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Letzte Änderung: 13. Dezember 2016 um 00:12 Uhr

Das Triforce aus dem Spiel "The Legend of Zelda" ist die manifestierte Kraft dreier Göttinnen


Gibt es eine göttliche Dreieinigkeit?

Können wir Gottes Wesen begreifen? Die kirchliche Lehre der Dreieinigkeit, Dreifaltigkeit oder Trinität wagt jedenfalls den Versuch, Gottes Persönlichkeit in menschlichen Worten zu definieren. Demnach sei Gott ein Wesen, das sich aber in drei Personen äußert.

Die Trinität ist keine direkte biblische Lehre. Das Wort selbst wird nicht in der Bibel genannt und es wird auch nirgendwo ausdrücklich festgestellt, dass die drei Personen eines Wesens sind. Im Gegenteil, Jesus nannte seinen Vater, den allmächtigen Schöpfer JHWH (sprich: "Jahweh" oder "Jehovah"), ausdrücklich "größer" als sich selbst.[1] Andererseits wird Jesus in der Heiligen Schrift "Gott gleich" genannt und selbst als Schöpfer bezeugt. Ähnliches gilt für den mysteriösen "Heiligen Geist". Für viele ist das Grund genug, alle drei Personen als Gott zu verehren. Da es freilich nur einen wahren Gott gibt, entsteht daraus ein schwerwiegendes Logikproblem, das auch im athanasianischen Glaubensbekenntnis der katholischen Kirche zum Ausdruck kommt: "Denn wie uns die christliche Wahrheit zwingt, jede Person einzeln für sich als Gott und als Herrn zu bekennen, so verbietet uns der katholische Glaube, von drei Göttern oder Herren zu sprechen." Aber zwingt uns die "christliche Wahrheit" wirklich dazu?

Mit diesem Artikel kann und möchte ich keine Aussage darüber treffen, ob die Trinität wahr oder falsch ist. Darüber wurde und wird schon mehr als genug gestritten. Es soll stattdessen ein umfassender Überblick der relevanten Bibeltexte gegeben werden, sodass jeder seine eigenen Schlüsse ziehen kann. Darüber hinaus möchte ich in einem gewissen Rahmen die Wichtigkeit der Trinitätslehre in Frage stellen.

Es gibt nur einen Gott

Ich kann sehr gut verstehen, wenn Juden oder Moslems die Dreieinigkeit als Polytheismus (Mehrgottglaube) bezeichnen, der schlimmsten aller Sünden. Deshalb zunächst ein paar Worte der Klarstellung: Ich glaube nicht an mehrere Götter, und auch die Trinitätslehre sagt deutlich, dass es nur einen Gott gibt. Das steht in völliger Übereinstimmung mit dem wichtigsten Glaubens-Grundsatz der Juden:

"Höre, Israel, JHWH ist unser Gott, JHWH allein."
– Deuteronomium (5. Buch Mose), Kapitel 6,4

"Hab ich's nicht getan, JHWH? Es ist sonst kein Gott ausser mir, ein gerechter Gott und Heiland, und es ist keiner ausser mir. Wendet euch zu mir, so werdet ihr gerettet, aller Welt Enden; denn ich bin Gott, und sonst keiner mehr."
– Prophet Jesaja, Kapitel 45,21

Eine Schematische Darstellung der DreieinigkeitslehreEine Schematische Darstellung der Dreieinigkeitslehre

Die Trinitätslehre sagt allerdings auch, dass dieser eine Gott aus drei Personen ("Hypostasen") besteht, nämlich Vater, Sohn und Heiliger Geist, aber trotzdem nur eines Wesens (eine Substanz) ist. Ferner seien die drei Personen zwar verschieden, bilden aber eine unauflösbare Einheit. Der Sohn Jesus Christus und der Heilige Geist seien dem Vater JHWH auch nicht untergeordnet, sondern von gleicher Göttlichkeit. Häufig wird daraus gefolgert, dass Jesus JHWH ist. Aber das sagt die Trinitätslehre nicht, sie bestreitet es sogar. Und trotzdem, so das Dogma, seien beide Personen der einzig wahre Gott. Wie kann das sein?

Der Personenbegriff ist dem antiken Theater entnommen und meint dort eine Maske oder Rolle (griechisch "prosôpon"). In der Philosophie wird damit die individuelle (unteilbare), in sich ruhende Wirklichkeit eines Wesens beschrieben. Die Dreieinigkeit sagt nicht, dass sich eine Person (Gott) in drei verschiedenen Erscheinungsformen äußert (Monarchianismus), wie etwa ein Schauspieler drei verschiedene Masken tragen kann. Sondern sie sagt, dass drei Personen vollständig ein Gott sind. Das ist ein großer Unterschied, der die Trinität für menschliches, rationales Denken beinahe ungreifbar macht. Aber unser Denken ist schließlich auch nicht der Maßstab. Da holt uns Gott selbst auf den Boden der Tatsachen:

"So hoch der Himmel über der Erde ist, so viel höher sind meine Wege als eure Wege und meine Gedanken als eure Gedanken."
– Prophet Jesaja, Kapitel 55,9

Gott als Schöpfer aller Dinge ist nicht an unser Vorstellungsvermögen gebunden. Wir verknüpfen mit JHWH's Anspruch, der einzige Gott zu sein, automatisch das griechische Personen-Denken und schließen daraus, dass ein Gott auch eine Person sein muss. Wir können aber nicht definieren, wie Gott zu sein hat. Was erdreisten wir uns, Gott etwas Irdisches und Fleischliches anzudichten? Berechtigter wäre die Frage, warum Gott eigentlich aus nur drei Personen bestehen sollte? Vielleicht ist Gott unendlich viele Personen, aber nur zwei oder drei hat er uns offenbart? Wir dürfen JHWH niemals mit unserer eigenen Individualität vergleichen, damit kämen wir zu einem verfehlten Gottesbild, ähnliche wie sich viele Heidenvölker ein-personale, das heißt menschenähnliche Götter erdachten. Vielleicht verbietet JHWH deshalb im zweiten der zehn Gebote, irgendeine Art Bildnis von ihm zu machen[2] – wir wären damit schlicht und einfach überfordert.

Die Konzile von Nicäa und Konstantinopel

Zu einer ernsten Streitfrage wurde die Trinitätslehre erstmals im Jahr 318 n. Chr., als in Alexandria ein Priester namens Arius gegenüber dem Bischof Alexander erklärte, dass es eine Zeit gab, in der Jesus nicht existierte und somit Teil der Schöpfung war (Subordinatianismus). Die Debatte eskalierte und drohte in der Folgezeit die gesamte Bevölkerung zu spalten, weshalb Kaiser Konstantin, der ein politisches Interesse an einer Einigung hatte, im Jahr 325 n. Chr. ein Kirchenkonzil in der Stadt Nicäa einberief. Von den 1.800 eingeladenen Bischöfen erschienen nur etwa 300, fast alle aus dem Osten des Reiches und mehrheitlich Gegner der Trinitätslehre. Man vermutet, dass die restlichen Bischöfe aus Protest nicht kamen, weil sie befürchteten, dass Konstantin sowieso eine Lösung nach seinen eigenen Vorstellungen durchsetzen würde. Und so kam es auch.

Kaiser Konstantin und das Konzil von Nicäa. Darunter ist die Verbrennung arianischer Bücher illustriert. Zeichnung auf Pergament, ca. 825 n. Chr.Kaiser Konstantin und das Konzil von Nicäa. Darunter ist die Verbrennung arianischer Bücher illustriert. Zeichnung auf Pergament, ca. 825 n. Chr.

Nach drei Monaten hitziger Diskussionen beendete der Kaiser die Debatte mit der Aussage, dass "der Sohn eines Wesens mit dem Vater" sowie "gezeugt und unerschaffen" sei. Allen Anhängern des Arius ("Arianern") wurde mit der Exkommunikation gedroht, falls sie diesem Glaubensbekenntnis nicht zustimmen würden. So kam es, dass alle anwesenden Bischöfe die Formulierung unterzeichneten, abgesehen von zweien, die daraufhin zusammen mit Arius verbannt wurden. Ihre Theologie wurde als Häresie verurteilt, alle arianischen Schriften verboten und auf ihren Besitz die Todesstrafe gestellt. Doch der arianische Streit war damit nicht beendet.

Als Konstantin der Große im Jahr 337 n. Chr. starb, fand die nicht-trinitarische Sicht wieder größere Zustimmung, auch durch den Einfluss des arianischen Kaisers Valens, der im Ostreich an die Macht kam. Erst im Jahr 381 berief der neue, trinitarisch getaufte Kaiser Theodosius ein Konzil in der Hauptstadt Konstantinopel ein, auf dem das nicäische Glaubensbekenntnis von 150 Bischöfen überarbeitet wurde. Daraus ging das Nicäno-Konstantinopolitanum hervor, das Jesus "eines Wesens mit dem Vater" nennt und worin auch der Heilige Geist als eine Person der Dreieinigkeit angesehen wird. Es ist das wichtigste christlich-trinitarische Glaubensbekenntnis bis heute.

Ohne Trinität kein Seelenheil?

Die Dogmatik der katholischen Kirche besagt, dass "wer selig werden will, diese Auffassung von der Dreifaltigkeit haben soll" (Athanasianisches Glaubensbekenntnis). Demnach hinge unser ewiges Schicksal nach dem Tod davon ab, wie wir Gottes Persönlichkeit sehen. Jesus nannte dagegen eine andere "Bedingung" für das ewige Leben, als er zu seinem Vater JHWH betete:

"Das ist aber das ewige Leben, dass sie dich, der du allein wahrer Gott bist, und den du gesandt hast, Jesus Christus, erkennen."
– Evangelium nach Johannes, Kapitel 17,3

Wir sollen also zweierlei (an-)erkennen: Erstens den allein wahren Gott und zweitens seinen Gesandten, Jesus Christus. Aber das Bekenntnis, dass Jesus auch der allein wahre Gott ist, sehe ich als Heilsvoraussetzung nicht biblisch begründet. Ist nicht sogar das Gegenteil der Fall? Ist der Vater immer noch "allein wahrer Gott", wenn wir seinen Sohn in den selben Rang erheben?

Machen wir ein kleines Gedanken-Experiment: Falls die Dreieinigkeitslehre der Wahrheit entspricht, können wir auch ohne diese Erkenntnis das ewige Leben erlangen. Aber falls sie falsch ist, würden wir damit den Vater als allein wahren Gott leugnen und Jesu "Bedingung" für das ewige Leben nicht mehr erfüllen. Außerdem kämen wir gefährlich nah an einen Bruch des ersten der zehn Gebote:

"Du sollst keinen anderen Gott anbeten. Denn JHWH [...] ist ein eifersüchtiger Gott."
– Exodus, Kapitel 34,14

Man muss sich schon sehr sicher sein, um das zu riskieren. Es lohnt sich also, ganz genau hinzuschauen, was in der Bibel über Gottes Wesen steht und wie es zu bewerten ist.

Was ist der heilige Geist Gottes?

In der Bibel ist häufig die Rede vom "Geist Gottes" oder dem "heiligen Geist" ("pneuma hagion"), der in der Trinitätslehre als dritte Person der Gottheit aufgefasst wird. Der Geist zeigt tatsächlich Kennzeichen einer Persönlichkeit: Er hat einen Willen[3], kann betrübt werden[4], sprechen[5] und ist sich seiner selbst bewusst.[6] Er wird als Tröster, Lehrer und Beistand bezeichnet und im Namen Jesu vom Vater gesendet.[7] Kritiker weisen dem Wortpaar dagegen zwei Bedeutungen zu, die je nach Grammatik und Kontext unterschieden werden sollten: Demnach kann "heiliger Geist" (mit kleingeschriebenem "h" im Deutschen!) einerseits die unpersönliche, wirkende Kraft Gottes bezeichnen, also das, was JHWH als Gabe schenkt. Wenn jemand damit erfüllt wird, kann Gott durch diesen Menschen sprechen, ihm Kraft und Weisheit schenken, trösten, lehren und ermahnen. Andererseits kann "der Heilige Geist" (mit großem "H") auch als Synonym für JHWH, den Vater, verwendet werden – und der ist selbstverständlich eine Person. Dem entsprechend betont der Apostel Johannes: "Gott ist [dem Wesen nach] Geist".[8]

Wie kann man diesen "Geist Gottes" nun einordnen? Schauen wir zunächst mal, was genau der Geist eigentlich macht. Der große Apostel Paulus wusste da ganz gut Bescheid:

"Ebenso kommt aber auch der Geist unseren Schwachheiten zu Hilfe. Denn wir wissen nicht, was wir beten sollen, wie sich's gebührt; aber der Geist selbst tritt für uns ein mit unaussprechlichen Seufzern. Der aber die Herzen erforscht, weiß, was das Trachten des Geistes ist; denn er tritt so für die Heiligen ein, wie es Gott entspricht."
– Brief des Paulus an die Römer, Kapitel 8,26+27 (Schlachter-Übersetzung)

Nach meinem Verständnis wird der Geist hier als eine Instanz beschrieben, die unsere häufig respektlosen Gebete in ehrfürchtiger Weise an Gott "weitergibt". Der Geist ist in diesem Zusammenhang wohl nicht nur eine andere Bezeichnung für Gott, denn er wird Gott gegenübergestellt. Folglich müsste er eine unpersönliche Kraft sein, aber kann eine Kraft bei Gott für uns eintreten und Fürsprache halten? Ich weiß es nicht. Auf der anderen Seite kann man lesen, dass Personen "mit heiligem Geist erfüllt" werden,[9] oder dass Menschen "mit heiligem Geist getauft" werden sollen anstelle mit Wasser.[10] Da scheint der Geist eher ein Element wie Wasser zu sein, und keine Person. Auch von Jesus wird berichtet, dass der Geist Gottes auf ihn herabkam und auf ihm blieb, als er mit etwa 30 Jahren zu predigen begann:[11]

"Es geschah aber, als [...] Jesus getauft wurde und betete, da tat sich der Himmel auf, und der Heilige Geist stieg in leiblicher Gestalt wie eine Taube auf ihn herab, und eine Stimme ertönte aus dem Himmel, die sprach: Du bist mein geliebter Sohn; an dir habe ich Wohlgefallen!"
– Evangelium nach Lukas, Kapitel 3,21+22

Nach meinem Verständnis bedeutet das, dass von diesem Zeitpunkt an JHWH selbst durch seinen Geist in Jesus gewirkt hat. Jesus handelte im Geiste (d.h. im Sinne) JHWH's. Dafür muss der Geist keine Person sein. Jesus wurde sozusagen "von JHWH erfüllt". Kein Wunder schrieb Paulus, in Jesus wohne "die ganze Fülle der Gottheit leibhaftig"[12] und der Autor des Hebräerbriefs nannte ihn "die Ausstrahlung von Gottes Herrlichkeit" und "den Ausdruck seines Wesens".[13] Jesus selbst stellte klar:

"Wer mich gesehen hat, der hat den Vater gesehen."
– Evanglium nach Johannes, Kapitel 14,9

Jede dieser ehrfurchtgebietenden Aussagen macht völlig Sinn, wenn Jesus vom Geist JHWH's erfüllt war. Damit ist nicht gemeint, dass Jesus ein normaler Mensch war, der bei seiner Taufe zu einem Abbild des Vaters wurde (Adoptianismus). Er wurde nicht "adoptiert", sondern war schon vor seiner irdischen Geburt der Sohn Gottes. Ich denke aber, dass JHWH seit der Taufe in ganz besonderer Weise durch Jesus wirkte.

Je mehr ich über all das nachdenke, desto mehr komme ich zu der Annahme, dass der Geist Gottes nicht wirklich definiert werden kann. Vielleicht meinte Jesus das, als er sagte:

"Der Wind weht, wo er will, und du hörst sein Sausen; aber du weißt nicht, woher er kommt und wohin er geht. So ist jeder, der aus dem Geist geboren ist."
– Evangelium nach Johannes, Kapitel 3,8

Im Endeffekt sehe ich mich nicht in der Lage, irgendwelche definitiven Aussagen über das Wesen des Geistes zu machen. Aus diesem Grund sehe ich aber auch keine Notwendigkeit, ihn als zusätzliche Person der Gottheit zu betrachten. Deshalb geht es im folgenden Text eher um die Frage, inwiefern eine "Zweieinigkeit" zwischen Jesus und JHWH besteht; um der Kontinuität willen werde ich es aber weiterhin als "Dreieinigkeit" bezeichnen.

Zu wem sollen wir beten?

Falls du ein gläubiger Mensch bist, sollte die Frage nach der Dreieinigkeit ganz konkrete Auswirkungen darauf haben, zu wem du betest. Viele trinitarische Christen unterscheiden im Gebet kaum oder gar nicht zwischen Jesus und JHWH. Das führt gelegentlich zu sehr skurilen Formulierungen: "Jesus, du bist ein großer Gott und ich danke dir, dass du deinen Sohn auf die Erde geschickt hast, ..." (Habe ich wörtlich so gehört). Hat der Sohn Jesus etwa auch wieder einen Sohn? Nicht wenige beten auch zum Heiligen Geist und manche sogar zur Jungfrau Maria (Blasphemie!), obwohl es dafür kein einziges biblisches Beispiel gibt. Kurz gesagt, die Trinitätslehre sorgt im Gebet für enorme Verwirrung. Da ich den Geist Gottes nicht als Person sehe, bleibt eigentlich nur die Frage: Sollte man Jesus anbeten? Eine Antwort darauf liefert Stephanus, ein Nachfolger Jesu, der mit seiner Predigt einen Haufen Juden gegen sich aufbrachte. Von ihm steht geschrieben:

"Er aber, voll heiligen Geistes (!), blickte zum Himmel empor und sah die Herrlichkeit Gottes, und Jesus zur Rechten Gottes stehen; ..."
– Apostelgeschichte, Kapitel 7,55

Für seine ohnehin schon wütenden Zuhörer war das Anlass genug, ihn zu steinigen. Doch dann ruft er im Augenblick seines Todes: "Herr Jesus, nimm meinen Geist auf!"[14] Der erste christliche Märtyrer hatte in seiner Vision Jesus und JHWH als voneinander getrennte Individuen gesehen, und er hatte offensichtlich kein Problem damit, Jesus anzusprechen. Auch für Paulus schien das normal zu sein, denn er grüßt in seinem Brief an die Korinther alle, "die den Namen unseres Herrn Jesus Christus anrufen".[15] Aber jemanden im Gebet anzusprechen ist etwas anderes, als ihm die Anbetung des einzig wahren Gottes zu erweisen. Ob Stephanus und die Korinther Letzteres taten, wissen wir nicht.

Jesus ist zurück von den Toten (c) The Bible Miniseries, Mark Burnett & Roma DowneyJesus ist zurück von den Toten (c) The Bible Miniseries, Mark Burnett & Roma Downey

Ein weiterer Jesus-Jünger namens Thomas konnte zunächst nicht glauben, dass sein Lehrer wirklich von den Toten auferstanden war, doch als er sich überzeugt hatte, bekannte er gegenüber Jesus: "Mein Herr und mein Gott!"[16] Häufig wird argumentiert, der Zweifler habe das nicht in Bezug auf Jesus gesagt, sondern als Ausruf des Entsetzens. Das kann zwar nicht mit letzter Gewissheit entschieden werden, doch mir scheint es plausibler, dass Thomas wirklich den Auferstandenen als "seinen Gott" bezeichnete – und Jesus widersprach nicht, denn Thomas hatte natürlich recht: Die ganze Fülle der Gottheit wohnte in Jesus, und wer ihn sah, sah Gott. Aber das bedeutet nicht, dass die Person Jesus als einzig wahrer Gott angebetet werden sollte.

In der Bibel wird mehrfach berichtet, wie Personen vor Jesus niederfielen, wohl mit der Absicht, "ihn anzubeten", wie es in vielen deutschen Übersetzungen wiedergegeben wird.[17] Allerdings ist die Grundbedeutung des Verbs "prosekynēsan", das hier im griechischen Originaltext steht, nur "niederfallen". Es kann zwar durchaus "Anbetung" bedeuten, beispielsweise, als sich Jesus mit einer samaritischen Frau darüber unterhielt, wo der richtige Ort zum Gebet sei.[18] Jesus hat das selbe Wort aber auch in seinem Gleichnis vom Schalksknecht verwendet, in dem der Knecht seinem König zu Füßen fällt.[19] Damit ist eindeutig nur eine gesellschaftliche Gepflogenheit gemeint. Nicht eine deutsche Bibel-Übersetzung schreibt hier "anbeten", sondern nur "zu Füßen fallen" oder "huldigen". Der Kontext definiert also die korrekte Übersetzung, und deshalb kann hier nicht entschieden werden, ob Jesus wirklich wie Gott angebetet wurde, oder ob ihm nur wie einem König gehuldigt wurde.

Um die Frage trotzdem abschließend zu klären, möchte ich Jesus für sich sprechen lassen. Der Gottessohn machte einige sehr klare Ansagen darüber, wie wir beten sollen:

"Wenn ihr betet, so sprecht: Unser Vater, der du bist im Himmel, geheiligt werde dein Name! ..."
– Evangelium nach Lukas, Kapitel 11,2

"Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Was auch immer ihr den Vater bitten werdet in meinem Namen, er wird es euch geben!"
– Evangelium nach Johannes, Kapitel 16,23

Ich möchte nicht sagen, dass es falsch ist, zu Jesus zu beten. Jesus wird schließlich als der "(Ver-)Mittler" zwischen Gott und den Menschen bezeichnet,[20] und er kann unsere Bitten sicher an seinen Vater weiterleiten. Allerdings stellte er selbst klar, dass wir zwar in seinem Namen beten sollen (d.h. uns auf Jesus berufen sollen), aber dass wir zum Vater JHWH beten sollen.

Was bedeutet "Sohn Gottes"?

Da die ersten Christen im Grunde alles Juden waren, kannten sie Gottes Absolutheitsanspruch sehr gut. Vielleicht bezeichneten sie Jesus deshalb ehrfürchtig als "Sohn Gottes" und nicht etwa als "Gott auf Erden". Jesus selbst hat sich stets demütig als "Menschensohn" bezeichnet und damit vom Vater unterschieden. Als er seine Jünger fragte, für wen sie ihn hielten, entgegnete Petrus:

"Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes! Und Jesus antwortete und sprach zu ihm: Glückselig bist du, Simon, Sohn des Jona; denn Fleisch und Blut hat dir das nicht geoffenbart, sondern mein Vater im Himmel!"
– Evangelium nach Matthäus, Kapitel 16,16+17

Jesus lobt Petrus angesichts dieses Bekenntnisses und ergänzt nichts. Folglich muss Petrus ins Schwarze getroffen haben. Leider lässt die Bezeichnung "Sohn Gottes" Spielraum für sehr weite Interpretationen. Was Petrus mit Sicherheit nicht sagen wollte, ist, dass Jesus von JHWH gezeugt wurde, wie Menschen Kinder bekommen. Natürlich wurde Jesus bei seiner Menschwerdung von einer Frau geboren, doch hat er schon lange davor in göttlicher Gestalt existiert.[21] Unsere sehr menschliche Vorstellung einer Zeugung sollten wir in Bezug auf Gott schnell vergessen. Zwar schrieb der Apostel Johannes, dass Jesus Gottes "einzig-gezeugter" oder "ein-geborener" Sohn sei,[22] aber das hierfür verwendete griechische Wort "monogenous" definiert keine Reihenfolge der Geburt,[23] sondern ist in erster Linie ein Bild für Gottes tiefe Beziehung zu Jesus.

Es wäre besser, "Sohn Gottes" als eine Art Titel zu betrachten. Auch Alexander der Große führte den Titel "Sohn des Zeus", obwohl jeder wusste, dass er nicht sprichwörtlich der Sohn des Donnergottes war. Der Titel sollte eher ausdrücken, dass er den Allmächtigen auf Erden repräsentierte, wie auch Jesus JHWH repräsentierte. Wie ein Sohn die Eigenschaften des Vaters erbt, so trägt Jesus die Eigenschaften von JHWH. Ein Sohn hat die gleichen Gene wie sein Vater, denkt ähnlich und sieht meistens ähnlich aus. Ich denke, in dieser Hinsicht soll uns das Bild von Vater und Sohn als Gleichnis dienen.

Unter der Voraussetzung, dass Jesus nicht der einzig wahre Gott JHWH ist, stellt sich die Frage: Was ist Jesus dann? Er müsste ein übermächtiges, geistiges Wesen sein, unabhängig von Raum und Zeit, größer als die Engel,[24] aber geringer als JHWH. Die Gemeinschaft der Zeugen Jehovas hat spekuliert, dass der Erzengel Michael, der stets für das Volk Israel kämpft,[25] in Wahrheit Jesus ist. Aber muss Jesus unbedingt klassifiziert und in ein System himmlischer Mächte eingeordnet werden? Ich denke, wir sollten Jesus genau so sehen, wie er sich uns vorgestellt hat: Nicht als Gott, sondern als Sohn Gottes. Nicht als Untergott, sondern als Abbild Gottes. Er wird sich bei der Bezeichnung "Sohn" schon etwas gedacht haben.

Ist Jesus "ein Gott" oder "göttlich"?

Im Prolog seines Evangeliums verwendet Johannes den abstrakten Begriff "Logos", der in der griechischen Philosophie als eine Art Vernunftsprinzip gesehen wird, aus dem alle Tätigkeit hervorgeht. Der Evangelist schreibt, wie der Logos von Gott kam und schließlich zu einem Menschen wurde, nämlich Jesus Christus. Im Deutschen wird der Logos mit "Wort" wiedergegeben:

"Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. Dieses war im Anfang bei Gott. Alles ist durch dasselbe entstanden; und ohne dasselbe ist auch nicht eines entstanden, was entstanden ist. [...] Und das Wort wurde Fleisch und wohnte unter uns ..."
– Evangelium nach Johannes, Kapitel 1,1-3ff (Schlachter-Übersetzung)

Da Jesus dieses "Wort" ist, könnte man in der Aussage "das Wort war Gott" einen Beweis dafür sehen, dass Jesus und JHWH der selbe Gott sind. Es gibt da nur ein grammatisches Problem: Im alten Koine-Griechisch gibt es keine unbestimmten Artikel. Fehlt der bestimmte Artikel vor einem Wort, kann deshalb in einer deutschen Übersetzung der unbestimmte Artikel eingefügt werden, wenn es der Kontext verlangt. Deshalb ist beispielsweise in der Bibelübersetzung "Neue Welt" (herausgegeben von Zeugen Jehovas) zu lesen: "das Wort war ein Gott." Das verändert die Aussage des Satzes erheblich. Um zu entscheiden, wie der Text wirklich gemeint ist, kommen wir an einer Wort-für-Wort-Übersetzung aus dem Griechischen nicht vorbei:

"En arche (im Anfang) en ho logos (war das Wort) kai ho logos (und das Wort) en pros ton theon (war bei dem Gott) kai theos en ho logos (und Gott war das Wort)."
– B. F. Westcott und F. J. A. Hort, "The New Testament in the Original Greek" (1881)

Im letzten Satzteil gibt es zwei Nominative: "logos" und "theos". Um zu unterscheiden, welches der beiden Nominative das Subjekt ist und welches das Prädikatsnomen, gibt es eine einfache Regel: Das Subjekt hat den bestimmten Artikel, das Prädikatsnomen nicht.[26] Da "logos" jedes Mal den Artikel vor sich hat, muss es das Subjekt sein und "theos" das Prädikatsnomen.

Auf dieser Grundlage hat im Jahr 1933 ein Mann namens Ernest Cadman Colwell (1901-1974) versucht, eine weitere griechische Grammatikregel zu etablieren. Er schlug vor, dass ein Prädikatsnomen einen bestimmten Artikel haben kann, wenn es dem Verb folgt, aber keinen Artikel hat, wenn es dem Verb vorausgeht,[27] was hier der Fall ist. Demnach sei "theos" ein bestimmter Nominativ, aber ohne Artikel, weil es auch ein Prädikatsnomen ist. Das spräche für die trinitarisch geprägte Übersetzungsweise "das Wort war [der] Gott". Allerdings hat Colwell eingestehen müssen, dass der Kontext Ausnahmen dieser Regel verlangen kann.

50 Jahre später nahm ein anderer Theologe, Philip B. Harner, darauf Bezug: "Colwell war die meiste Zeit mit der Frage beschäftigt, ob artikellose Prädikatsnomen nun bestimmt oder unbestimmt sind, aber er hat sich nicht ausführlich genug mit dem Problem ihrer qualitativen Bedeutung befasst."[28] Harner zeigt, dass ein artikelloses Prädikatsnomen, wenn es wie hier einem Verb vorausgeht, eine eindeutig qualitative Kraft hat, die bedeutender ist als seine Bestimmtheit oder Unbestimmtheit: "Ich glaube, dass in Johannes 1,1 die qualitative Bedeutung des Prädikats so dominant ist, dass man das Nomen nicht als bestimmt ansehen kann." Mit anderen Worten: Das ohne Artikel stehende "theos" ist eine qualitative Aussage, etwa "das Wort war [wie] Gott". Ich bin ebenfalls der Meinung, dass diese (nicht-trinitarische) Deutung den Kern der Sache am besten trifft.

Wenn nun "theos" eine qualitative Bezeichnung ist, könnte man auch auf die Idee kommen, "das Wort war göttlich" zu übersetzen. Aber das wäre zu schwach. Jesus ist nicht einfach nur "von göttlicher Art" wie die Engel. Er ist mehr. Der schottische Theologieprofessor William Barclay (1907-1978) stellte fest: "Als Johannes sagte, 'Das Wort war Gott' sagte er nicht, dass Jesus mit Gott identisch ist, sondern er sagte, dass Jesus in seinem Sinn und Herz so vollkommen gleich ist wie Gott, dass wir in Jesus perfekt sehen können, wie Gott ist."[29] Hätte Johannes sagen wollen, Jesus sei bloß "göttlich", hätte er wohl das griechische Wort dafür verwendet, nämlich "theios". Hat er aber nicht.

Wurde Jesus erschaffen?

Falls Jesus irgendwann von JHWH erschaffen worden ist, kann er nicht Teil einer Trinität sein. Wenn es eine Zeit gab, in der JHWH ohne Jesus existiert haben soll, dann war Gott in dieser Zeit kein dreieiniger Gott. Und da sich Gott nicht ändert,[30] wäre er es auch heute nicht. Also: Ist Jesus ein Geschöpf? Der Autor des Hebräerbriefes greift einen Vers aus dem Buch der Psalmen auf, in dem JHWH zu Jesus spricht:

"Du bist mein Sohn, heute habe ich dich gezeugt."
– Brief an die Hebräer, Kapitel 5,4+5; Zitat aus Psalm 2,7

Daraus könnte man schließen, dass Jesus zu einem bestimmten Zeitpunkt erschaffen wurde. Wahrscheinlicher ist aber, dass sich diese Aussage auf Jesu menschliches Dasein bezieht, also auf den Moment, in dem die Jungfrau Miriam vom Geist Gottes schwanger wurde und Jesus als Mensch gezeugt wurde.[31] Außerdem wird Jesus im Hebräerbrief nur zwei Kapitel später mit Melchisedek verglichen, einem alten Priesterkönig, von dem gesagt wird:

"Er ist ohne Vater, ohne Mutter, ohne Stammbaum und hat weder Anfang der Tage noch Ende des Lebens. So gleicht er dem Sohn Gottes und bleibt Priester in Ewigkeit."
– Brief an die Hebräer, Kapitel 7,3 (Luther-Übersetzung)

Es gibt noch eine zweite Aussage über Jesu Prä-Existenz, diesmal im Buch der Offenbarung. Hier wird er "der Anfang ("archē") der Schöpfung Gottes" genannt.[32] Nur was bedeutet das? Ist Jesus der Anfang im Sinne von "Ursprung", also dass er alles erschaffen hat? Oder meint "Anfang", dass Jesus das erste erschaffene Wesen ist? Wie wir im nächsten Abschnitt sehen werden, ist Jesus derjenige, durch den Gott alles erschaffen hat. Davon unabhängig ist die Frage, ob er trotzdem seinerseits von JHWH erschaffen wurde. Aber meines Erachtens können wir darüber keine sicheren Aussagen treffen, denn wir sind an Zeit gebunden, und Gott nicht. Gab es Zeit überhaupt, bevor das Universum erschaffen wurde? Denn wenn nicht, ist die Frage nach dem Zeitpunkt von Jesu Erschaffung völlig gegenstandslos. Dann ist er einfach der Sohn Gottes, Ende der Geschichte.

Die Sonne gab es nie ohne ihre Strahlen. Vom allerersten Moment ihrer Existenz hat sie gestrahlt. Einen Sonnenstrahl könnte man als "Sohn der Sonne" bezeichnen, aber das bedeutet nicht unbedingt, dass der Sonnenstrahl jünger ist als die Sonne selbst. Ich könnte mir vorstellen, dass in ähnlicher Weise seit aller Ewigkeit und bis in alle Ewigkeit der Sohn aus dem Vater hervorgeht.

Ist Jesus der Schöpfer?

War es Jesus, der das Universum erschaffen hat? Ja und nein. Allgemein gesprochen war es nicht Jesus, sondern sein Vater JHWH Elohim, der Allmächtige. Das macht er durch seinen Propheten Jesaja sehr deutlich:

"So spricht JHWH, dein Erlöser und der dich vom Mutterleib an gebildet hat: Ich, JHWH, bin es, der alles wirkt, der den Himmel ausspannte, ich allein, der die Erde ausbreitete – wer war da bei mir?"
– Prophet Jesaja, Kapitel 44,24 (Elberfelder Übersetzung mit Anpassung des Gottesnamens)

Die abschließende Frage Gottes scheint rhetorisch gemeint zu sein. Dennoch: War während der Schöpfung jemand bei ihm? Der Apostel Paulus schien sich ganz sicher zu sein, dass Jesus maßgeblich beteiligt war:

"Denn in ihm [d.h. Jesus] ist alles erschaffen worden, was im Himmel und was auf Erden ist, das Sichtbare und das Unsichtbare, seien es Throne oder Herrschaften oder Fürstentümer oder Gewalten: alles ist durch ihn und für ihn geschaffen; und er ist vor allem, und alles hat seinen Bestand in ihm."
– Brief des Paulus an die Kolosser, Kapitel 1,16+17

"Denn wenn es auch solche gibt, die Götter genannt werden, sei es im Himmel oder auf Erden – wie es ja wirklich viele 'Götter' und viele 'Herren' gibt –, so gibt es für uns doch nur einen Gott, den Vater, von dem alle Dinge sind und wir für ihn; und einen Herrn, Jesus Christus, durch den alle Dinge sind, und wir durch ihn."
– Brief des Paulus an die Korinther, Kapitel 8,5+6

Nach Paulus' Theologie gibt es nur einen Gott, JHWH, der die Urkraft aller Dinge ist und der die Schöpfung bewirkt hat. Aber die ausführende Gewalt, durch die das Universum erschaffen wurde, ist Jesus. Der Autor des Hebräerbriefs gibt dazu noch weitere Einblicke:

"Denn dieser [d.h. Jesus] ist größerer Ehre wertgeachtet worden als Mose, wie ja doch der, welcher ein Haus gebaut hat, mehr Ehre hat als das Haus selbst. Denn jedes Haus wird von jemand gebaut; der aber alles gebaut hat, ist Gott."
– Brief an die Hebräer, Kapitel 3,3+4

Hier wird der große jüdische Gesetzgeber Mose mit einem Haus gleichgesetzt und Jesus mit dem, der das Haus gebaut hat. Der Schreiber möchte wohl sagen, dass Jesus den Mose erschaffen hat, ergänzt aber sofort: Derjenige, der alle Dinge erschaffen hat, ist Gott. Daraus könnte man folgern, dass auch Jesus erschaffen wurde, aber das ist keine zwangsläufige Schlussfolgerung. Es ist wohl eher so gemeint, dass Gott die Quelle der schöpferischen Kraft ist, die er durch Jesus wirksam werden lässt. JHWH hat Jesus sozusagen die Macht verliehen, Leben zu erschaffen, wie schon der Apostel Johannes bemerkt:

"Denn wie der Vater das Leben in sich selbst hat, so hat er auch dem Sohn verliehen, das Leben in sich selbst zu haben."
– Evangelium nach Johannes, Kapitel 5,26

Und trotzdem sagt JHWH, er allein habe alles erschaffen. Der Vater sieht sich offenbar so eng mit dem Sohn verbunden, dass er ihn nicht als einen "anderen" bezeichnet. Aber das bedeutet nicht, dass die beiden der selbe Gott sind. Da JHWH das Universum durch Jesus erschaffen hat, könnte man Jesus als Gottes Werkzeug bezeichnen. Wenn jemand ein Haus baut, wird er auch sagen, er allein habe das Haus gebaut, obwohl er natürlich Werkzeug dafür verwendet hat. Aber der Baumeister ist dadurch nicht das Werkzeug.

In den Sprüchen Salomos, einem Meisterstück hebräischer Literatur, lesen wir von der personifizierten Weisheit, die von sich selbst berichtet, wie sie dabei war, als Gott die Welt erschaffen hat. Vieles, was die Weisheit von sich sagt, beanspruchte auch Jesus von sich. Viele Bibelausleger sehen deshalb in der Weisheit Jesus selbst, bevor er Mensch wurde. Wenn das zutrifft, bezeichnet sich Jesus selbst als "Werkmeister" Gottes:

"Ruft nicht die Weisheit laut, und läßt nicht die Einsicht ihre Stimme vernehmen? [...] Der Herr besaß mich am Anfang seines Weges, ehe er etwas machte, vor aller Zeit. Ich war eingesetzt von Ewigkeit her, vor dem Anfang, vor den Ursprüngen der Erde. Als noch keine Fluten waren, wurde ich geboren, als die wasserreichen Quellen noch nicht flossen. Ehe die Berge eingesenkt wurden, vor den Hügeln wurde ich geboren. [...] Als er den Himmel gründete, war ich dabei; als er einen Kreis abmaß auf der Oberfläche der Meerestiefe, als er die Wolken droben befestigte und Festigkeit gab den Quellen der Meerestiefe; [...] da war ich Werkmeister bei ihm, war Tag für Tag seine Wonne und freute mich vor seinem Angesicht allezeit; [...] Und nun, ihr Söhne, hört auf mich! Wohl denen, die meine Wege bewahren! [...] Denn wer mich findet, der findet das Leben und erlangt Wohlgefallen von dem Herrn; ..."
– Die Sprüche Salomos, Kapitel 8,1-35 (Schlachter-Übersetzung)

Ich bin, der ich bin

Als Mose einst zum Berg Sinai (anderer Name: Horeb) kam, erschien ihm dort der Allmächtige in einem brennenden Dornbusch und befahl ihm, beim Pharao in Ägypten die Freilassung des israelitischen Volkes einzufordern. Mose sah sich dieser Aufgabe verständlicherweise nicht gewachsen und befürchtete, man würde nicht auf ihn hören. Deshalb wollte er wissen, wie der Name Gottes lautet, damit er sich auf eine Autorität berufen könnte:

"Gott sprach zu Mose: 'Ich bin, der ich bin!' Und er sprach: So sollst du zu den Kindern Israels sagen: 'Ich bin', der hat mich zu euch gesandt."
– Exodus (2. Buch Mose), Kapitel 3,14 (Schlachter-Übersetzung)

Der brennende Dornbusch im Film "Exodus: Gods and Kings" von Ridley ScottDer brennende Dornbusch im Film "Exodus: Gods and Kings" von Ridley Scott

Dieser ungewöhnliche Name verrät einiges über den Charakter Gottes. In der hebräischen Bibel lautet Gottes Antwort "'ehjeh 'asher 'ehjeh" (‫אהיה אשר אהיה‬‎). Diese hebräische Verbform lässt sich sowohl im Präsens als auch im Futur übersetzen, also entweder "ich bin, der ich bin" oder "Ich werde sein, der ich sein werde". Die Grundform des Verbs ‏‫היה‬‎ (HJH – "hajah") bedeutet "geschehen", "veranlassen" oder "da sein" und ist eng verwandt mit der Verbwurzel ‏‫הוה‬‎ (HWH – "hawah"), was so viel bedeutet wie "sein" oder "werden". Genau daher stammt der Gottesname ‏‫הוה‬‎‫י‬ (JHWH – "jahwah", die richtige Aussprache ist unklar). Viel wurde spekuliert über die Bedeutung dieses geheimnisvollen Namens. Ich betrachte ihn als Beschreibung der göttlichen Wesensart: Er ist die einzige Instanz, die von nichts anderem abhängig ist und nur durch sich selbst definiert wird. Es gibt keinen Maßstab, an dem man JHWH messen könnte, denn er ist der Maßstab. Er ist, wer er ist.

Sollte sich Jesus mit diesem Namen ("ich bin") vorstellen, würde er sich damit als JHWH zu erkennen geben. Tastächlich gibt es zwei Begebenheiten, aus denen man das schließen könnte. In beiden Fällen sagte Jesus während einer Diskussion mit den jüdischen Schriftgelehrten:

"Abraham, euer Vater, frohlockte, dass er meinen Tag sehen sollte; und er sah ihn und freute sich. Da sprachen die Juden zu ihm: Du bist noch nicht 50 Jahre alt und hast Abraham gesehen? Jesus sprach zu ihnen: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Ehe Abraham war, bin ich!"
– Evangelium nach Johannes, Kapitel 8,56-58

"Wieder fragte ihn der Hohepriester und sagte zu ihm: Bist du der Christus, der Sohn des Hochgelobten? Jesus aber sprach: Ich bin's. Und ihr werdet den Sohn des Menschen sitzen sehen zur Rechten der Macht und kommen mit den Wolken des Himmels! Da zerriss der Hohepriester seine Kleider und sagte: Was brauchen wir weitere Zeugen? Ihr habt die Lästerung gehört. [...]"
– Evangelium nach Markus, Kapitel 14,61-64

In deutschen Übersetzungen klingt das einleuchtend. Es gibt nur ein Problem: Gott hat sich Mose in hebräischer Sprache vorgestellt, Jesus sprach aber vermutlich aramäisch – und seine Aussage ist uns auf griechisch überliefert. Anstelle "ich bin" sagt Jesus im griechischen Text beide Male "egō eimi". Wenn er den Gottesnamen auf sich beziehen wollte, hätte er das mit dem hebräischen "'ehjeh'" tun müssen. Wir wissen aber nicht, was er tatsächlich sagte. Um nicht spekulativen Interpretationen zu verfallen, wäre es daher am einfachsten, Jesu Aussagen ganz oberflächlich zu verstehen: "Ehe Abraham war, bin ich schon gewesen". Für die engstirnigen Pharisäer wäre das Grund genug gewesen, Jesus umzubringen, auch ohne Verwendung des Gottesnamens.

Wer darf Sünden vergeben?

Es begab sich eines Tages, dass vier Männer einen Gelähmten vor Jesus brachten und für ihn um Heilung baten. Dann geschah folgendes:

"Als er [d.h. Jesus] ihren Glauben sah, sprach er zu ihm [dem Gelähmten]: Mensch, deine Sünden sind dir vergeben! Und die Schriftgelehrten und Pharisäer fingen an, sich Gedanken zu machen, und sprachen: Wer ist dieser, der solche Lästerungen ausspricht? Wer kann Sünden vergeben als nur Gott allein?"
– Evangelium nach Lukas, Kapitel 5,20+21

Die umstehenden jüdischen Theologen hatten im Grunde völlig recht: Nur Gott kann Sünden vergeben. Deshalb, so wird häufig argumentiert, muss Jesus der eine Gott sein. Das ist aber eine zu schnelle Folgerung, denn die Geschichte geht noch weiter:

"Damit ihr aber wisst, dass der Sohn des Menschen [d.h. Jesus] Vollmacht hat, auf Erden Sünden zu vergeben – sprach er zu dem Gelähmten: Ich sage dir, steh auf, nimm deine Liegematte und geh heim! Und sofort stand er auf vor ihren Augen, nahm sein Lager, ging heim und pries Gott."
– Evangelium nach Lukas, Kapitel 5,24+25

Jesus stellt klar, dass er von JHWH die Macht bekommen hat, Sünden zu vergeben. Er wird aber dadurch nicht JHWH. Außerdem gab Jesus diese Vollmacht sogar weiter an seine engsten Jünger. Auch die werden dadurch nicht Jesus:

"Da sprach Jesus wiederum zu ihnen: Friede sei mit euch! Gleichwie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch. Und nachdem er das gesagt hatte, hauchte er sie an und sprach zu ihnen: Empfangt heiligen Geist! Welchen ihr die Sünden vergebt, denen sind sie vergeben; welchen ihr sie behaltet, denen sind sie behalten."
– Evangelium nach Johannes, Kapitel 20,23

Ich lese aus diesem Vers übrigens nicht heraus, jeder Christ dürfe nach eigenem Ermessen Sünden vergeben, wie es der Papst scheinbar tut. Jesus sagte unmissverständlich, dass die Vergebung der Sünden einzig davon abhängt, ihn als Erlöser anzuerkennen (siehe ganz oben). Nach meinem Verständnis können Christen anderen Menschen (durch Gottes Geist!) diese Vergebung nur zusprechen, weil sie das Kriterium für die Sündenvergebung kennen. Sie haben also nur die Autorität zu erklären, was Gott im Himmel bestimmt, aber sie haben selbst keinen Einfluss darauf.

Dein Thron ist Gott

Im ersten Kapitel des Hebräerbriefs wird argumentiert, warum Jesus größer ist als die Engel. Das Ergebnis ist leider etwas kompliziert, aber im Endeffekt geht daraus hervor, dass JHWH Jesus zwei Mal mit "Gott" anspricht:

Von den Engeln zwar sagt er [JHWH]: 'Er macht seine Engel zu Winden und seine Diener zu Feuerflammen'; aber von dem Sohn: 'Dein Thron, o Gott, währt von Ewigkeit zu Ewigkeit. [...] Du hast Gerechtigkeit geliebt und Gesetzlosigkeit gehasst; darum hat dich, o Gott, dein Gott gesalbt mit Freudenöl, mehr als deine Gefährten!'"
– Brief an die Hebräer, Kapitel 1,7-9 (Schlachter-Übersetzung)

Schauen wir uns das ganze mal im griechischen Text an. Dort steht im ersten Satzteil wörtlich übersetzt: "ho thronos sou ho theos" ("der Thron dein der Gott"). Da im antiken Griechisch sprichwörtlich ohne Punkt und Komma geschrieben wurde, kann man auch legitim übersetzen: "Dein Thron ist (von) Gott". Auch der zweite Satzteil darf aufgrund der fehlenden Interpunktion alternativ wiedergegeben werden: "Darum hat dich Gott, dein Gott, gesalbt". Mit dieser Übersetzung wird Jesus nicht mehr Gott genannt. Da aber beide Übersetzungsmöglichkeiten absolut möglich sind, wäre jede darauf aufgebaute Argumentation sehr unsicher und angreifbar.

Viel wichtiger ist folgendes: Der Text ist eigentlich ein Zitat aus dem Buch der Psalmen; dort ist es ein Liebeslied für einen unbekannten König, vielleicht Salomo. Zwar hat der Verfasser des Hebräerbriefs aus der Septuaginta zitiert, der griechischen Übersetzung des Alten Testaments, aber der Original-Psalm ist hebräisch. Um ein besseres Gefühl für diese Sprache zu bekommen, möchte ich das hebräische Wort für "Gott", nämlich "Elohim", einmal unübersetzt lassen:

"Dein Thron, o Elohim, bleibt immer und ewig; [...] Du liebst die Gerechtigkeit und hasst die Gesetzlosigkeit, darum hat dich, o Elohim, dein Elohim gesalbt mit Freudenöl, mehr als deine Gefährten."
– Psalm 45,7+8 (Schlachter-Übersetzung mit Anpassung des Gottestitels)

Der Plural "Elohim" (eigentlich: ("Götter") wird in der hebräischen Bibel auf mindestens drei verschiedene Weisen verwendet. Üblicherweise bezeichnet es den allmächtigen Gott JHWH, aber es kann auch als "Artenbezeichnung" gebraucht werden. Das bedeutet, manche Personen sind von ihrerm Wesen her Mensch und andere Elohim, also "Gott" oder "göttlich". Beispielsweise heißt es in Psalm 8,6: "Du hast ihn [den Menschen] ein wenig niedriger gemacht als Elohim", und der Autor des Hebräerbriefs stellt fest, dass damit Engel gemeint sind.[33] Obendrein wird in Psalm 82,1 berichtet, wie der eine Elohim (JHWH) in der Versammlung der Mächtigen über andere Elohim richtet.

Als dritte Möglichkeit kann Elohim auch noch ein Titel sein, wie etwa "König" oder "Chef". Als Mose sich aus Furcht weigerte, in JHWH's Auftrag zum Volk Israel zu sprechen, sandte Gott ihm seinen Bruder Aaron als Unterstützung mit. Zu Mose sagte JHWH: "Er [d.h. Aaron] soll für dich zum Volk reden, so wird er dein Mund sein, und du sollst für ihn Elohim sein."[34] In vielen deutschen Übersetzungen steht hier, dass Mose für Aaron "an Gottes Stelle" oder ein "Gotteswerkzeug" sein soll. Jedenfalls definiert das Wort nur das Verhältnis zwischen Mose und Aaron, aber Mose wird dadurch nicht Gott.

Sehr wahrscheinlich wird Elohim im obigen Psalm 45 als Titel verwendet: Für die Psalmschreiber ist der König ein Elohim, aber für den König ist Gott ein (bzw. der) Elohim. Die Söhne Korahs, von denen der Psalm stammt, waren Juden und damit strenge Monotheisten. Sie werden den König, für den das Lied gedacht war, kaum als "Gott" im Sinne des Schöpfers bezeichnet haben. Der gesamte Psalm handelt vom König. Aus Vers 3 geht hervor, dass der König von Elohim gesegnet wurde, das heißt der König und der wirkliche Gott werden klar unterschieden. Es wäre ein seltsamer Stilbruch, wenn sich die Verse 7+8 plötzlich nicht mehr auf den König beziehen würden, sondern auf JHWH. Der Schreiber des Hebräerbriefs identifiziert den unbekannten König mit Jesus, aber es ist unwahrscheinlich, dass er Jesus für den einzig wahren Gott hielt. Er setzt alles daran zu beweisen, dass Jesus höher ist als die Engel. Hätte er Jesus mit JHWH gleichgesetzt, wäre das gar keine Frage und er hätte sich die ganze Argumentation sparen können.

Übrigens: Manchmal wird argumentiert, dass die Verwendung der Pluralform "Elohim" auf eine Trinität hinweist, denn normalerweise würde man den Singular "Eloah" erwarten. Die meisten Theologen sind sich aber darin einig, dass die Mehrzahl viel besser als Ausdruck der Heiligkeit und Würde Gottes (Pluralis Majestatis) verstanden werden kann, wie wir zum Beispiel "eure Exzellenz" sagen.

Vater der Ewigkeit

Die alten Propheten Israels haben mit Gottes Hilfe erstaunliche Dinge über Jesus, den Gesalbten Gottes, vorhergesagt. Einer dieser so genannten messianischen Verse beschreibt die Geburt des Erlösers:

"Denn ein Kind ist uns geboren, ein Sohn uns gegeben, und die Herrschaft ruht auf seiner Schulter; und man nennt seinen Namen: Wunderbarer Ratgeber, starker Gott, Vater der Ewigkeit, Fürst des Friedens."
– Prophet Jesaja, Kapitel 9,5 (Elberfelder Übersetzung)

Möchte Jesaja sagen, dass der Messias der starke Gott JHWH ist? Ich denke nicht. Ein Blick auf den hebräischen Text zeigt, dass hier noch nicht einmal das Wort "Elohim" verwendet wird, sondern da steht "el-gibbor" (‪)‬אל גבור. Martin Luther hat deshalb wörtlich übersetzt, nämlich "Gott-Held". Das wäre im Sinne von "göttlicher Held" oder "Held Gottes" zu verstehen. Etwas Ähnliches gilt auch für den Ausdruck "Vater der Ewigkeit". Luther gibt das hebräische Wort "avi'ad" ‪)‬אביעד‪(‬ mit "Ewig-Vater" wieder, die Einheitsübersetzung schreibt "Vater in Ewigkeit" und im Targum zu Jesaja (einer antiken Übersetzung in das Aramäische) steht leicht interpretativ "der Ewiglebende".[35] Das Wort "Vater" deutet hier jedenfalls nicht an, dass Jesus auch der Vater in der Dreieinigkeit ist, sondern meiner Meinung nach drückt es nur seine Souveränität über die Zeit aus.

Weitere Unklarheiten der Übersetzung

Es gibt noch (mindestens) fünf weitere Verse, die gerne als Beweis für die Dreieinigkeit zitiert werden. Aber alle können auch anders verstanden werden, wenn man die fehlenden Satzzeichen im Griechischen berücksichtigt und die Manuskript-Überlieferung genau prüft. In der Schlachter-Übersetzung wird sogar in Fußnoten darauf hingewiesen. Ich werde der Reihe nach kurz auf jeden Vers eingehen:

"Simon Petrus, Knecht und Apostel Jesu Christi, an die, welche den gleichen kostbaren Glauben wie wir empfangen haben an die Gerechtigkeit unseres Gottes und Retters Jesus Christus ..."
– 2. Brief des Petrus, Kapitel 1,1 (Schlachter-Übersetzung)

In diesem Grußwort des Petrus ist nicht klar, ob "Gott" ein eigenständiges Objekt ist, oder ob es sich gemeinsam mit "Retter" auf Jesus bezieht. Eine alternative Übersetzung lautet deshalb: "Die Gerechtigkeit unseres Gottes und des Retters Jesus Christus."

Der nächste Vers stammt von Paulus:

"... indem wir die glückselige Hoffnung erwarten und die Erscheinung der Herrlichkeit des großen Gottes und unseres Retters Jesus Christus, ..."
– Brief des Paulus an Titus, Kapitel 2,13 (Schlachter-Übersetzung)

Hier besteht genau das gleiche Problem, nur in umgekehrter Weise. Eine alternative Übersetzung nach trinitarischer Sicht wäre deshalb: "Die Herrlichkeit unseres großen Gottes und Retters Jesus Christus." Es folgt ein weiteres Zitat von Paulus:

"Ihnen [den Israeliten] gehören auch die Väter an, und von ihnen stammt dem Fleisch nach der Christus, der über alle ist, hochgelobter Gott in Ewigkeit. Amen!"
– Brief des Paulus an die Römer, Kapitel 9,5 (Schlachter-Übersetzung)

Der Schlussteil "hochgelobter Gott" könnte als Gebet an JHWH gerichtet sein, kann sich aber auch auf Christus beziehen. Eine alternative Übersetzung wäre: "Christus, der Gott über alles ist, gepriesen in Ewigkeit."

Als Letztes soll noch der Apostel Johannes zur Sprache kommen:

"Denn drei sind es, die Zeugnis ablegen im Himmel: der Vater, das Wort und der Heilige Geist, und diese drei sind eins; und drei sind es, die Zeugnis ablegen auf der Erde: der Geist und das Wasser und das Blut, und die drei stimmen überein."
– 1. Brief des Johannes, Kapitel 5,7+8 (Schlachter-Übersetzung)

In diesem Vers nennt Johannes drei Dinge, die von Jesus Zeugnis ablegen: Geist, Wasser und Blut. Der komplette fettgedruckte Teil, das so genannte "Comma Johanneum", ist in allen alten Bibel-Manuskripten nicht enthalten. Die frühesten Dokumente mit diesem Einschub stammen erst aus dem 4. Jahrhundert. In den meisten deutschen Bibelübersetzungen ist dieser Zusatz deshalb nicht enthalten, eine Ausnahme bildet nur die "Schlachter 2000" und die Lutherbibel aus dem Jahr 1998. Womöglich wurde der Text erst hinzugefügt, als die Trinitätslehre schon etabliert war und ist damit völlig wertlos für die Argumentation.

Es folgt noch ein Bekenntnis aus dem selben Johannesbrief:

"Wir wissen aber, dass der Sohn Gottes gekommen ist und uns Verständnis gegeben hat, damit wir den Wahrhaftigen erkennen. Und wir sind in dem Wahrhaftigen, in seinem Sohn Jesus Christus. Dieser ist der wahrhaftige Gott und das ewige Leben."
– 1. Brief des Johannes, Kapitel 5,20 (Schlachter-Übersetzung)

Es wird zuerst unterschieden zwischen dem "Wahrhaftigen" und dem "Sohn Jesus Christus". Auf welchen der beiden sich der Schlusssatz bezieht ("dieser") ist nicht eindeutig.

Gott gleich sein

Kommen wir noch einmal auf Johannes zu sprechen. Der Evangelist gibt weitere Einblicke in die mysteriöse Beziehung zwischen JHWH und Jesus:

"Darum suchten die Juden nun noch mehr, ihn zu töten, weil er nicht nur den Sabbat brach, sondern auch Gott seinen eigenen Vater nannte, womit er sich selbst Gott gleich machte. Da antwortete Jesus und sprach zu ihnen: Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Der Sohn kann nichts von sich selbst aus tun, sondern nur, was er den Vater tun sieht; denn was dieser tut, das tut gleicherweise auch der Sohn. [...] Wer den Sohn nicht ehrt, der ehrt den Vater nicht, der ihn gesandt hat."
– Evangelium nach Johannes, Kapitel 5,18+19+23

Johannes erklärt, dass sich Jesus wirklich Gott gleich macht, indem er ihn seinen Vater nennt. Jesus hat die Vollmacht, Leben zu erschaffen, Sünden zu vergeben, in Gottes Namen zu sprechen und sogar Gericht über die Welt zu halten.[36] JHWH vollzieht all sein Schaffen, Erlösen, Offenbaren und Richten durch Jesus. Der Sohn unterwirft seinen Willen dem des Vaters so bedingungslos, dass er nur in dessen Sinn handelt. Man kann mit Recht sagen, dass Vater und Sohn gleich sind. Aber das bedeutet nicht, dass sie die selben sind. In ähnlicher Weise versichert auch Paulus:

"Denn ihr sollt so gesinnt sein, wie es Christus Jesus auch war, der, als er in der Gestalt Gottes war, es nicht wie einen Raub festhielt, Gott gleich zu sein; sondern er entäußerte sich selbst, nahm die Gestalt eines Knechtes an und wurde wie die Menschen [...]"
– Brief des Paulus an die Philipper, Kapitel 2,6+7 (Schlachter-Übersetzung)

Bevor Jesus als Mensch geboren wurde, existierte er in der "Gestalt Gottes" oder "göttlicher Gestalt" (griechisch "morphē Theou"). Man könnte sagen, er war aus dem selben "Stoff", aus dem auch Gott ist. Das entspricht im Prinzip der Verwendung des Wortes "Elohim" als Beschreibung einer Wesensart, aber es muss keine bestimmte Person bezeichnen. Paulus fährt fort und bestätigt, dass Jesus Gott gleich war, aber dass er daran nicht wie ein Räuber an seiner Beute festhielt – sondern freiwillig darauf verzichtete und zu einem Menschen wurde. Dazu muss gesagt werden, dass die Formulierung "wie einen Raub festhalten" eine etwas wackelige Übersetzung des griechischen Wortes "harpagmon" ist. Die Grundbedeutung des Wortes ist "etwas ergreifen" oder "an sich reißen". Deshalb könnte es auch so verstanden werden, dass Jesus trotz seiner göttlichen Gestalt eben nicht gottgleich war, und auch nicht auf die Idee kam, aus Gier die Gottgleichheit an sich zu reißen. Die Neue-Welt-Übersetzung der Zeugen Jehovas enthält diesen Gedanken, aber nach meinem Verständnis widerspricht es dem obigen Zitat des Johannes, der auf Jesu Gottgleichheit beharrt.

