Kapitel 1-3
[15] Eusebius von Cäsarea, in "Praeparation Evangelica", Buch 1, Kapitel IX
[16] Prophet Jona, Kapitel 3,3 und 4,11; vgl. auch Genesis 10,11+12
[17] Diodor von Sizilien, "Bibliotheca historica", Buch II, Kapitel 8,6
[18] Nicht zu verwechseln mit der assyrischen Königin Semiramis (Sammuramat) um 800 v. Chr., der Gemahlin des Samsi-Adad V.
[19] Marcus Iunianus Iustinus, "Epitome of the Philippic History of Pompeius Trogus", Buch I, Kapitel 1
[20] Jacob Bryant, "An Analysis of Ancient Mythology" (London 1807), Vol. IV, S. 61+62
[21] Diodor von Sizilien, "Bibliotheca historica", Buch II, Kapitel 20
[22] Alexander Hislop, "The Two Babylons" (Classic Reprint), Forgotten Books, 2010, S. 63
[23] Marcus Iunianus Iustinus, "Epitome of the Philippic History of Pompeius Trogus", Buch I, Kapitel 2
[24] Diodor von Sizilien, "Bibliotheca historica", Buch II, Kapitel 20
[25] Lukian von Samosata, "The Syrian Goddess", Absatz 14+15+33
[26] Alexander Hislop, "The Two Babylons" (Classic Reprint), Forgotten Books, 2010, S. 21
[27] Ovid, "Fasti", Buch IV, Zeilen 219-221
[28] Die ursprüngliche Bedeutung ihres Namens war wohl Nin-An-Ak, "Herrin des Himmels". Siehe auch: Inez Bernhardt und Samuel Noah Kramer, "Sumerische Literarische Texte aus Nippur" (Berlin 1961), No. 25, Zeile 2
[29] Pindar, "Die Epinikia des Pindar", Olympische Ode 2, Zeile 77
[30] Franz Boll, "Sphaera. Neue Griechische Texte und Untersuchungen zur Geschichte der Sternbilder" (Leipzig 1903), S. 513ff (Beilage VI)
[31] Werner Papke, "Die geheime Botschaft des Gilgamesch" (Augsburg 1996), S.126
[32] Philon von Byblos, zitiert bei Eusebius von Cäsarea, in "Praeparation Evangelica", Buch 1, Kapitel X
[33] Beda Venerabilis, "De temporum Ratione", Kap. 15
[34] Jacob Grimm, "Deutsche Mythologie", Göttingen, 1854, 3. Ausgabe, Band 1, S. 268
[35] Austen Henry Layard, "Nineveh and its Remains" (London 1849), Vol. II, S. 480, Fußnote
[36] Alexander Hislop, "The Two Babylons" (Classic Reprint), Forgotten Books, 2010, S. 30, Fußnote
[37] Diodor von Sizilien, "Bibliotheca historica", Buch I, Kapitel 96
[38] Werner Papke, "Die geheime Botschaft des Gilgamesch" (Augsburg 1996), S. 229
[39] Homers "Odyssee", XI. Gesang, 572-575
[40] Austen Henry Layard, "Nineveh and Its Remains" (London 1849), Vol. II, S. 440, Fußnote (Zitat Samuel Birch)
[41] Richard H. Wilkinson, "The Complete Gods and Goddesses of Ancient Egypt" (New York 2003), S. 6
[42] Die Pyramidentexte, Ausspruch 442 (Übersetzung nach Samuel A. B. Mercer)
[43] Diodor von Sizilien, "Bibliotheca historica", Buch I, Kapitel 13
[44] Diodor von Sizilien, "Bibliotheca historica", Buch I, Kapitel 27
[45] Herodot, "Historien", Buch II, Kapitel 42
[46] Herodot, "Historien", Buch I, Kapitel 15
[47] Werner Papke, "Die geheime Botschaft des Gilgamesch" (Augsburg 1996), S. 17
[48] Diodor von Sizilien, "Bibliotheca historica", Buch I, Kapitel 11
[49] Wikipedia.de, Eintrag "Dumuzi"
[50] Alexander Hislop, "The Two Babylons" (Classic Reprint), Forgotten Books, 2010, S. 72
[51] Alexander Hislop, "The Two Babylons" (Classic Reprint), Forgotten Books, 2010, S. 59
[52] Alexander Hislop, "The Two Babylons" (Classic Reprint), Forgotten Books, 2010, S. 63
[53] James Townley, "The Reasons of The Laws of Moses, From The More Nevochim of Maimonides" (London 1827), S. 164
[54] Samuel Noah Kramer, "Cuneiform Studies and the History of Literature: The Sumerian Sacred Marriage Texts", in "Proceedings of the American Philosophical Society" (1963), Vol. 107/6, S. 490."
[55] Faculty of Oriental Studies, Universität Oxford, "Inana`s descent to the nether world", Zeile 384-410
[56] Austen Henry Layard, "Nineveh and Its Remains" (London 1849), Vol. II, S. 480, Fußnote (Zitat John Anthony Cramer, "Anecdota Graeca", Book II, S. 170)
[57] Thorkild Jacobsen, "The Sumerian King List" (University of Chicago Press, 1939), S. 128
[58] Das Weld-Blundell-Prisma befindet sich derzeit im Ashmolean Museum Oxford, Nummer AN1923.444
[59] Werner Papke, "Die geheime Botschaft des Gilgamesch" (Augsburg 1996), S. 207
[60] David Rohl, "Legend: The Genesis of Civilisation" (Arrow Books, London 1999), S. 206-208
[61] Arno Pöbel, "Historical and Grammatical Texts", Vol. IV:1 (Philadelphia 1914), S. 73-78
[62] Genesis, Kapitel 10,8
[63] J. H. Parry, "The Book of Jasher" (Das Buch der Rechtschaffenen), 1887, Kapitel VII
[64] Faculty of Oriental Studies, Universität Oxford, "Lugalbanda in the mountain cave", Zeile 59-86
[65] Siehe z.B. Prophet Jesaja, Kapitel 30,28
[66] Genesis Kapitel 10,6
[67] Robert Bedrosian, "Eusebius` Chronicle", übersetzt aus dem klassischen Armenisch, (New Jersey 2008), S. 22
[68] Josephus Flavius, "Jüdische Altertümer", Buch I, Kap. 6
[69] David Rohl, "Legend: The Genesis of Civilisation" (Arrow Books, London 1999), S. 451+452
[70] Genesis Kapitel 10 ("Die Völkertafel")
[71] Josephus Flavius, "Jüdische Altertümer", Buch I, Kap. 5
[72] "Enūma eliš", Tafel VI + VII
[73] Helmer Ringgren, "Religions of The Ancient Near East" (The Westminster Press, 1974), übersetzt von John Sturdy, S. 67
[74] Thorkild Jacobsen, "The Sumerian King List" (University of Chicago Press, 1939), S. 87
[75] Offenbarung des Johannes, Kapitel 17,1-6
[76] Prophet Jeremia, Kapitel 7,18 und 44,17 ff., vergleiche auch Kapitel 8,1+2

Kommentar abgeben

Deine Daten


Dein Kommentar



Kommentare

Tina Videkiss (www.tina-videkiss.de)
Was für ein interessanter Gedanke! Deine These hat mich echt zum Nachdenken angeregt - ich freue mich schon auf die kommenden Artikel zu diesem Thema, die du sicher noch veröffentlichen wirst ;)

Grüßle Tina
Geschrieben am 18. Oktober 2015 um 12:18 Uhr