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Nimrod und der Turm von Babylon

Das Buch Genesis berichtet, dass die Menschen nach der Sintflut-Katastrophe Richtung Osten zogen und sich in der Ebene des Landes Sinear ansiedelten. In dieser Epoche, die den Beginn der Geschichtsschreibung markiert, soll die gesamte Menschheit ein einziges Volk mit einer einzigen Sprache gewesen sein. Dieses hochmütige Volk hatte die Absicht, eine Stadt und einen Turm zu bauen, so mächtig, dass er bis zum Himmel reicht.
Fluch über den Sohn des Noah
Die Sintflut, die grob in die Zeit zwischen dem 28. und dem 25. Jahrhundert v. Chr. datiert werden kann, hatten nur acht Menschen überlebt: Noah, dessen Frau und deren drei Söhne Sem, Ham und Japhet sowie deren Frauen. Es heißt im biblischen Bericht, dass Noah nach der Flut einen Weinberg anlegte und Winzer wurde. Irgendwann danach muss er bis zur Besinnungslosigkeit getrunken haben, wodurch er als erster Alkoholiker in die Geschichte einging. Sein Problem sollte schließlich eine Reihe eskalierender Ereignisse auslösen, die im Turmbau von Babylon gipfelten.

"Und er [Noah] trank von dem Wein und wurde betrunken und lag entblößt im Innern seines Zeltes. Und Ham, der Vater Kanaans, sah die Blöße seines Vaters und berichtete es seinen beiden Brüdern draußen. Da nahmen Sem und Japhet das Obergewand und legten es beide auf ihre Schultern und gingen damit rückwärts und bedeckten so die Blöße ihres Vaters; ihre Gesichter aber hielten sie so rückwärts gewandt, dass sie die Blöße ihres Vaters nicht sahen. Und Noah erwachte von seinem Weinrausch und erkannte, was sein jüngster Sohn ihm angetan hatte. Und er sprach: Verflucht sei Kanaan! Ein Knecht der Knechte sei er seinen Brüdern!"

Genesis Kapitel 9, 21-25

Man kann davon ausgehen, dass Ham seinen berauschten, nackten Vater nicht nur gesehen, sondern auch verspottet hatte und deshalb so hart verflucht worden ist. Die Nachkommen Hams (Kanaan) sollten die niedrigsten Knechte der Nachkommen Sems und Japhets werden, was sie natürlich zu verhindern suchten. Der Grundstein für die organisierte Rebellion gegen Noah und gegen Gott war damit gelegt. Bereits drei Generationen später kam sie deutlich zur Entfaltung. Denn Ham zeugte einen Sohn namens Kusch, und dessen Sohn war der berüchtigte Nimrod.

"Auch zeugte Kusch den Nimrod; der war der erste Gewalthaber auf Erden. Er war ein gewaltiger Jäger vor dem HERRN; […] Und der Anfang seines Königreiches war Babel, sowie Erek [Uruk], Akkad und Kalne im Land Sinear. Von diesem Land zog er aus nach Assur und baute Ninive, Rechobot-Ir und Kelach [Nimrud], …"

Genesis Kapitel 10, 8-10

Der gewaltige Nimrod und sein anti-göttliches Reich
Nimrod, der Legende zufolge einer der Riesen,[1] wollte Macht auf Erden. Es liegt nahe anzunehmen, dass er sich über den Fluch seines Ur-Großvaters Noah hinwegsetzen wollte und möglicherweise sogar vor hatte, die Nachfahren Sems und Japhets zu versklaven. Das Land Sinear (besser bekannt als Sumer), bot durch seine Lage zwischen den Flüssen Euphrat und Tigris eine ideale Grundlage für Nimrods Imperium. Die sumerische Königsliste, eine alte Tontafel, die mindestens ins Jahr 1800 v. Chr. zurückdatiert wird, liefert einen Einblick in die ersten Dynastien von Nimrods Reich. Nach einem Hinweis auf die Sintflut nennt sie ihn als Gründer Uruks unter dem Namen "Enmerkar".[2] (Das "-kar" im Namen bedeutet "Jäger".[3]) Zweifellos war Nimrod eine eindrucksvolle Erscheinung und ein einflussreicher Führer mit grenzenlosem Selbstbewusstsein, der ein vereintes Weltreich erschaffen wollte, um zu verhindern, dass sich die Menschen auf der ganzen Erde verbreiten. Doch damit handelte der Erzrebell gegen Gottes klare Anweisung, die allen Nachkommen Noahs galt:

"Ihr aber, seid fruchtbar und mehret euch und breitet euch aus auf der Erde, dass ihr zahlreich werdet darauf!"

Genesis Kapitel 9, 7

Somit machte Nimrod seinem Namen, der auf deutsch so viel wie "der Widerstreitende" oder einfach "der Rebell" bedeutet, alle Ehre.[4] Er begründete mit Babylon ein anti-göttliches System, das noch in ferner Zukunft Bestand haben würde. Der riesige Turm in der Hauptstadt seines Reiches sollte zum Symbol des Sieges gegen die ihm auferlegte Knechtschaft werden.

"...Und sie sprachen untereinander: Wohlauf, lasst uns Ziegel streichen und brennen! - und nahmen Ziegel als Stein und Erdharz als Mörtel und sprachen: Wohlauf, lasst uns eine Stadt und einen Turm bauen, dessen Spitze bis an den Himmel reiche, damit wir uns einen Namen machen; denn wir werden sonst zerstreut in alle Länder. Da fuhr der HERR hernieder, dass er sähe die Stadt und den Turm, die die Menschenkinder bauten. Und der HERR sprach: Siehe, es ist einerlei Volk und einerlei Sprache unter ihnen allen und dies ist der Anfang ihres Tuns; nun wird ihnen nichts mehr verwehrt werden können von allem, was sie sich vorgenommen haben zu tun. Wohlauf, lasst uns herniederfahren und dort ihre Sprache verwirren, dass keiner des andern Sprache verstehe! So zerstreute sie der HERR von dort in alle Länder, dass sie aufhören mussten, die Stadt zu bauen. Daher heißt ihr Name Babel, weil der HERR daselbst verwirrt hat aller Länder Sprache und sie von dort zerstreut hat in alle Länder."

Genesis Kapitel 11, 3-9

Man kann davon ausgehen, dass Nimrod die treibende Kraft hinter dem Turmbau war. Der jüngste Beleg hierfür stammt von dem jüdischen Geschichtsschreiber Josephus Flavius, der im ersten Jahrhundert n. Chr. lebte und der wohl teilweise auf Quellen zurückgegriffen hat, die heute verloren sind:

"…Zu dieser Verachtung und Verhöhnung Gottes verleitete sie Nimrod, der Enkel Hams, des Sohnes Noahs, denn er war kühn, und seiner Hände Kraft groß. Dieser überredete sie zu dem Wahn, nicht von Gott komme ihr Glück, sondern ihre eigene Tüchtigkeit sei die Ursache ihres Wohlstandes. Und allmählich verkehrte er sein Benehmen in Tyrannei, weil er die Menschen umso eher von Gott abzuwenden gedachte, wenn sie der eigenen Kraft hartnäckig vertrauten. Er wolle, sagte er, sich an Gott rächen, falls er mit erneuter Flut die Erde bedränge, und er wolle einen Turm bauen, so hoch, dass die Wasserflut ihn nicht übersteigen könne. So werde er für den Untergang seiner Vorfahren Vergeltung üben. Die Menge pflichtete den Absichten Nimrods bereitwillig bei, da sie es für Feigheit hielt, Gott noch zu gehorchen. Und so machten sie sich an die Erbauung des Turmes, der bei unverdrossener Arbeit und den vielen Arbeitskräften schnell in die Höhe wuchs. Da er aber sehr breit war, fiel seine Höhe minder auf. Gebaut wurde er aus Ziegeln, die mit heißem Harz zusammengekittet waren zum Schutze gegen das andrängende Wasser."

Josephus Flavius, "Jüdische Altertümer", Buch I, 4, 2+3

Sprachverwirrung und Zerstörung des Turms
Gott reagierte unverzüglich auf Nimrods Rebellion. Da die Menschen unter seiner Herrschaft nicht die Erde füllen wollten, zwang er sie durch die Sprachverwirrung, sich zu teilen und sich in den verschiedenen Regionen zu versammeln, in denen ihre jeweils eigene Sprache gesprochen wurde. Die Bibel spricht vom "Turmbau zu Babel", das ist die griechische Form des hebräischen Wortes "bavel" für Babylon, das auf das akkadische Wort "babilum" zurückgeht und "Tor der Götter" bedeutet. Die Stadt bekam mit der Sprachverwirrung eine Doppelbedeutung, denn die hebräische Übersetzung des Wortes "verwirren" lautet "balal", was durchaus Ähnlichkeiten mit "Babel" aufweist und vielleicht sogar in den heutigen Ausdrücken "Babbeln" oder "Blabla" für ein sinnloses Geschwätz seinen Niederschlag gefunden hat. Die jüdische Überlieferung geht sogar noch einen Schritt weiter als das Buch Genesis:

"Und Gott schickte einen heftigen Wind gegen den Turm und zerstörte ihn auf der Erde, und siehe, er war zwischen Assur und Babylon im Lande Sinear; und man nannte seinen Namen Trümmer."

Das Buch der Jubiläen, