Weltgeschichte » Das Geheimnis der 70 Jahrwochen

Das Geheimnis der 70 Jahrwochen

Jerusalem wurde im Jahre 587 v. Chr. von den Babyloniern erobert und der Tempel zerstört. Zu dieser Zeit lebte ein Mann namens Daniel, welchem der Engel Gabriel die Geheimnisse der kommenden Tage anvertraute:
"So wisse und verstehe: Vom Erlass des Befehls zur Wiederherstellung und zum Aufbau Jerusalems bis zu dem Gesalbten, dem Fürsten, vergehen 7 Wochen und 62 Wochen; Straßen und Gräben werden wieder gebaut, und zwar in bedrängter Zeit. Und nach den 62 Wochen wird der Gesalbte ausgerottet werden, und ihm wird nichts zuteil werden."

Prophet Daniel, Kapitel 9,25-26, Schlachter Übersetzung

Die Siebener-Einheiten
Die Israeliten lebten in babylonischer Gefangenschaft, bis die Perser die Herrschaft übernahmen und ihnen gewährten, nach Israel zurückzukehren. Vom Erlass des persischen Königs Artaxerxes, Jerusalem wieder aufbauen zu dürfen, bis zum Auftreten des lang erwarteten Erlösers der Juden, des Messias, sollen also 69 (62+7) Jahrwochen vergehen. ("Messias" ist das hebräische Wort für "Gesalbter" und meint Jesus.) Was sind nun Jahrwochen? Das in manchen Bibelübersetzungen mit "Jahrwoche" oder nur "Woche" wiedergegebene Wort heißt im hebräischen Urtext sheva, d.h. Sieben. Es bezeichnet eine Siebenereinheit, also entweder Tage, Wochen oder auch Jahre. In unserem Zusammenhang kommen nur die Jahre in Frage. Also sind eine Jahrwoche so viel wie 7 Jahre, und die 69 Jahrwochen sind damit genau 483 Jahre.

Die Länge eines Jahres
Doch wie viele Tage hatte ein Jahr nach der damaligen Zeitrechnung? Wir können davon ausgehen, dass die prophetischen Jahre der Bibel 360 Tage dauern. Dies ergibt sich z.B. aus folgender Feststellung: Im prophetischen Buch der "Offenbarung" wird über die letzte Hälfte der 70. Jahrwoche gesprochen (also dreieinhalb Jahre). Dabei werden 42 Monate mit 1260 Tagen gleichgesetzt.[1] Folglich hat da ein Jahr von 12 Monaten genau 360 Tage. Ich denke, dass in unserem Zusammenhang auch noch folgendes erwähnenswert ist: In der Sintflutgeschichte finden sich die ältesten Datumsangaben mit Monaten in der Bibel. Die Zeit, in der die Sintflut die Erde bedeckte, wird mit 5 Monaten beziffert, nämlich vom "17. Tag des zweiten Monats"[2] bis zum "17. Tag des siebten Monats".[3] An einer anderen Stelle im Kontext wird die Länge der Flut mit 150 Tagen angegeben.[4] Auch hier wird also konsequent mit Monaten von 30 Tagen gerechnet.

Berechnung der Zeitspanne
Aufgrund dieser Überlegungen sind wir jetzt in der Lage, die 69 Jahrwochen mit 173.880 Tagen gleichzusetzen: 69 x 7 x 360 = 173.880 Tage. Der Erlass vom König Artaxerxes kam, gemäß den Angaben im Buch Nehemia, im Monat Nisan, im 20. Jahr seiner Regierung, heraus.[5] Artaxerxes regierte von 464-423 v. Chr. Er bestieg den Thron im Februar 464. De jure begann seine Herrschaft aber schon im Juli 465 (nach der Ermordung von Xerxes). Ab welchem Datum rechnete Nehemia? Als persischer Beamter rechnete er die Regierungszeit seines Herrn offensichtlich bereits ab Juli 465. Dies geht aus folgenden Tatsachen hervor: Nehemia Kapitel 1,1 und 2,1 zufolge fiel zunächst der Monat "Kislew" (November/Dezember) und erst danach der Monat "Nisan" (März/April) auf das 20. Regierungsjahr. Diese Angaben machen eindeutig klar, dass Nehemia das 1. Regierungsjahr seines Königs ab Juli 465 rechnete: Hätte Nehemia die Regierungszeit ab Februar 464 gerechnet, so wäre diese Monatsfolge nicht möglich gewesen. In diesem Fall wäre der Monat Nisan vor dem Monat Kislew gekommen. Die Zeitangabe in Nehemia Kapitel 2,1 können wir auf Grund dieser Überlegungen zwingend mit März/April 445 v. Chr. gleichsetzen.

Eintreffen der Prophezeiung
Wenn man von hier aus 173.880 Tage dazu rechnet und auch die Schaltjahre berücksichtigt,[6] kommt man auf den Monat Nisan (März/April) des Jahres 32. n. Chr. In genau diesem Monat ritt Jesus von Nazaeth auf einem Esel nach Jerusalem ein. Er wurde dabei von der Volksmenge stürmisch als Messias-Fürst begrüßt.[7] Damit ist eindeutig definiert, dass Jesus von Nazareth der von Gott versprochene Retter ist, und nicht irgendein anderer. Solche klaren Strukturen durch alle Bibelbücher hindurch deuten auf eine inhaltliche göttliche Inspiration der Bibel hin. Im Alten Testament der Bibel gibt es hunderte Prophezeiungen von verschiedenen Autoren aus unterschiedlichen Zeiten, die zielstrebig auf Jesu Leben im Neuen Testament weisen.

Straßen und Befestigungsgräben
Laut Daniel Kapitel 9 sollen in Israel Straßen und Befestigungsgräben gebaut werden, und zwar im Drangsal der Zeiten, also unter großen militärischen und politischen Anstrengungen. Tatsächlich wurde der Wiederaufbau Jerusalems zu Nehemias Zeiten (ca. 140 Jahre nach der Prophezeiung) von ein paar mächtigen Leuten behindert:

"Und es geschah, als Sanballat und Tobija und die Araber, die Ammoniter und die Asdoditer hörten, dass die Wiederherstellung der Mauer von Jerusalem fortschritt und dass die Lücken sich zu schließen begannen, da wurden sie sehr zornig, und sie verschworen sich alle miteinander, dass sie kommen und gegen Jerusalem kämpfen und Verwirrung anrichten wollten."

Buch Nehemia, Kapitel 4,1+2

Nach der Aussage der Schlachter Übersetzung (siehe ganz oben) werden die Straßen und Befestigungsgräben eine unbestimmte Zeit lang gebaut, während die 62 und die 7 Jahrwochen addiert werden müssen, um zum Zeitpunkt des Messias zu gelangen. Der hebräische Urtext scheint an dieser Stelle jedoch etwas missverständlich zu sein, denn z.B. Martin Luthers Übersetzung und die revidierte Elberfelder Übersetzung haben aufgrund ihrer Interpunktion eine andere Aussage:

"So sollst du denn erkennen und verstehen: Von dem Zeitpunkt an, als das Wort erging, Jerusalem wiederherzustellen und zu bauen, bis zu einem Gesalbten, einem Fürsten, sind es sieben Wochen. Und 62 Wochen lang werden Platz und Stadtgraben wiederhergestellt und gebaut sein, und zwar in der Bedrängnis der Zeiten. Und nach den 62 Wochen wird ein Gesalbter ausgerottet werden und wird keine Hilfe finden."

Prophet Daniel, Kapitel 9,25-26, Revidierte Elberfelder Übersetzung

Mit dieser Betonung hätte der Messias bereits 49 Jahre nach dem Erlass des Artaxerxes auftreten müssen, während Jerusalem anschließend noch 434 Jahre (62 Jahrwochen) bestehen bleibt, bis der Messias getötet und Jerusalem schließlich zerstört wird. Das erscheint widersprüchlich, denn so müsste der Messias mindestens 434 Jahre alt geworden sein, oder es hätte zwei "Messiasse" geben müssen. Beides wird vom Kontext der Bibel definitiv nicht gestützt. Es liegt also nahe, der Schlachter Übersetzung zu folgen und die 7 und 62 Jahrwochen zu addieren, um den Zeitpunkt des Auftretens vom Messias zu erhalten.

Der Tod des Messias
"Und nach den 62 Wochen wird ein Gesalbter ausgerottet werden und wird keine Hilfe finden." Wenig später nach Jesu triumphalem Einzug in Jerusalem wurde er verraten und gekreuzigt. Es steht hier nur "nach den 62 Jahrwochen", aber nicht, wie viel danach. Die kurze Zeit zwischen Jesus' Einzug in Jerusalem und seiner Kreuzigung fällt also nicht ins Gewicht. Viele Leute meinten bzw. meinen immer noch, dass Jesus versagt hätte, weil er gestorben ist und kein weltweites Friedensreich errichtet hat. Doch es war alles Teil des göttlichen Plans, dessen endgültige Erfüllung noch aussteht. Der Prophet Daniel hatte es ja angekündigt:

"Und er wird keine Hilfe finden."


Es musste genau so kommen und nicht anders. Jesus musste schwach werden und schließlich sterben, um den Tod besiegen zu können: Die Kraft Gottes ist in den Schwachen mächtig.[8] Das jüdische Volk hat das damals nicht begriffen. Seit sie Jesus ans Kreuz genagelt haben, ist Gottes Weg mit dem Volk Israel "eingefroren" und die Zählung der Jahrwochen hat ausgesetzt. Die Juden wurden kurze Zeit später von den römischen Besatzern in alle Welt zerstreut und auch ihr zweiter Tempel ist zerstört worden. Seitdem ist die "Zeit der Heiden", in der jeder Mensch die Gelegenheit hat, das ewige Leben zu bekommen, egal welcher Nationalität er angehört. Erst am Ende der Welt, wenn der Messias in all seiner Macht auf die Erde zurückkehrt, bricht die 70. Jahrwoche an, die finalen sieben Jahre der Welt, die Gott mit seinem Volk Israel gehen wird. Auch dann wird es wieder einen Tempel geben - den Dritten und Letzten.

Verwendete Literatur

[1] Die Offenbarung nach Johannes, Kapitel 11,2-3
[2] 1. Buch Mose (Genesis) Kapitel 7,11
[3] 1. Buch Mose (Genesis) Kapitel 8,4
[4] 1. Buch Mose (Genesis) Kapitel 7,24
[5] Buch Nehemia, Kapitel 2,1
[6] "Jerusalem - Hindernis für den Weltfrieden", Roger Liebi, 1996, Schwengeler-Verlag
[7] Evangelium nach Matthäus, Kapitel 21,1-9
[8] 2. Brief des Paulus an die Korinther, Kapitel 12,9


» Zurück