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Letzte Änderung: 2. Januar 2017 um 23:11 Uhr

Am 11. September 2001 stürzten zwei entführte Passagierflugzeuge in die Doppeltürme des World Trade Centers (c) Seth McAllister / AFP


Warum lässt Gott Leid und Tod zu?

Die Bibel vermittelt das Bild eines Gottes, der die Menschen liebt und an unserem Wohl interessiert ist. In der Realität herrschen dagegen Terror, Katastrophen, Schmerz und Tod. Warum tut Gott nichts dagegen? Wie sind die Leiden in der Welt mit der Allmacht und Güte Gottes vereinbar?

Auf die so genannte Theodizee-Frage gibt es gewiss keine simple Antwort, und nicht jede Antwort wird jedem Menschen gleichermaßen einleuchten. Es gibt aber Ansätze, die für mich persönlich das Thema zufriedenstellend abschließen und vielleicht auch dir weiterhelfen können. Dabei setze ich voraus, dass du an Gott glaubst und daran, was die Bibel über ihn sagt. Denn starten muss ich mit einer bekannten Geschichte, die elementar wichtig ist, um Gottes Handeln (oder nicht-Handeln) angemessen beurteilen zu können. In den ersten Kapiteln der Bibel heißt es:

"... Dann betrachtete Gott alles, was er geschaffen hatte, und es war sehr gut!"
– Die Bibel, 1. Buch Mose (Genesis), Kapitel 1,31a

Als Gott die Welt erschuf, war sie ganz ohne Leid, ohne Schmerz und ohne Tod. Sie war "sehr gut", um nicht zu sagen perfekt. Dieser Ort, an dem die ersten Menschen in enger Freundschaft mit Gott lebten, ist als Garten Eden bekannt. Es muss ein erfülltes Leben voller Freude gewesen sein und hätte ewig andauern können.

Leider kam es in diesem Paradies zu einer folgenschweren Katastrophe. Es gab nur eine einzige, winzig kleine Sache, die den ersten Menschen (Die Bibel nennt sie Adam und Eva) verboten war. Gott hatte sie klar und deutlich gewarnt: Wer von der Frucht des so genannten Baumes der Erkenntnis in der Mitte von Eden isst, muss sterben. Leider glaubten die Menschen einer Lüge und nahmen gierig von der Frucht des verbotenen Baumes. Sie gingen wohl davon aus, Gott habe seine Warnung nicht ernst gemeint. Der Allmächtige erwies sich jedoch als zutiefst konsequent, verbannte die Menschen aus Eden und nahm ihnen die Gabe des ewigen Lebens. Seitdem besitzen Menschen einerseits die Fähigkeit, Gut von Böse zu unterscheiden, aber andererseits müssen wir uns für unser Handeln verantworten – und sterben. Von diesem Tag an war der Tod allgegenwärtig.

"Im Schweiße deines Angesichts sollst du [dein] Brot essen, bis du wieder zurückkehrst zum Erdboden; denn von ihm bist du genommen. Denn du bist Staub, und zum Staub wirst du wieder zurückkehren!"
– Die Bibel, 1. Buch Mose (Genesis), Kapitel 3,19

Natürlich kann man nicht sagen, dass Adam und Eva einzig und allein dafür verantwortlich sind, dass es uns heute so schlecht geht. Jedoch haben sich diese ersten Menschen in der Schöpfungsgeschichte sozusagen stellvertretend für alle Menschen gegen Gott aufgelehnt. In allen Jahrtausenden seit Adam lässt sich dieses menschliche Verhalten verfolgen: Wir wollen mit Gott nichts zu tun haben, sondern selbständig sein und uns für unsere Taten vor niemandem rechtfertigen. Manch einer leugnet die Existenz Gottes grundsätzlich. Und schon am nächsten Tag schreien wir zu dem Gott, an den wir nicht glauben, und beschweren uns über die grausame Welt.

Die entscheidende Beobachtung ist folgende: Der Zustand der gegenwärtigen Welt ist nicht so, wie Gott es sich gedacht hat. Man spricht in der Theologie deshalb von einer "gefallenen Welt".

