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Riesen, Drachen, Fabelwesen

Die gesamte menschliche Literatur ist voll von mythischen Kreaturen und sagenumwobenen Tierwesen. Von Anbeginn der Geschichte bis in die Gegenwart fesseln sie unsere Fantasie.
Märchenstunde
Die Gottheiten fast jeder Kultur werden als Hybrid-Menschen dargestellt: Auf dem Körper des ägyptischen Gottes Horus prangt der Kopf eines Falken, der indische Gott Ganesh gleicht einem Elefanten und der babylonische Hauptgott Marduk wird mit einem Drachen assoziiert. In unserer Zeit hat sich lediglich die Erscheinungsform der Fabelwesen geändert: Allein in Tolkiens Meisterwerk "Herr der Ringe" lesen wir von Elben, Orks, Trollen, Drachen, Zauberern, Zwergen und Vielem mehr. In "Narnia" von C.S. Lewis kommen unter Anderem Minotauren, Greife, Einhörner, Meerjungfrauen, Riesen und Faune hinzu. Außerdem können die meisten Tiere sprechen - ganz selbstverständlich.

Die Frage, die wir uns stellen müssen, liegt eigentlich auf der Hand. Ist die gesamte Fabelwelt der Vorstellungskraft zahlloser menschlicher Generationen entsprungen? Oder gibt es tatsächlich einen wahren Kern, wie auch immer der aussehen mag? Könnte es beispielsweise sein, dass im Mittelalter noch Drachen auf der Erde lebten, die erst vor gar nicht all zu langer Zeit ausgerottet wurden? Möglicherweise erschienen Kreaturen, die wir als Fabelwesen bezeichnen würden, den Menschen damals vollkommen normal. Wir können an dieser Stelle zahlreiche Theorien aufstellen. Sinnvoller wäre es aber, direkt einen Blick in die Geschichtsbücher zu werfen und deren Aussagen auch Glauben zu schenken.

Erstaunlicherweise gehören einige Bücher der Bibel zu den zuverlässigsten, schriftlich fixierten Werken über so genannte Fabelwesen, und um die soll es hier gehen. Über die Glaubwürdigkeit der Bibel kann an anderer Stelle diskutiert werden; hier setze ich eine gewisse Akzeptanz einfach voraus.

Löwen-Greife
Legenden über Kreaturen wie Greife liegen so weit zurück, dass schon der Prophet Daniel im 5. Jahrhundert vor Christus seine Erscheinung umschreiben musste, um sie in Worte fassen zu können:

"…Und vier große Tiere stiegen herauf aus dem Meer, ein jedes anders als das andere. Das erste war wie ein Löwe und hatte Flügel wie ein Adler ...

Prophet Daniel, Kapitel 7,3+4

Die Herkunft des Greifs, eines Löwen mit Adlerflügeln, manchmal auch mit einem Adlerkopf, ist schwer zurückzuverfolgen. In der frühdynastischen Zeit Ägyptens wurde er als ein Wesen des Himmels beschrieben, das eng mit der Sonne verbunden war. Auch die Greif-Legenden der Griechen und Sumerer reichen zurück bis in die Tage des Turmbaus zu Babel (ca. 2300 v. Chr.).[1] Aufgrund der Datierung bis in die Anfänge der menschlichen Geschichtsschreibung in den alten Kulturen ist es im Kontext der Bibel sogar denkbar, dass der Greif vorsintflutliche oder gar übernatürliche Ursprünge hat. Tatsächlich wird der Löwen-Greif gelegentlich mit den Cherubim assoziiert, jenen goldenen Statuen, die über der Bundeslade thronten. Darüber hinaus lautet die ägyptische Bezeichnung für den Greif "Sefer" oder "Serref",[2] was durchaus Ähnlichkeiten mit den Engelwesen "Seraf" aufweist:

"Serafim standen über ihm. Jeder von ihnen hatte sechs Flügel: mit zweien bedeckte er sein Gesicht, mit zweien bedeckte er seine Füße, und mit zweien flog er."

Prophet Jesaja, Kapitel 6,2

Bei aller Spekulation ist nur die symbolische Bedeutung des Greifen relativ sicher. Im Zusammenhang mit dem griechischen Gott Apollon steht er für Scharfsinn und Weitsicht, und spätestens im Mittelalter galt er als Symbol für Jesus Christus: Der Löwenrumpf steht für die Herrschaft über die Erde, der Adlerkopf für die Auferstehung und den Himmel. Eine viel rationalere Bedeutung hat dagegen die Geschichte der Riesen.

Riesen der Vorzeit
In der Thora finden sich detaillierte Beschreibungen der Geschichte Israels. In der frühesten Zeit, als die Israeliten gerade erst aus der ägyptischen Sklaverei geflohen waren und nun unter dem Feldherrn Josua das heutige Land Israel eroberten, kamen sie mit den alten Völkern der Rephaiter und der Anakiter in Kontakt:

"Wir sahen dort auch Riesen, Anaks Söhne aus dem Geschlecht der Riesen, und wir waren in unsern Augen wie Heuschrecken und waren es auch in ihren Augen."

4. Buch Mose (Numeri), Kapitel 13,33

Auffallend ist, dass die Riesen schon für das Volk Israel unter Mose (ca. 1400 v. Chr.) etwas ganz Außergewöhnliches waren. Sie hielten das für so wichtig, dass sie es in der Geschichte ihres Landes für die Nachwelt festhielten. Auch in der späteren Geschichtsschreibung Israels (ca. 1000 v. Chr.) werden Riesen erwähnt:

"…Damals erschlug Sibbechai, der Huschatiter, den Sippai, einen von den Söhnen des Rafa [das Geschlecht der Riesen] und sie wurden gedemütigt. […] Und Elhanan, der Sohn Jaïrs, erschlug Lachmi, den Bruder Goliats, den Gatiter; und der Schaft seines Speeres war wie ein Weberbaum. Und wieder kam es zum Kampf bei Gat. Da war ein langer Mann, der hatte je sechs Finger und Zehen, zusammen 24; und auch er war dem Rafa geboren worden. Und er verhöhnte Israel; da erschlug ihn Jonatan, der Sohn Schimas, des Bruders Davids."

1. Buch der Chronik, Kapitel 20,4-7

Es handelt sich also in keiner Weise um Symbolik, weshalb wir auch keinen Grund haben, an der früheren Existenz besonders großer Männer zu zweifeln. Für unsere Vorfahren scheinen die Riesen sogar so real gewesen zu sein, dass sie über deren Herkunft wild diskutierten. So heißt es zunächst im ersten Buch der Bibel:

"Zu der Zeit und auch später noch, als die Gottessöhne zu den Töchtern der Menschen eingingen und sie ihnen Kinder gebaren, wurden daraus die Riesen auf Erden. Das sind die Helden der Vorzeit, die hochberühmten."

1. Buch Mose (Genesis), Kapitel 6,4

und in einem späteren, frühchristlichen Werk der Apokryphen (ca. 400 n. Chr.) wird die Thematik wie folgt aufgegriffen:

...Nun blieben Metusalem und Noah allein auf dem Berg, weil alle andern Kinder Seths von des Paradieses Grenzen nach der Ebene zu den Kindern Kains hinabstiegen. Da vermischten sich Seths Kinder, die Männer, mit den Töchtern Kains. Da wurden diese schwanger und gebaren ihnen riesenhafte Männer, ein Geschlecht von Riesen, Türmen gleich. Deshalb begingen frühere Schriftsteller einen Irrtum, als sie schrieben, die Engel seien vom Himmel gestiegen und hätten sich mit den Menschen begattet, und von ihnen seien jene Riesen erzeugt worden. Dies ist nicht wahr; denn sie sprachen so ohne Einsicht. [...] Wisset, dass derlei nicht in der Natur der Geisterwesen liegt! Auch die unreinen Teufel [...] haben dies nicht in ihrer Natur; denn es gibt unter ihnen keine männlichen und weiblichen Geschlechter; sie wurden ja seit ihrem Abfall auch nicht um einen vermehrt. Könnten sich die Dämonen mit den Weibern begatten, dann hätten sie keine einzige Jungfrau im ganzen Menschengeschlecht unverderbt gelassen …

"Die Schatzhöhle", Kapitel 15

Aber wie groß ist denn nun eigentlich "riesig"? Die Bibel liefert auch hierzu sehr genaue Angaben:

"…denn nur Og, der König von Baschan, war von dem Rest der Riesen noch übrig geblieben. Siehe, sein Bett, ein Bett aus Eisen, ist es nicht in Rabba, der Hauptstadt der Söhne Ammon? Seine Länge beträgt neun Ellen und seine Breite vier Ellen, nach gewöhnlicher Elle."

5. Buch Mose (Deuteronomium), Kapitel 3,11

Für eine Elle kann man im biblischen Kontext ungefähr 46 cm annehmen,[3] und damit wäre das Bett (d.h. der Sarg) vom König Og ca. 4 x 1,80 Meter groß, womit wir seine Körperhöhe vielleicht mit maximal 3,50 Metern beziffern können. Zum Vergleich: Der bekannte Riese Goliath ragte "nur" zwischen 2 und 3 Meter in die Höhe und hatte damit eine fast schon "normale" Größe. Wir haben es hier also nicht mit übermäßig großen Maßen wie in mancher Fantasy-Literatur zu tun, sondern mit durchaus glaubhaften Angaben für einen Riesen. Der größte Mensch, dessen Körpergröße einwandfrei belegt ist, war immerhin 2,70 Meter groß. Sein enormes Wachstum wurde durch ein Hypophysenadenom ausgelöst, das große Mengen an Wachstumshormonen ausschüttete.[4]

Drachen und Meeresungeheuer
In der bildgewaltigen Sprache der Bibel steht der Drache für die Personifizierung des Bösen und der widergöttlichen Mächte. Die Stadt Babylon galt durch die Zeitalter hindurch als Sündenpfuhl und ständiger Feind Israels. Darum wundert es auch nicht, dass die Urgöttin der babylonischen Religion, Tiamat, als drachenartiges Wesen dargestellt wird.[5] Faszinierend: Wenn wir in der Bibel sprichwörtlich bis Adam und Eva zurückgehen, finden wir ebenfalls einen Drachen: Nämlich die Schlange des Sündenfalls, die mit dem Drachen gleichgesetzt wird:

"Und er ergriff den Drachen, die alte Schlange, das ist der Teufel und der Satan, und fesselte ihn für tausend Jahre..."

Offenbarung Jesu Christi, Kapitel 20,2

Das erscheint noch nahe liegender, wenn wir wissen, dass das altgriechische Wort "drakon" nichts anderes bedeutet als "Schlange".[6] Zudem stellt die Bibel die Schlange als Kreatur mit Füßen dar.[7] (In mancher apokryphen Literatur hat sie sogar Hände und Flügel.) Erst nach dem Sündenfall habe sie ihre Gliedmaßen verloren. Die ganze Szenerie wird wie folgt beschrieben:

"...Als der Satan sah, wie Adam und Eva im Paradiese glänzten, wurde der Empörer vor Neid verzehrt und ausgedörrt. Und so fuhr er in die Schlange hinein und wohnte darin; dann flog er mit ihr durch die Luft zu des Paradieses Grenzen..."

"Die Schatzhöhle", Kapitel 4, 4+5

"…Da sprach Gott in großem Zorn zur Schlange: Weil du dies tatest, als unerfreulich Werkzeug, indem du Arglose betörtest, so sei verflucht vor allem Vieh! […] Friss Staub dein Leben lang! Kriech auf der Brust und auf dem Bauch, beraubt der Hände und der Füße! Nicht Ohr, noch Flügel bleibe dir, nicht irgend eines deiner Glieder! …"

"Apokalypse des Mose", Kapitel 1,26

Da Drachen in den Legenden und Schöpfungsmythen zahlreicher Völker erscheinen, ist deren frühere Existenz nicht unwahrscheinlich. Funde von Dinosaurier-Knochen untermauern diese Theorie zusätzlich, und noch im Mittelalter glaubte man an die gegenwärtige Existenz von Drachen. So weit, so gut, die Aussagen der Bibel gehen aber noch einen Schritt weiter. Sie beschreibt sehr detailliert den "Leviathan", ein entsetzliches Seeungeheuer, das mehrere Köpfe hat und sogar Feuer speien kann:

Ziehst du den Leviathan mit der Angel herbei, und hältst du mit dem Seil seine Zunge nieder? […] Wird man nicht schon bei seinem Anblick niedergeworfen? […] In sein Doppelgebiss, wer dringt da hinein? […] Rings um seine Zähne lauert Schrecken. Ein Stolz sind die Schuppenreihen, verschlossen und fest versiegelt. Eins fügt sich ans andere, und kein Hauch dringt dazwischen, […] Sein Niesen strahlt Licht aus, und seine Augen sind wie die Wimpern der Morgenröte. Aus seinem Rachen schießen Fackeln, sprühen feurige Funken hervor. Aus seinen Nüstern fährt Rauch wie aus einem angefachten und glühenden Kochtopf. Sein Atem entzündet Kohlen, und eine Flamme fährt aus seinem Rachen. [...] Trifft man ihn mit dem Schwert, es hält nicht stand, noch Speer, noch Wurfspieß oder Harpune. Er hält Eisen für Stroh und Kupfer für faules Holz. Der Pfeil kann ihn nicht vertreiben, Schleudersteine verwandeln sich für ihn in Stoppeln. Wie Stoppeln gilt ihm die Keule, und er lacht über den Aufprall des Kurzschwertes. […] Er bringt die Meerestiefe zum Sieden wie einen Kochtopf, …

Das Buch Hiob, Kapitel 40,25ff

"Du hast zerschlagen die Köpfe des Leviathans, gabst ihn zur Speise den Haifischen des Meeres."

Die Psalmen, Kapitel 74,14

Der gebildete Leser wird bei dieser Beschreibung unwillkürlich an die Hydra der griechischen Mythologie denken, die neunköpfige Wasserschlange, die schließlich vom großen Helden Herakles (dem Sohn des Gottes Zeus!) erschlagen wurde. Die verschiedenen Mythen decken sich also in vielerlei Hinsicht. Sogar die Tatsache eines feuerspeienden Ungeheuers erscheint nicht mehr so unglaublich, wenn man bedenkt, dass es Käfer gibt, die durch Mischen verschiedener Chemikalien zu ihrer Verteidigung Explosionen hervorrufen können.[8]

Die Stimme der Tiere
Zuletzt gibt es da noch die zahllosen Legenden, Fabeln und Gleichnisse, in denen Tiere oder Pflanzen sprechen können. Laut dem ersten und vierten Buch Mose und dem apokryphen Buch der Jubiläen jedoch war das am Anfang der Schöpfung völlig normal, und erst nach dem Sündenfall "verschloss" Gott den Mund der Tiere:

"Da sprach die Schlange zu der Frau: Keineswegs werdet ihr sterben! …"

1. Buch Mose (Genesis), Kapitel 3,4

"Und an diesem Tage hörte der Mund aller Tiere und des Viehs und der Vögel und derer, die gehen und sich bewegen, auf zu sprechen; denn sie alle redeten, einer mit dem andern, eine Lippe und eine Sprache."

Buch der Jubiläen, Kapitel 4, "Paradies und Sündenfall"

"…Da öffnete der HERR der Eselin den Mund; und sie sprach zu Bileam: Was habe ich dir getan, dass du mich nun dreimal geschlagen hast?"

4. Buch Mose (Numeri), Kapitel 22,28

So unmöglich uns naturwissenschaftlich versierten Menschen das erscheinen mag, so verblendet sind wir womöglich von dem, was wir für "normal" halten. Nehmen wir einmal an, wir würden ohne jegliches Vorwissen in diese Welt stolpern. Könnte es nicht sein, dass wir uns dann darüber wundern würden, dass die Tiere nicht sprechen können? Vielleicht müssen wir so manche Dinge, die wir für Fantasie und Hirngespinst halten, noch einmal neu überdenken.

Verwendete Literatur

[1] Wikipedia.de / Greif
[2] Wikipedia.de / Greif (Ägyptische Mythologie)
[3] Wikipedia.de / Maße und Gewichte in der Bibel
[4] Wikipedia.de / Liste der größten Personen
[5] Wikipedia.de / Tiamat
[6] Wikipedia.de / Drache (Mythologie)
[7] Die Bibel, Genesis 3,14
[8] Wikipedia.de / Bombardierkäfer


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Der Engel Krioni aus dem Roman "Die Finsternis dieser Welt" von Frank Peretti (c) KeJa
Letztes Update:
» 06.01.2012 um 17:52 Uhr

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