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Letzte Änderung: 13. Oktober 2015 um 00:43 Uhr

Sonnenuntergang in Babylon (c) Raphael Lacoste, raphael-lacoste.com


Nimrod und der Turm von Babel

Das Buch Genesis berichtet, dass die Menschen nach der Sintflut-Katastrophe Richtung Osten zogen und sich in der Ebene des Landes Sinear ansiedelten. In dieser Epoche, die den Beginn der Geschichtsschreibung markiert, soll die gesamte Menschheit ein einziges Volk mit einer einzigen Sprache gewesen sein. Dieses hochmütige Volk hatte die Absicht, eine Stadt und einen Turm zu bauen, so mächtig, dass er bis zum Himmel reicht.

Fluch über den Sohn des Noah

Die Sintflut, die grob in die Zeit zwischen dem 28. und dem 25. Jahrhundert v. Chr. datiert werden kann, hatten nur acht Menschen überlebt: Noah, dessen Frau und deren drei Söhne Sem, Ham und Japhet sowie deren Frauen. Es heißt im biblischen Bericht, dass Noah nach der Flut einen Weinberg anlegte und Winzer wurde. Irgendwann danach muss er bis zur Besinnungslosigkeit getrunken haben, wodurch er als erster Alkoholiker in die Geschichte einging. Sein Problem sollte schließlich eine Reihe eskalierender Ereignisse auslösen, die im Turmbau von Babylon gipfelten.

"Als er [Noah] aber von dem Wein trank, wurde er betrunken und entblößte sich in seinem Zelt. Und Ham, der Vater Kanaans, sah die Blöße seines Vaters und erzählte es seinen beiden Brüdern draußen. Da nahmen Sem und Japhet das Gewand und legten es auf ihre Schultern und gingen rücklings und deckten die Blöße ihres Vaters zu und wandten ihre Angesichter ab, damit sie die Blöße ihres Vaters nicht sahen. Als nun Noah von dem Wein erwachte und erfuhr, was ihm sein jüngster Sohn getan hatte, da sprach er: `Verflucht sei Kanaan! Ein Knecht der Knechte sei er seinen Brüdern!`"
– Genesis Kapitel 9,21-25

Man kann davon ausgehen, dass Ham seinen berauschten, nackten Vater nicht nur gesehen, sondern auch verspottet hatte und deshalb so hart verflucht worden ist. Die Nachkommen Hams (Kanaan) sollten die niedrigsten Knechte der Nachkommen Sems und Japhets werden, was sie natürlich zu verhindern suchten. Der Grundstein für die organisierte Rebellion gegen Noah und gegen Gott war damit gelegt. Bereits drei Generationen später kam sie deutlich zur Entfaltung. Denn Ham zeugte einen Sohn namens Kusch, und dessen Sohn war der berüchtigte Nimrod.

"Auch zeugte Kusch den Nimrod; der war der erste Gewalthaber auf Erden. Er war ein gewaltiger Jäger vor dem Herrn; [...] Und der Anfang seines Königreiches war Babel, sowie Erek, Akkad und Kalne im Land Sinear. Von diesem Land zog er aus nach Assur und baute Ninive, Rechobot-Ir und Kelach [Nimrud] …"
– Genesis Kapitel 10,8-10

Das Anti-göttliche Reich des Nimrod

Nimrod, der Legende zufolge einer der Riesen,[1] wollte Macht auf Erden. Es liegt nahe anzunehmen, dass er sich über den Fluch seines Ur-Großvaters Noah hinwegsetzen wollte und möglicherweise sogar vor hatte, die Nachfahren Sems und Japhets zu versklaven. Das Land Sinear (besser bekannt als Sumer), bot durch seine Lage zwischen den Flüssen Euphrat und Tigris eine ideale Grundlage für Nimrods Imperium. Die sumerische Königsliste, eine alte Tontafel, die mindestens ins Jahr 2100 v. Chr. zurückdatiert wird, liefert einen Einblick in die ersten Dynastien von Nimrods Reich. Nach einem Hinweis auf die Sintflut nennt sie ihn als Gründer Uruks unter dem Namen "Enmerkar".[2] (Die Endsilbe -kar ist das sumerische Wort für "Jäger".[3]) Zweifellos war Nimrod eine eindrucksvolle Erscheinung und ein einflussreicher Führer mit grenzenlosem Selbstbewusstsein, der ein vereintes Weltreich erschaffen wollte, um zu verhindern, dass sich die Menschen auf der ganzen Erde verbreiten. Doch damit handelte der Erzrebell gegen Gottes klare Anweisung, die allen Nachkommen Noahs galt:

"Ihr aber, seid fruchtbar und mehret euch und breitet euch aus auf der Erde, dass ihr zahlreich werdet darauf!"
– Genesis Kapitel 9,7

Nimrod begründete mit Babylon ein anti-göttliches System, das noch in ferner Zukunft Bestand haben würde. Der riesige Turm in der Hauptstadt seines Reiches sollte zum Symbol des Sieges gegen die ihm auferlegte Knechtschaft werden.

"Und sie sprachen: Wohlan, lasst uns eine Stadt bauen und einen Turm, dessen Spitze bis an den Himmel reicht, dass wir uns einen Namen machen, damit wir ja nicht über die ganze Erde zerstreut werden!"
– Genesis Kapitel 11,4

Man kann davon ausgehen, dass Nimrod die treibende Kraft hinter dem Turmbau war. Ein Beleg hierfür stammt von dem jüdischen Geschichtsschreiber Josephus Flavius (1. Jahrhundert n. Chr.), der wohl teilweise auf Quellen zurückgegriffen hat, die heute verloren sind:

"... Zu dieser Verachtung und Verhöhnung Gottes verleitete sie Nimrod, der Enkel Hams, des Sohnes Noahs, denn er war kühn, und seiner Hände Kraft groß. Dieser überredete sie zu dem Wahn, nicht von Gott komme ihr Glück, sondern ihre eigene Tüchtigkeit sei die Ursache ihres Wohlstandes. [...] Er wolle, sagte er, sich an Gott rächen, falls er mit erneuter Flut die Erde bedränge, und er wolle einen Turm bauen, so hoch, dass die Wasserflut ihn nicht übersteigen könne. [...] Und so machten sie sich an die Erbauung des Turmes, der bei unverdrossener Arbeit und den vielen Arbeitskräften schnell in die Höhe wuchs. Da er aber sehr breit war, fiel seine Höhe minder auf. Gebaut wurde er aus Ziegeln, die mit heißem Harz zusammengekittet waren zum Schutze gegen das andrängende Wasser."
– Josephus Flavius, "Jüdische Altertümer", Buch I, 4, 2+3

Dagegen präzisiert der griechische Historiker Diodor, (1. Jahrhundert v. Chr.) dass es die legendäre Semiramis war, die Frau des Nimrod, die den Tempelturm in Babylon erbauen ließ:

"Danach erbaute sie [Semiramis] inmitten der Stadt ein Heiligtum des Zeus, den die Babylonier [...] Belos nennen. Da aber in Betreff dieses Tempels die Geschichtsschreiber nicht übereinstimmen, und der Bau selbst im Verlauf der Zeiten zusammengestürzt ist, so ist es nicht möglich, Genaues über denselben zu berichten. Darin stimmen indes alle überein, dass er ganz außerordentlich hoch gewesen, und dass die Chaldäer auf demselben die Beobachtungen der Gestirne angestellt hätten, weil der Höhe des Baues wegen Auf- und Untergang der Sterne deutlich wahrgenommen wurden."
– Diodor von Sizilien, "Bibliotheca historica", Buch II, 9

Der historische Tempelturm Etemenanki

Die Existenz eines Turms zu Babylon ist seit 1913 archäologisch nachgewiesen. Es handelt sich um eine Tempelanlage namens Esagila in Babylon, deren Fundamente der deutsche Architekt und Archäologe Robert Koldewey freigelegt hat. In der Mitte dieser Anlage befand sich ein stufenförmiger Tempelturm namens E-temen-an-ki (das bedeutet "Haus der Fundamente von Himmel und Erde"). Die Umrisse dieser Zikkurat sind auf Satellitenfotos noch heute in Babylon zu erkennen,[4] denn das an die Oberfläche gekommene Grundwasser ließ rings um das Fundament Grünzeug wachsen. Das mächtige Bauwerk, dessen glasierte Ziegel tiefblau strahlten,[5] muss jeden Besucher in Erstaunen versetzt haben.

Laut einer Tontafel aus Uruk aus dem Jahr 229 v. Chr., welche wohl auf noch ältere Quellen zurückgeht, hatte der Turm eine Grundfläche von 90x90 Metern und war abgestuft in sieben Ebenen, die ebenfalls 90 Meter hoch waren[6] – Für damalige Verhältnisse eine beträchtliche Höhe. Auf der obersten Ebene des Turms befand sich ein Tempelgebäude, in dem angeblich der Gott selbst gewohnt haben soll. Der griechische Geschichtsschreiber Herodot, der Babylon im Jahr 458 v. Chr. bereiste, hat dieses Tempelgebäude wahrscheinlich als zusätzliche Ebene betrachtet, da er von acht übereinander gebauten Türmen berichtet. Es ist anzunehmen, dass Herodot die Zikkurat noch in einem guten Zustand gesehen hat:

"... In dem letzten [achten] Turm ist ein großer Tempel: In diesem Tempel befindet sich eine große, wohl gebettete Lagerstätte und daneben steht ein goldener Tisch: Ein Götterbild ist aber dorten nicht aufgerichtet, auch verweilt kein Mensch darin des Nachts, außer ein Weib, [...] welche der Gott sich aus allen erwählt hat, wie die Chaldäer versichern, welche Priester des Gottes sind. Eben dieselben behaupten auch, wovon sie jedoch mich nicht überzeugt haben, dass der Gott selbst in den Tempel komme und auf dem Lager ruhe, ..."
– Herodot, "Historien", Buch I, 181+182

In der damaligen Vorstellung wurden die Tempeltürme von den Göttern als "Treppe" zwischen Himmel und Erde benutzt. Die von Herodot erwähnte Begierde des babylonischen Gottes nach Frauen offenbart allerdings zutiefst menschliche Züge. Der abgeschottete Tempel auf Etemenankis Spitze war der ideale Ort für einen Herrscher, der sich einerseits als unnahbarer Gott verehren lassen und sich andererseits mit jungen Frauen vergnügen wollte. In den späteren Ausprägungsformen der sumerischen Religion blieb diese "Strategie" erhalten: Die so genannte Heilige Hochzeit war ein essentielles Ritual, in dem der amtierende Herrscher mit der höchsten Tempelpriesterin den Geschlechtsakt vollzog. Der Herrscher stellte den Fruchtbarkeitsgott Dumuzi dar und die Priesterin die höchste Göttin Inanna. Deren öffentliche Vereinigung sollte die Fruchtbarkeit des Landes sichern[7] und legitimierte ganz nebenbei das freizügige Liebesleben des Herrschers.

Ein König wird zum Gott

Die vielfältige sumerische und babylonische Götterwelt wurde seit je her von einer Götter-Triade dominiert, bestehend aus Anu und dessen Söhnen Enlil und Enki. Es war außerdem üblich in dieser Zeit, dass jede größere Stadt mindestens einem Gott zugeordnet war, dessen Bedeutung mit dem Einflussbereich der Stadt zu- oder abnahm.[8] Unter diesem Aspekt war die Funktion eines solchen Stadtgottes mit der eines Königs vergleichbar. Umgekehrt wurden altertümliche Könige im Nachhinein häufig in den Status eines Gottes erhoben, wodurch die Grenze zwischen Gott und König in der Mythologie extrem verschwimmt.

Als Nimrod und seine Nachfolger Babylon zum Zentrum der alten Welt machten, schwang sich gleichsam Marduk, der bis dahin relativ unbekannte Stadtgott Babylons, als alleiniger, höchster Gott an die Spitze des Pantheons.[9] Marduks Bedeutung wurde so immens, dass er bald im ganzen Zweistromland Verehrung fand. Wenn Nimrods Turm als riesiger Tempel verwendet wurde, um falschen Göttern zu huldigen, könnte Nimrod einer der höchsten Marduk-Priester gewesen sein. Als solcher hätte er absolute Macht über die Gedankenwelt seiner Untertanen – womöglich hat er sich sogar selbst als Inkarnation des Gottes verehren lassen. Damit stünde er an erster Stelle einer langen Liste von Königen, Kaisern und Pharaonen, die im Verlauf der Geschichte dasselbe taten. Er wäre der Begründer des Götzendienstes und womöglich das Vorbild für zahlreiche spätere Mythen und Religionen.

Eine Bestätigung dafür finden wir im babylonischen Schöpfungs-Epos, dem Enūma eliš, das ungefähr ins Jahr 1100 v. Chr. datiert wird. Darin wird der Tempelbezirk Babylons inklusive Turm erstmals erwähnt,[10] und zwar als Marduk höchstpersönlich den Bau des Turms veranlasst:

"Als Marduk das hörte, strahlte er so hell wie der lichte Tag: `Erbaut Babylon, die Aufgabe, die ihr gesucht habt. Lasst Ziegel dafür geformt werden und errichtet das Heiligtum!` Die Annunaki schwangen die Hacke. Ein Jahr lang strichen sie die nötigen Ziegel. Als das zweite Jahr herankam, errichteten sie den First von Esagil, eine Nachbildung des Apsu. Sie erbauten den hohen Tempelturm des Apsu, und richteten sein(en) … [?] für Anu, Enlil und Ea [Enki] als Wohnstätte ein."
– Enūma eliš, Tafel 6, Zeile 55-64

All das spricht dafür, dass Nimrod selbst der Stadtgott Babylons war. Die Namen "Nimrod" (נמרד) und "Marduk" (מרדך) enthalten sogar die selbe hebräische Wortwurzel, nämlich מרד ("marad"), was die Bedeutung von "rebellieren" oder "empören" trägt. In der Bibel wird ebenfalls ein Götze namens Bel-Marduk (andere Schreibweise: Baal-Merodach) erwähnt, ein ständiger Widersacher Israels und seines Gottes.[11] Nimrod hatte sich sprichwörtlich an Gottes Stelle gesetzt!

Sprachverwirrung und Zerstörung des Turms

Der Allmächtige reagierte unverzüglich auf Nimrods Rebellion. Da die Menschen unter dem Einfluss des mächtigen Jägers nicht die Erde füllen wollten, zwang sie der einzig wahre Gott durch die Sprachverwirrung, sich zu teilen und sich in den verschiedenen Regionen zu versammeln, in denen ihre jeweils eigene Sprache gesprochen wurde:

"Da stieg der Herr herab, um die Stadt und den Turm anzusehen, den die Menschenkinder bauten. Und der Herr sprach: Siehe, sie sind ein Volk, und sie sprechen alle eine Sprache, und dies ist [erst] der Anfang ihres Tuns! Und jetzt wird sie nichts davor zurückhalten, das zu tun, was sie sich vorgenommen haben. Wohlan, lasst uns hinabsteigen und dort ihre Sprache verwirren, damit keiner mehr die Sprache des anderen versteht! So zerstreute der Herr sie von dort über die ganze Erde, und sie hörten auf, die Stadt zu bauen. Daher gab man ihr den Namen Babel, weil der Herr dort die Sprache der ganzen Erde verwirrte und sie von dort über die ganze Erde zerstreute.
– Genesis Kapitel 11,5-9

Das in der Bibel erwähnte, uralte Wort "Babel", das die Stadt des Turmes bezeichnet, ist weder sumerisch noch akkadisch.[12] Zwar wird die Stadt in sumerischen Inschriften "babilum" bzw. "babila" genannt, doch die Herkunft dieses Wortes kannten selbst die Sumerer nicht mehr.[13] Erst später versuchten die Babylonier, den Ursprung der Vokabel mit dem akkadischen "bab-ilani" ("Tor der Götter") zu erklären,[14] was die Griechen schließlich mit dem uns bekannten Babylon übersetzten. Die Genesis hingegen führt das Wort auf die hebräische Wortwurzel "balal" zurück, was "verwirren" oder "mischen" bedeutet. Womöglich liefert die Bibel damit die verloren geglaubte, ursprüngliche Bedeutung des berühmten Namens.

In der jüdischen Überlieferung wird außerdem berichtet, wie der Turm zerstört wurde:

"Gott schickte einen heftigen Wind gegen den Turm und zerstörte ihn auf der Erde, und siehe, er war zwischen Assur und Babylon im Lande Sinear; und man nannte seinen Namen Trümmer."
– Das Buch der Jubiläen, Kapitel "Turmbau zu Babel", Vers 26

Wenn der Turm wirklich eingestürzt ist, kann das historische Etemenanki natürlich nicht genau der Turm des Nimrod sein. Vielleicht wurde er nur teilweise zerstört oder konnte während der Regierung des berühmten Sargon I. von Akkad (ca. 2300 v. Chr.) auf den Ruinen wieder errichtet bzw. weiter ausgebaut werden. Ein Keilschrifttext von Sargons Nachfolger Shar-kali-sharri (um 2250 v. Chr.) besagt jedenfalls, dass am Standort des Turmes schon früher eine "heilige Stadt" existiert habe.[15]

Abraham erkennt den wahren Gott

Nachdem Nimrod seine Feinde unterjocht hatte und über ganz Mesopotamien herrschte, muss er bereits mehrere hundert Jahre alt gewesen sein, denn Nimrods treuer Heerführer war in dieser Zeit kein anderer als Terach, der Vater Abrams, der deutlich später lebte.[16] (Die biblischen Patriarchen in dieser Zeit wurden alle so alt.) Terach unterstützte den Götzendienst im Land aktiv, denn er stellte Götzen-Figuren her und verkaufte sie ans Volk. Erneut ist es die jüdische Überlieferung, die berichtet, wie Abram als Einziger erkannte, dass der wahre Schöpfer des Universums nicht aus Holz und Stein sein kann.[17]

Zunächst huldigte auch Abram der Sonne, da er dachte, eine so mächtige Erscheinung müsse Gott sein. Als es jedoch Nacht wurde, ging der Mond auf und verdrängte die Sonne. Also schlussfolgerte der junge Mann, dass der Mond Gott sein müsse, denn er war stärker als die Sonne. Natürlich stand am nächsten Morgen wieder die Sonne am Himmel. So erkannte Abram, dass alle sichtbaren Dinge von anderen Dingen abhängig sind und somit nicht Gott sein konnten. Der wahre Gott, der die sichtbaren Dinge erschaffen hatte, musste unsichtbar sein. Als er diese Wahrheit offen verkündete, geriet er in einen schweren Konflikt mit Terach und Nimrod, was zur Folge hatte, dass der König den Abram verbrennen wollte. Doch Gott erwies seine Macht gegenüber den leblosen Götzen, indem er seinen treuen Diener bewahrte. Langfristig gab es für Abram trotzdem nur einen Weg:

"Der Herr aber hatte zu Abram gesprochen: Geh hinaus aus deinem Land und aus deiner Verwandtschaft und aus dem Haus deines Vaters in das Land, das ich dir zeigen werde! Und ich will dich zu einem großen Volk machen und dich segnen und deinen Namen groß machen, und du sollst ein Segen sein. [...] Da ging Abram, wie der Herr zu ihm gesagt hatte [...] Und Abram nahm seine Frau Sarai und Lot, den Sohn seines Bruders, [...] und sie zogen aus, um ins Land Kanaan zu gehen; und sie kamen in das Land Kanaan."
– Genesis Kapitel 12,1-4