Auf dass sie alle eins seien

Jesus erklärt im Kapitel 10 des Johannes-Evangeliums: "Ich und der Vater sind eins."[37] Man könnte das zwar auf die "Einheit des Willens" reduzieren, aber vielleicht meinte er auch mehr. In jedem Fall muss seine Äußerung im Kontext dessen betrachtet werden, was er sieben Kapitel später sagte:

"Ich bitte aber nicht für diese [d.h. seine Nachfolger] allein, sondern auch für die, welche durch ihr Wort an mich glauben werden, auf dass sie alle eins seien, gleichwie du, Vater, in mir und ich in dir; auf dass auch sie in uns eins seien, damit die Welt glaube, dass du mich gesandt hast."
– Evangelium nach Johannes, Kapitel 17,20+21

Demnach sind nicht nur Jesus und JHWH "eins", sondern Jesus bittet darum, dass alle, die an ihn glauben, Teil dieser Einheit werden. Wer das Zitat in Kapitel 10 als Beweis für die Dreieinigkeit sieht, muss aus Kapitel 17 folgern, dass alle Menschen Teil der Dreieinigkeit werden sollen. Das mag befremdlich klingen, aber deutet nicht Paulus etwas Ähnliches an, als er über die Auferstehung der Toten sprach? Man höre und staune:

"… Dann wird auch der Sohn selbst sich dem unterwerfen, der ihm alles unterworfen hat, damit Gott alles in allen sei."
– 1. Brief des Paulus an die Korinther, Kapitel 15,28

Vielleicht ist unser Versuch, Gott in Personen "einzuteilen", grundsätzlich der falsche Ansatz. Menschen neigen dazu, alles in "Dinge" aufzugliedern, um die Zusammenhänge der Welt besser verstehen zu können. Aber diese Einteilung ist nur Theorie. Die Wirklichkeit sieht vielleicht ganz anders aus. Womöglich werden die Mächte der himmlischen Sphären gar nicht (oder nicht ständig) in dieser Weise voneinander getrennt. Aber wir können es schlicht und ergreifend nicht wissen.

Mein Gott, warum hast du mich verlassen?

Jesus wusste, dass die Konfrontation mit den jüdischen Gelehrten zu seinem Tod durch Kreuzigung führen würde, und dass er diesen "Kelch des Leids" vollständig würde leeren müssen. Als seine Zeit gekommen war, zog er sich mit seinen engsten Vertrauten zurück in einen abgelegenen Garten namens Gethsemane und betete zu seinem Vater JHWH:

"Vater, wenn du willst, nimm diesen Kelch von mir weg – doch nicht mein Wille, sondern der deine geschehe!"
– Evangelium nach Lukas, Kapitel 22,42

Der Sohn hat seinen Willen dem des Vaters vorbehaltlos unterworfen. Das ist der Grund, warum wir in Jesus exakt das Handeln des Vaters sehen können. Dieses Gebet zeigt jedoch auch, dass Jesus einen eigenen Willen zu haben scheint. Jesus hat außerdem nicht das umfassende Wissen des Vaters. Das gibt er selbst zu, als seine Jünger ihn nach dem Ende der Welt fragten:

"Um jenen Tag aber und die Stunde weiß niemand, auch die Engel im Himmel nicht, auch nicht der Sohn, sondern nur der Vater."
– Evangelium nach Markus, Kapitel 13,32

Wenn nun Vater und Sohn einen unterschiedlichen Willen und ein unterschiedliches Wissen haben, kann man sie dann wirklich als ein Wesen bezeichnen? Aber es kommt noch paradoxer. Die Evangelisten sind sich darin einig, dass Jesus "zur neunten Stunde" (gegen 15 Uhr) am Kreuz starb. Seine letzten Worte sind ein Hauptgrund dafür, dass ich mit dieser Abhandlung die Relevanz (nicht die Richtigkeit) der Trinitätslehre in Frage stelle. Markus, der Begleiter des Petrus, überliefert uns folgendes:

"Um die neunte Stunde rief Jesus mit lauter Stimme und sprach: Eloi, Eloi, lama sabachthani? Das heißt übersetzt: 'Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?'"
– Evangelium nach Markus, Kapitel 15,34

Dieser letzte Ausruf Jesu ist mit der Prämisse, dass er mit JHWH eines Wesens ist, kaum zu verstehen. Das gilt natürlich auch für alle anderen Situationen, in denen Jesus zu seinem Vater betete, denn er wird wohl kaum Selbstgespräche führen. Aber da Jesus an dieser besonders verwirrenden Stelle sogar von JHWH verlassen wurde, möchte ich daran repräsentativ die Problematik behandeln.

Jesus trägt das Kreuz (c) The Bible Miniseries, Mark Burnett & Roma DowneyJesus trägt das Kreuz (c) The Bible Miniseries, Mark Burnett & Roma Downey

Natürlich kann sich ein Wesen nicht selbst verlassen, aber eine Person kann eine andere verlassen. Wenn die Gottheit zwei oder mehr Personen ist, wäre es zwar denkbar, dass sie irgendwie innerlich "zerrissen" wurde, aber tun wir uns nicht ehrlicherweise schwer mit dem Gedanken? Noch unerträglicher ist folgende Überlegung: Wenn Jesus der wahre Gott ist, sollte dann Gott, also auch der Vater, am Kreuz gestorben sein? (Diese extreme Sicht nennt man Modalismus.) Es wäre einfacher, Jesu Todesschrei so zu verstehen, dass er von der wirksamwerdenden Kraft seines Vaters verlassen wurde, also von dem Geist, der ihn seit seiner Taufe erfüllt hatte. Das passt zum Bericht des Lukas, dem Begleiter des Paulus, der an einen weiteren letzten Satz Jesu erinnert, und zwar exakt zum Todeszeitpunkt:

"Es war aber um die sechste Stunde, und eine Finsternis kam über das ganze Land bis zur neunten Stunde. [...] Und Jesus rief mit lauter Stimme und sprach: Vater, in deine Hände befehle ich meinen Geist! Und als er das gesagt hatte, verschied er."
– Evangelium nach Lukas, Kapitel 23,44+46

Die einzige Schwierigkeit dieser Auslegung besteht darin, dass Jesus von seinem Geist sprach. Vielleicht nannte er Gottes Geist so, weil der eben in Jesus wirkte. Er könnte aber auch seine eigene, nicht-fleischliche Existenz gemeint haben, die er zurück in die Himmelswelt befahl. In jedem Fall sind Jesu Tod und seine Gebete zum Vater ohne das Paradigma der Trinität sehr viel leichter zu erklären.

Wer ist das Alpha und das Omega?

Gott der Allmächtige hat viele Titel, einer davon lautet "der Erste und der Letzte". Damit hat er sich schon im ersten Teil der Bibel selbst vorgestellt:

"Höre auf mich, Jakob, und du, Israel, mein Berufener! Ich bin es, ich bin der Erste, und ich bin auch der Letzte!"
– Prophet Jesaja, Kapitel 48,12 (Schlachter-Übersetzung)

Die Eigenbezeichnung Gottes wird von keinem Kontext eingeschränkt. Er ist ganz allgemein der Erste und der Letzte, nicht nur in Bezug auf irgendein Ereignis. Nach meinem Verständnis kann es auch nur einen geben, der Erster oder Letzter ist. Wenn zwei Menschen von sich behaupten, sie seien der Erste, geht man normalerweise davon aus, dass einer von beiden lügt. In diesem Fall möchte ich das ausschließen, denn es ist Jesus, der ebenfalls von sich behauptet, Erster und Letzter zu sein. Wie wir wissen, ist Jesus nicht tot geblieben. Er kehrte zurück von den Toten und stieg auf in den Himmel. Einige Jahrzehnte später hatte der greise Apostel Johannes eine Vision, in der er den Auferstandenen erblickte:

"Und ich wandte mich um, die Stimme zu sehen, die mit mir redete, und als ich mich umwandte, sah ich sieben goldene Leuchter, und inmitten der Leuchter einen, gleich einem Menschensohn, bekleidet mit einem bis zu den Füßen reichenden Gewand, [...] und seine Augen wie eine Feuerflamme, [...] Und als ich ihn sah, fiel ich zu seinen Füßen wie tot. Und er legte seine Rechte auf mich und sprach: Fürchte dich nicht! Ich bin der Erste und der Letzte und der Lebendige, und ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit und habe die Schlüssel des Todes und des Hades."
– Die Offenbarung nach Johannes, Kapitel 1,12-18 (Elberfelder Übersetzung)

Der Gottessohn erscheint hier in all seiner Macht und Herrlichkeit. Da er sich selbst als Erster und Letzter betitelt, könnte man folgern, dass er sich als der einzig wahre Gott zu erkennen gibt. Natürlich gibt es auch hier ein Gegenargument: Jesu Selbstbezeichnung ist von einem Kontext eingeschränkt, nämlich von der Auferstehung aus dem Tod. Man kann seine Aussage auch so verstehen, dass er nicht allgemein der Erste und der Letzte ist, sondern nur der Erste und der Letzte, der von JHWH zum Leben erweckt wurde. Alle anderen Menschen wurden und werden von Jesus zum Leben erweckt, da er die Vollmacht dazu erhalten hat.[38] Außerdem, so die Überlegung, verwendet Jesus nicht den Titel JHWH's für sich, sondern eine eigene, erweiterte Variante: "Der Erste und der Letzte und der Lebendige." Ein Kapitel später stellt sich Jesus noch einmal als Erster und Letzter vor, und zwar wieder im Zusammenhang mit seinem Tod und der Auferstehung. Die Interpretation ist also nicht ganz aus der Luft gegriffen:

"Dies sagt der Erste und der Letzte, der tot war und wieder lebendig wurde: ..."
– Die Offenbarung nach Johannes, Kapitel 2,8 (Elberfelder Übersetzung)

Interessanterweise gibt es noch eine alternative Ausdrucksweise des Gottestitels, die nur im Buch der Offenbarung verwendet wird: "Alpha und Omega", also der erste und letzte Buchstabe des griechischen Alphabets. JHWH Elohim bekundet:

Ich bin das Alpha und das Omega, spricht der Herr, Gott, der ist und der war und der kommt, der Allmächtige.
– Die Offenbarung nach Johannes, Kapitel 1,8 (Elberfelder Übersetzung)

Und der, welcher auf dem Thron saß, sprach: Siehe, ich mache alles neu. [...] Ich bin das Alpha und das Omega, der Anfang und das Ende. Ich will dem Dürstenden aus der Quelle des Wassers des Lebens geben umsonst. Wer überwindet, wird dies erben, und ich werde ihm Gott sein, und er wird mir Sohn sein."
– Die Offenbarung nach Johannes, Kapitel 21,5-7(Elberfelder Übersetzung)

