Theologie » Golgatha - Wenn Gott weint

Golgatha - Wenn Gott weint

In jeder guten Kirche hängt mindestens ein kleines Kruzifix. Doch die fromme Floskel "Jesus ist am Kreuz für unsere Sünde gestorben" ist ebenso alt wie unverständlich, weil kaum einer in vollem Umfang zu fassen vermag, welcher Akt der Vergebung damals geschehen ist. Und weil all zu leicht in Vergessenheit gerät, wen wir mit diesem Jesus Christus vor uns haben. Vielleicht gewinnt die schauerliche Kreuzigung von Golgatha durch den Aspekt, dass Jesus selbst Gott ist, eine etwas tiefere Bedeutung.
Das Gesicht, das Mose so gern gesehen hätte,[1] wurde blutig geschlagen. Die Dornen, die Gott geschaffen hatte, um den Aufstand der Menschen im Garten Eden zu bestrafen, bohrten sich nun in seine eigene Stirn. "Auf den Boden mit dir!" Einer hebt einen Hammer, um den Nagel einzuschlagen. Doch das Herz dieses Soldaten schlägt weiter, während er die Hand des Gefangenen festhält. Jemand muss das Leben dieses Soldaten jede Minute aufrecht erhalten, denn diese Macht hat er nicht selbst. Wer gibt ihm den Atem in die Lungen? Wer verleiht seinen Muskeln Kraft? Wer hält seine Moleküle zusammen? Nur der Sohn.[2] Das Opfer bewirkt, dass der Soldat weiterlebt. Er holt mit dem Hammer aus.

Während das Werkzeug durch die Luft fliegt, erinnert sich der Sohn daran. Wie er und der Vater die Nerven des menschlichen Unterarms geschaffen haben. Die Empfindungen, die er zu spüren in der Lage sein würde. Das Design war vollkommen. Die Nerven funktionieren tadellos.

"Hoch mit dir!" Sie heben das Kreuz an. Gott hängt daran, wird angestarrt, kann kaum atmen. Doch diese Schmerzen sind nur das Vorspiel zu seinen anderen Qualen. Er beginnt eine ganz fremde Empfindung zu spüren. An diesem Tag hat sich ein fauliger Geruch um ihn ausgebreitet... nicht in der Nase, sondern in seinem Herzen. Er fühlt sich schmutzig. Menschliche Bosheit beginnt sein makelloses Wesen zu umkriechen. Die Exkremente unserer Seelen. Der Augapfel des Vaters wird braun vor Schmutz. Sein Vater! Er muss so vor den Vater treten!

Der Zorn des Höchsten
Im Himmel erhebt sich der Vater nun wie ein aufgestörter Löwe. Niemals hat der Vater den Sohn so angesehen. Nie hat er seinen heißen Atem so auf sich gespürt. Sein Brüllen erschüttert die unsichtbare Welt und verdunkelt den Himmel. Der Sohn erkennt diese Augen nicht wieder.

"Menschensohn! Du hast betrogen, gestohlen, gelästert, gemordet, geneidet, gehasst, gelogen. Du hast verflucht, geraubt, verschwendet, gefressen, beschmutzt, entheiligt, nicht gehorcht. All die Pflichten, die du vernachlässigst, die Kinder, die du verlassen hast! Wer hat die Armen ignoriert wie du, wer jemals deine rasiermesserscharfe Zunge im Zaum gehalten? Was für ein selbstgerechter Kerl bist du - du, der du Kinder verführst, Drogen verkaufst, deine Eltern verspottest. Wer gab dir die Unverfrorenheit, Wahlen zu beeinflussen, Revolutionen blutig zu zerschlagen, Tiere zu quälen und Dämonen anzubeten? Die Liste hat kein Ende! Du hast Familien zerstört, Jungfrauen vergewaltigt, dich verstellt, Politiker gekauft, Pornografie konsumiert, Bestechungsgelder angenommen. Du hast Terror ausgeübt, Bomben gelegt, Häuser in die Luft gejagt, Sklaven verkauft. Ich hasse, ich verdamme all das! Die Abscheu vor dir verzehrt mich. Kannst du meinen Zorn spüren?"

Die Hölle von Golgatha
Natürlich ist der Sohn unschuldig. Er ist fehlerlos durch und durch. Der Vater weiß das, aber sie haben eine Abmachung und nun muss das Undenkbare passieren: Jesus wird behandelt, als ob er persönlich für jede Sünde verantwortlich sei, die je begangen wurde. Der Vater beobachtet den Schatz seines Herzens, sein eigenes Spiegelbild, das langsam in dem Moloch der Sünde versinkt.

"Vater, Vater, warum hast du mich verlassen?"

Doch der Himmel hält sich die Ohren zu. Der Sohn sieht nach oben zu dem Einen, der nicht antworten oder reagieren kann. Die Dreieinigkeit hat es geplant. Der Sohn hat es erduldet, der Geist hat ihn dazu befähigt. Der Vater musste den Sohn zurückweisen, den er liebt. Jesus, der Gott-Mensch aus Nazareth, gab sich hin, und der Vater akzeptierte das Opfer. Die Rettung war da![3]

Verwendete Literatur

[1] Die Bibel, Exodus 33,19-20
[2] Die Bibel, Brief an die Kolosser, Kapitel 1,17
[3] Auszug aus dem Buch "When God Weeps" von Steve Estes und Joni Eareckson Tada


» Zurück
Jesus Christus mit Dornenkrone im Film "Passion" von Mel Gibson
Letztes Update:
» 06.01.2012 um 17:54 Uhr

Inhaltsverzeichnis
Verwandte Themen