Gott ist ein Gentleman

In den vielen Geschichten der Bibel wird Gott stets als Menschenfreund dargestellt. Es ist sein Herzenswunsch, die Welt wieder zu dem Paradies zu machen, das sie einst war. Aus welchem Grund hält sich Gott zurück? Die Tochter des berühmten Predigers Billy Graham hat einmal im Rahmen eines Fernseh-Interviews eine brilliante und außerordentlich fundierte Antwort darauf gegeben. Angesichts der Terror-Anschläge auf das World Trade Center vom 11. September fragte man sie: "Wie konnte Gott so etwas zulassen?" Anne Graham entgegnete: "Ich glaube, dass Gott, genau wie wir, zutiefst traurig darüber ist. Doch wir müssen eines klar sehen: Seit Jahren weisen wir Gott aus unseren Schulen, aus unserer Regierung und aus unserem Leben, und da er ein Gentleman ist, glaube ich, hat er sich still und leise zurückgezogen. Wie können wir erwarten, dass Gott uns segnet und schützt, wenn wir doch von ihm verlangen, dass er uns gefälligst in Ruhe lassen soll?"[1]

Der Herr wird uns seine Hilfe nicht aufdrängen, solange wir ihn kollektiv ablehnen. Dass Gott uns tatsächlich zu Hilfe kommen möchte, er aber von der Mehrheit der Menschen abgelehnt wird, zeigt sich klar und deutlich im Leben und Sterben von Jesus Christus. Der Gottessohn kam auf die Erde, heilte Menschen wo er nur konnte, predigte von Nächstenliebe und kündigte ein Reich des Friedens an, das Gott errichten möchte. Aber es schien nicht das gewesen zu sein, was wir hören wollten. Wie jeder weiß, wurde Jesus aufgrund seiner Worte und Taten am Kreuz hingerichtet. Wenn ich meinen Sohn mit Hilfsgütern in ein Krisengebiet schicken würde, er aber von den Hilfsbedürftigen gefoltert und umgebracht wird – da würde ich mich zukünftig auch in Zurückhaltung üben (oder Schlimmeres). Der Evangelist Johannes bringt es auf den Punkt:

"Denn Gott hat die Menschen so sehr geliebt, dass er seinen einzigen Sohn für sie hergab."
– Die Bibel, Evangelium nach Johannes, Kapitel 3,16

Übrigens denke ich, dass Gott nicht nur durch das Wirken seines Sohnes unsere Welt verbessern möchte. Sondern durch jeden einzelnen Menschen, der Jesus nachfolgt und in dessen Sinne handelt, möchte Gott die Welt zum Guten verändern, damals wie heute. Das ist seine Art, Einfluss zu nehmen. Ich möchte Gott lieber nicht fragen, warum er gegen das Leiden auf Erden nichts unternimmt. Denn ich habe Angst, dass er mir die selbe Frage stellen könnte.

Ein liebender Gott?

Der eine oder andere mag sich damit zufrieden geben, dass Gott aus bestimmten Gründen das Leid in unserer Welt nicht verhindert. Aber was ist mit den unangenehmen Bibelversen, in denen Gott sogar aktiv dazu beiträgt, Leid über unsere Welt zu bringen? Ist das noch vereinbar mit dem "lieben Gott"? Ich möchte beispielhaft Gottes Befehl an den israelitischen König Saul zitieren, das feindliche Volk der Amalekiter restlos zu vernichten:

"So spricht der Herr der Heerscharen: Ich will strafen, was Amalek an Israel tat, indem er sich ihm in den Weg stellte, als es aus Ägypten heraufzog. So ziehe nun hin und schlage Amalek, und vollstrecke den Bann an allem, was er hat, und schone ihn nicht; sondern töte Männer und Frauen, Kinder und Säuglinge, Rinder und Schafe, Kamele und Esel!"
– Die Bibel, 1. Buch Samuel, Kapitel15,2+3 (Schlachter-Übersetzung)