Abram, der später Abraham genannt wurde, ließ das blasphemische Mesopotamien hinter sich und zog nach Westen ins heutige Israel, welches damals noch Kanaan hieß. Kanaan! Das Land des Volkes, über dem der Fluch Noahs lag. Gottes souveräner Plan würde Kanaan letztlich doch der Knechtschaft zuführen. Denn Abraham beanspruchte das Land für Gottes Volk, und rund 600 Jahre später wurden die Kanaaniter, die immer noch ihren Götzen hinterherliefen, von dem israelitischen Heerführer Josua unterworfen.[18] Doch die Besitzansprüche auf das Land blieben bis heute umstritten, was der gegenwärtige Konflikt zwischen Israel und den angrenzenden Staaten beweist. So betrachtet wirft der Fluch Noahs ein gänzlich neues Licht auf den Jahrtausende währenden Nahost-Konflikt.

Babylons Untergang

Die "Hängenden Gärten der Semiramis" von Maarten van Heemskerck (16. Jahrhundert)Die "Hängenden Gärten der Semiramis" von Maarten van Heemskerck (16. Jahrhundert)

Durch die Jahrtausende ging Etemenanki schleichend zugrunde. Im Jahr 689 v. Chr. riss der zerstörungswütige Assyrer-König Sanherib den Turm nieder. Seine Nachfolger Assurhaddon und Assurbanipal (680-659 v. Chr.) begannen mit dem Wiederaufbau, wie Inschriften im Fundament belegen. Nach der Befreiung von der assyrischen Herrschaft setzte der neubabylonische Herrscher Nabopolassar den Ausbau der Anlage fort, sein Sohn Nebukadnezar II. (604-562 v. Chr.) vollendete ihn. Während dieser Zeit war das Volk Israel in babylonischer Gefangenschaft und muss den Bau-Wahn Nebukadnezars aus nächster Nähe miterlebt haben. In einer außerbiblischen Quelle, dem Buch der Jubiläen, finden sich einige überdimensionale und merkwürdig präzise Angaben zum Erscheinungsbild des Turmes, die womöglich aus der Zeit der Gefangenschaft Israels stammen. Die Entstehungszeit dieses apokryphen Buches liegt mindestens im Jahre 100 v. Chr., vielleicht auch deutlich früher. Darin heißt es:

"Und sie [die Menschenkinder] fingen an zu bauen; und in der 4. Jahrwoche brannten sie Ziegel mit Feuer, und es dienten ihnen Ziegel als Steine, und als Ton, womit sie tünchten, Asphalt, der aus dem Meere kommt und aus den Wasserquellen im Lande Sinear. Und sie bauten ihn [den Turm]; vierzig Jahre und drei Jahre bauten sie an ihm; Ziegel in der Breite waren 203 an ihm, und die Höhe eines Ziegels war das Drittel von einem. 5433 Ellen stieg seine Höhe empor und 2 Handbreiten und 13 Stadien."
– Das Buch der Jubiläen, Kapitel "Turmbau zu Babel", Vers 20-21

Nach diesen Maßen hätte der Turm etwa 2,5 Kilometer in den Himmel geragt! Eine Höhe, die selbst in unseren Tagen höchst unglaubwürdig klingt. Woher kommt diese mutmaßliche Übertreibung? Auf die Israeliten muss das gesamte Erscheinungsbild Babylons und der wieder errichtete Etemenanki grenzenlos beeindruckend gewirkt haben. Aufgrund des puren Entsetzens über die Vermessenheit der Babylonier könnte der Turm im Prozess der jüdischen Überlieferung durchaus um ein paar tausend Ellen gewachsen sein. Und so finden wir in der modernen, volkstümlichen Erzählung und in zahlreichen Bildwerken sprichwörtlich einen Turm bis zum Himmel.

Nach Nebukadnezars Herrschaft verfiel das Bauwerk, möglicherweise auch durch Zerstörungen durch den Perserkönig Xerxes I. (486-465 v. Chr.). Bei seinem Einzug in Babylon im Frühjahr 323 v. Chr. ließ Alexander der Große die Reste bis auf das Fundament abreißen, um den Turm neu zu errichten. Dabei blieb es bis heute, da Alexander wenige Monate später verstarb. Der mächtige Tempelturm, das Sinnbild der Rebellion und Selbstverwirklichung, war endgültig zerstört. Doch seine Bedeutung blieb erhalten.