Wiederum gilt: Sollte Jesus sich als Alpha und Omega bezeichnen, dann sagt er damit auf jeden Fall, dass er genau so ewig ist wie JHWH, und man könnte mit Recht folgern, dass er der wahre Gott ist. Tatsächlich gibt es eine Textstelle im allerletzten Kapitel der Bibel, in der Jesus das scheinbar tut. Das Problem an diesem und einigen anderen Versen der Offenbarung ist, dass nicht immer klar ist, wer gerade spricht. Die Sprecher wechseln häufig fließend und ohne Vorwarnung, außerdem ist die Offenbarung eine Botschaft über drei Ecken: Von JHWH oder Jesus über einen Engel zu Johannes. Ich zitiere mit Versangaben in Klammern:

"(8) Und ich, Johannes, bin der, welcher diese Dinge hörte und sah; und als ich sie hörte und sah, fiel ich nieder, um anzubeten vor den Füßen des Engels, der mir diese Dinge zeigte. (9) Und er spricht zu mir: Siehe zu, tu es nicht! Ich bin dein Mitknecht und der deiner Brüder, der Propheten, und derer, welche die Worte dieses Buches bewahren. Bete Gott an! (10) Und er spricht zu mir: Versiegle nicht die Worte der Weissagung dieses Buches! Denn die Zeit ist nahe. [...] (12) Siehe, ich komme bald und mein Lohn mit mir, um einem jeden zu vergelten, wie sein Werk ist. (13) Ich bin das Alpha und das Omega, der Erste und der Letzte, der Anfang und das Ende. [...] (16) Ich, Jesus, habe meinen Engel gesandt, euch diese Dinge für die Gemeinden zu bezeugen. [...]"
– Die Offenbarung nach Johannes, Kapitel 22,8-16 (Elberfelder Übersetzung)

Also, wer redet wann? Die Einleitenden Worte des Engels werden unterbrochen von der Bemerkung "und er spricht zu mir". Wir können ahnen, dass hier ein Wechsel stattfindet von den eigenen Worten des Engels zu der Nachricht, die er überbringt. In dieser Botschaft bezeichnet sich der Sprecher als Alpha und Omega und kündigt an, bald mit seinem Lohn zu kommen, um "einem jeden zu vergelten, wie sein Werk ist." Trifft das auf JHWH oder Jesus zu? Schwer zu sagen. Zunächst einmal ist das Gericht über die Welt selbstverständlich Angelegenheit des Höchsten: "Es sollen jauchzen alle Bäume im Wald vor JHWH; denn er kommt, zu richten die Erde."[39] Aber die ausführende Gewalt ist Jesus: "Der Vater richtet niemand, sondern alles Gericht hat er dem Sohn übergeben."[40] Daraus kann nicht geschlossen werden, wer der Sprecher ist. Erst ab Vers 16 wird die Rede eindeutig, wenn es heißt: "Ich, Jesus, habe meinen Engel gesandt." Es ist schon auffallend, dass sich Jesus gerade hier so ausdrücklich mit Namen nennt. Tut er das, um den Autor der Engelsbotschaft zu bekräftigen, oder weil zuvor JHWH gesprochen hat? Ich weiß es nicht.

Die Gegner der Trinitätslehre betrachten die Verse 10-15 oder 12-15 als eingeschobene wörtliche Rede Gottes und setzen sie entsprechend zwischen Apostrophe.[41] Das ist streng genommen möglich, da es im griechischen wie gesagt keine Satzzeichen gibt, aber aus semantischer Sicht keine besonders elegante Lösung. Wieder einmal kann nicht mit letzer Gewissheit entschieden werden, ob sich Jesus wirklich "Alpha und Omega" nennt, aber ich gebe zu, dass die einfachste Leseart des Kapitels darauf hindeutet.

Schlussfolgerung

Wir sehen also, dass es Bibelverse gibt, die mit der Trinitätslehre nicht wirklich erklärt werden können, und manche, die ohne Trinitätslehre etwas seltsam anmuten. Wie schon anfangs erwähnt, werde ich hier keine Entscheidung fällen, was richtig oder falsch ist, da vermutlich jede menschliche Beschreibung Gottes den Tatsachen nicht gerecht wird. Ich sehe die Dreieinigkeit als eine Art Modell, das uns in manchen theologischen Fragen helfen kann. Andererseits spüre ich auch schmerzhaft gewisse Nachteile dieses Modells.

In vielen evangelischen Freikirchen ist eine gewisse "Christus-Zentriertheit" nicht zu übersehen. Die Menschen beten zu Jesus, singen für Jesus und glauben an Jesus, denn er ist der "gute Gott", der unser Freund und Bruder sein möchte. Doch JHWH, der ehrfurchtgebietende Schöpfer, der "böse Gott", in dessen Macht es steht, ganze Völker auszulöschen, spielt nur eine sehr untergeordnete bis gar keine Rolle. Da er in der Dreieinigkeit mit Jesus "verschmilzt", wurde er sozusagen wegerklärt und geht in Jesus auf. Das ist für die eigene Wohlfühl-Theologie vielleicht ganz praktisch, aber sicher nicht im Sinne Jesu, der stets darauf bestand, dass JHWH verherrlicht und angebetet wird. Ich möchte damit keineswegs die Bedeutung Jesu schmälern. Nur durch ihn können wir unsere grenzenlose Schuld loswerden, die wir gegen JHWH anhäufen. Jesus ist für uns Menschlein der einzige Weg und die Tür zum Vater, das hat er selbst gesagt. Wir sollten nur nicht auf diesem Weg stehen bleiben. Lasst JHWH die Ehre zukommen, die ihm gebührt.

Ein zweites Problem mit der Dreieinigkeit besteht darin, sie Menschen nahezubringen. Wenn ich einem Atheisten oder Andersgläubigen von meinem Gott erzähle und damit anfange, dass er einen Sohn hat, aber dieser Sohn eigentlich auch Gott ist, würde ich auf großes Unverständnis stoßen. Für einen Juden oder Moslem ist es schon schwer genug zu akzeptieren, dass Gott einen Sohn hat. Die Dreieinigkeitslehre hingegen macht den Dialog beinahe unmöglich. Warum soll man die Dinge komplizierter machen, als sie ohnehin schon sind? Wie ich hoffentlich zeigen konnte, lassen sich fast alle Bibelstellen sehr gut ohne Trinitätslehre erklären, und heilsnotwendig ist sie auch nicht. Wenn aber ein Modell nicht notwendig ist und nicht mit Gewissheit richtig, warum verwenden wir es dann?

Zuletzt möchte ich alle Christus-Nachfolger zur Einheit und Liebe untereinander herausfordern, ganz gleich welche Sicht auf die Dreieinigkeit jemand hat. Jesus Christus ist der Sohn Gottes und unser Erlöser vom Tod, das allein zählt und verbindet.

"Es geht mir darum, dass ihr gestärkt und ermutigt werdet und dass ihr in Liebe zusammenhaltet. Dann werdet ihr eine tiefe und umfassende Erkenntnis erlangen, ein immer größeres Verständnis für das Geheimnis Gottes. Christus selbst ist dieses Geheimnis; in ihm sind alle Schätze der Weisheit und der Erkenntnis verborgen."
– Brief des Paulus an die Kolosser, Kapitel 2,2+3 (Neue Genfer Übersetzung)


Verwendete Literatur

[1] Evangelium nach Johannes, Kapitel 14,28
[2] Exodus (2. Buch Mose), Kapitel 20,2-4
[3] 1. Brief des Paulus an die Korinther, Kapitel 12,11
[4] Brief des Paulus an die Epheser, Kapitel 4,30
[5] Apostelgeschichte, Kapitel 10,19
[6] Apostelgeschichte, Kapitel 13,2
[7] Evangelium nach Johannes, Kapitel 14,26
[8] Evangelium nach Johannes, Kapitel 4,24
[9] Evangelium nach Lukas, Kapitel 1,41; Apostelgeschichte Kapitel 2,4; Brief des Paulus an die Epheser, Kapitel 5,18
[10] Apostelgeschichte, Kapitel 1,5
[11] Siehe Parallelstelle im Evangelium nach Johannes, Kapitel 1,32
[12] Brief des Paulus an die Kolosser, Kapitel 2,9
[13] Brief an die Hebräer, Kapitel 1,3
[14] Apostelgeschichte, Kapitel 7,59
[15] 1. Brief des Paulus an die Korinther, Kapitel 1,2
[16] Evangelium nach Johannes, Kapitel 20,28
[17] siehe z.B. Matthäus, Kapitel 14,33; Lukas, Kapitel 24,52 und Johannes, Kapitel 9,38
[18] Evangelium nach Johannes, Kapitel 4,19
[19] Evangelium nach Matthäus, Kapitel 18,26
[20] 1. Brief des Paulus an Timotheus, Kapitel 2,5
[21] Evangelium nach Johannes, Kapitel 8,58
[22] Evangelium nach Johannes, Kapitel 1,18
[23] Im Brief an die Hebräer, Kapitel 11,17 wird das "monogenē" auf Abrahams Zweitgeborenen Isaak bezogen
[24] Brief an die Hebräer, Kapitel 1,5-14
[25] Vgl. Daniel 10,21 und 12,1; sowie Offenbarung 12,7
[26] Reto Schoch, "Griechischer Lehrgang zum Neuen Testament", Verlag Mohr Siebeck, 2000, S. 31
[27] Journal of Biblical Literature, 1933, Vol. 52, Seite 20
[28] Journal of Biblical Literature, 1973, Vol. 92, Seite 75-87
[29] William Barclay, "The Daily Study Bible – The Gospel of John [Revised Edition]" (1975), Vol. 1, III
[30] Brief des Jakobus, Kapitel 1,17
[31] Evangelium nach Matthäus, Kapitel 1,18
[32] Die Offenbarung nach Johannes, Kapitel 3,14
[33] Brief an die Hebräer, Kapitel 2,7
[34] Exodus (2. Buch Mose) Kapitel 4,16
[35] J. F. Stenning, "The Targum of Isaiah" (London 1949), S. 32
[36] Evangelium nach Johannes, Kapitel 5,22
[37] Evangelium nach Johannes, Kapitel 10,30
[38] Evangelium nach Johannes, Kapitel 5,26 und 6,44
[39] 1. Buch der Chronik, Kapitel 16,33
[40] Evangelium nach Johannes, Kapitel 5,22; vgl auch Kapitel 9,39
[41] Siehe z.B. die Neue-Welt-Übersetzung der Zeugen Jehovas