Die Bibel berichtet noch von zahlreichen anderen grausamen Begebenheiten. Man sollte aber nicht den Fehler vieler Bibelkritiker begehen: Nämlich, alle brutalen Bibelverse als Gottes Willen darzustellen. Zu großen Teilen ist die Bibel ein Geschichtsbuch, das eben auch die schrecklichen Epochen menschlichen Tuns ungeschönt widergibt. Aber manche Grausamkeiten sind direkt auf Gottes Wirken zurückzuführen, wie der Krieg gegen Amalek. Wie kann es sein, dass sogar unschuldige Babys auf Gottes Befehl hin sterben müssen? Meine Antwort darauf wird dir vielleicht nicht gefallen, und vielleicht wird sie dich emotional aufwühlen. Aber vielleicht kannst du es auf rein rationaler Basis und mit kalter Logik nachvollziehen.

Ich möchte dich zu einem Blickwechsel herausfordern. Wenn uns der Ewige und Allmächtige erschaffen hat, haben wir aus seiner Sicht in keinster Weise ein Recht auf Leben. Wir haben unsere Lebenszeit nicht irgendwie "verdient", sondern sie ist ein Geschenk. Das bedeutet, dass es eigentlich nicht ungerecht ist, wenn Menschen sterben (egal in welchem Alter!), sondern der eigentliche "Zustand" in dem wir uns ohne Gottes Wirken befänden. Das hat vor langer Zeit schon ein Mann namens Hiob erkannt, dem viele fürchterliche Dinge widerfuhren, und der trotzdem voll Demut bekannte:

"Nackt bin ich aus dem Leib meiner Mutter gekommen; nackt werde ich wieder dahingehen. Der Herr hat gegeben, der Herr hat genommen; der Name des Herrn sei gelobt!"
– Die Bibel, Das Buch Hiob, Kapitel 1,21

Jedem von uns hat Gott eine festgesetzte Lebenszeit zugewiesen. Warum einer mehr Zeit bekommt und ein anderer weniger, ist nicht unsere Sache. Unsere Sache ist es, dankbar für die Zeit zu sein, die wir haben. Wenn andere Menschen ihr Leben oder ihre Gesundheit verlieren, kommt uns das nur deshalb ungerecht vor, weil wir uns so sehr an ein schönes Leben gewöhnt haben. Aber das ist nicht selbstverständlich. Das Leben vieler Menschen ist nicht einmal besonders erstrebenswert. Ich denke da an die endlosen Slums in Südamerika und Afrika, deren Elend ich schon aus nächster Nähe bezeugen durfte. Ist es wirklich richtig, Gott anzuklagen, weil er Leid zulässt oder verursacht? Sollten wir nicht viel mehr schimpfen: "Gott, warum lässt du zu, dass es mir manchmal so gut geht und dass ich leben darf?"

Wenn Gott das Leid auf Erden beenden soll, müsste er dessen Ursprung, nämlich alles Böse, vernichten. Möchten wir das wirklich? Soll Gott wirklich alles Böse vernichten? Ich jedenfalls wäre vorsichtig damit, den Allmächtigen dazu herauszufordern. Zeigt sich in der Geschichte von Eden nicht ein typisch menschliches Verhalten, das von Egoismus, Habgier und Lieblosigkeit geprägt ist und in jedem von uns steckt? Kannst du von dir behaupten, durch und durch gut zu sein? (Dann würde ich dich gern kennen lernen.) Ich möchte eine steile Behauptung aufstellen: Wenn Gott das Böse auf Erden vernichten soll, dann müsste er alle Menschen töten. Amalekiter, Israeliten, Amerikaner, Deutsche ... Alle.

Sind nicht wir diejenigen, die seit Jahrtausenden durch Kriege, Ausbeutung und Umweltverschmutzung Leid über die Welt bringen oder uns zumindest passiv daran beteiligen, indem wir Kleidung made in Bangladesch kaufen, in viel zu teuren Autos die Luft verpesten und uns gegenseitig belügen und betrügen? Aus dieser Perspektive hat Gott überhaupt keinen Grund dazu, uns auch nur eine Sekunde länger leben zu lassen. Seltsamerweise tut er es dennoch. Gott gewährt uns eine Art Galgenfrist – unsere gesamte Zeit auf Erden. Was wir Leben nennen, ist doch in Wahrheit langsames Sterben. Es ist ein Hinauszögern des sicheren Todes. Aber für uns ist es die Gelegenheit, Gott zu zeigen, dass wir es doch wert sind; dass doch Demut und Gutes in uns steckt. Gott scheint eine Menge Geduld zu haben und sogar jene zu lieben, die seine Schöpfung zerstören.

Den Tod überwinden

Der "letzte Feind der Menschen" ist der Tod.[2] Der Tod ist die Strafe für die Rebellion gegen Gott, die wir uns durch unseren Selbstverwirklichungs-Wahn zugezogen haben. Da der Allmächtige konsequent ist, müssen wir sterben. Aber da er auch gnädig ist, wird er uns wieder zu neuem Leben auferwecken:

"... Gleichwie in Adam alle sterben, so werden auch in Christus alle lebendig gemacht werden."
– 1. Brief an die Korinther, Kapitel 15,22

Dieser Jesus Christus hat die Macht, uns wieder lebendig zu machen. Durch ihn können wir einen neuen Körper bekommen und nach Eden zurückkehren. In Anbetracht des ewigen, "sehr guten" Lebens dort ist unser beklagenswertes Leben im Diesseits geradezu bedeutungslos. Schon allein deshalb kann das Leid dieser Welt keine Begründung für den Unglauben sein. Der irdische Körper jedes Menschen muss sterben. Es ist die Konsequenz des Sündenfalls und bestätigt sogar Gottes Worte. Doch danach besteht die Möglichkeit, einen neuen, unsterblichen Körper zu erlangen. Deshalb steht geschrieben:

"Kostbar ist in den Augen des Herrn der Tod seiner Getreuen."
– Die Psalmen, Kapitel 116,15

"... Habe ich etwa Gefallen am Tod des Gottlosen, spricht Gott, der Herr, und nicht vielmehr daran, dass er sich von seinen Wegen bekehrt und lebt?"
– Prophet Hesekiel, Kapitel 18,23

Der Tod ist nur aus Sicht der Überlebenden schlimm. Aus Gottes Sicht (und vermutlich auch aus Sicht der Verstorbenen) ist der Tod nur eine Art Schlaf, ein Übergang zum wirklichen Leben. Wenn wir eines Tages in Gottes neuer Welt erwachen, wird uns das Leid im Diesseits vielleicht nur wie ein verschwommener Traum vorkommen.

Was sagt Jesus dazu?

Als Jesus und seine Jünger an einem blinden Mann vorbeikamen, fragten ihn seine Jünger, ob die Blindheit des Mannes von Geburt an auf seine eigenen Sünden oder auf die seiner Eltern zurückzuführen sei. Jesus erklärte, dass weder das eine noch das andere zutreffe. Der Mann wurde blind geboren, damit Gott seine Macht demonstrieren konnte. Das tat Gott, indem er den Blinden heilte.[3]

Jesus diskutierte auch die Frage, warum 18 Juden auf tragische Weise starben, als der Turm von Siloah einstürzte. Jesus sagte etwas, das direkt auf heutige Tragödien wie den Terroranschlag auf das World Trade Center anwendbar ist:

"Erinnert euch an die 18 Leute, die starben, als der Turm von Siloah einstürzte. Glaubt ihr wirklich, dass ausgerechnet sie die schlimmsten Sünder in Jerusalem waren? Nein! Aber wenn ihr euer Leben nicht ändert, wird es euch ebenso ergehen."
– Evangelium nach Lukas, Kapitel 13,4

Tausende von Menschen starben bei dem Anschlag auf das World Trade Center, doch die Milliarden Menschen, die die Katastrophe sahen oder davon hörten, werden eines Tages auch sterben – weil allen Menschen wegen der Sünde die Strafe des körperlichen Todes gegeben wurde. Aber der Tod ist nicht das Ende.

"Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten."
– Die Psalmen, Kapitel 126,5


Verwendete Literatur

[1] Interview von Jane Clayson mit Anne Graham Lotz am 13. September 2001 in der CBS' Early Show
[2] 1. Brief des Paulus an die Korinther, Kapitel 15,26
[3] Evangelium nach Johannes, Kapitel 9,1-7