Ein Blick in die gegenwärtige Gesellschaft zeigt geradezu babylonische Tendenzen: Architektonischer Größenwahn, gekoppelt mit der Vermessenheit, die eigenen industriellen Errungenschaften und atheistischen Theorien über Gott zu setzen. Egoismus, Habgier und sexuelle Zügellosigkeit dominieren das menschliche Denken, womit der Götzendienst Nimrods immer noch kein Ende gefunden hat. Doch im letzten Buch der Bibel wird die Geschichte abgeschlossen, die in der Genesis begann. Hier heißt es in prophetischer Voraussicht:

"Sie ist gefallen, sie ist gefallen, Babylon, die große Stadt; denn sie hat mit dem Zorneswein ihrer Hurerei getränkt alle Völker."
– Offenbarung des Johannes, Kapitel 14,8

Der "Wein der Hurerei" steht symbolhaft für den abgöttischen Kult Babylons. Der selbe Wein, mit dem alles begann, als Noah zu viel davon trank. Hier erfährt Babylon, die "große Hure", wie die Stadt auch genannt wird, die Konsequenz ihres Handelns. Denn am Ende wird sich der wahre Gott offenbaren und all diejenigen zerschmettern, die sich, in Rebellion verharrend, an seine Position setzen wollten.

"Lasst`s erschallen und verbergt es nicht und sprecht: Babel ist genommen, Bel ist zuschanden, Merodach ist zerschmettert; ihre Götzen sind zuschanden, ihre Götterbilder sind zerschmettert!"
– Prophet Jeremia, Kapitel 50,2


Verwendete Literatur

[1] Erich Weidinger, "Die Apokryphen", Textquelle "Die Schatzhöhle", 1999, Kapitel 24,24
[2] Thorkild Jacobsen, "The Sumerian King List" (University of Chicago Press, 1939), S. 87
[3] Werner Papke, "Die geheime Botschaft des Gilgamesch" (Augsburg 1996), S. 205
[4] Google Earth Koordinaten 32.5362N, 44.4207E.
[5] C. W. Ceram, "Götter, Gräber und Gelehrte", Rohwolt-Verlag, Neuauflage März 2008, S. 285
[6] Louvre, AO 6555, "The Esagila Tablet", Fotografische Wiedergabe, Text und Übersetzung siehe André Parrot, "La Tour de Babel", S. 12-13
[7] Wikipedia.de, Eintrag "Hierogamie"
[8] Wikipedia.de, Eintrag "Babylonische Religion"
[9] W. G. Lambert, "Enuma Elisch", in: Otto Kaiser u.a., "Texte aus der Umwelt des Alten Testaments", Band III, Mythen und Epen II, Gütersloher Verlaghaus, Gütersloh 1994, S. 565-602
[10] W. G. Lambert, "Enuma Elisch", in: Otto Kaiser u.a., "Texte aus der Umwelt des Alten Testaments", Band III, Mythen und Epen II, Gütersloher Verlaghaus, Gütersloh 1994, S. 593
[11] z.B. beim Propheten Jeremia, Kapitel 50,2
[12] G. J. Botterweck & H. Ringren, "Theological Dictionary of the Old Testament, Band 1, S. 455-467
[13] Roger Liebi, "Herkunft und Entwicklung der Sprachen", Hänssler-Verlag, 1. Auflage 2003, S. 120
[14] L. Köhler & W. Baumgartner, "Hebräisches und aramäisches Lexikon zum Alten Testament", Band 1, S. 103
[15] Roger Liebi, "Herkunft und Entwicklung der Sprachen", Hänssler-Verlag, 1. Auflage 2003, S. 119
[16] J. H. Parry, "The Book of Jasher" (Das Buch der Rechtschaffenen), 1887, Kapitel VII
[17] J. H. Parry, "The Book of Jasher" (Das Buch der Rechtschaffenen), 1887, Kapitel IX
[18] Buch Josua, Kapitel 6ff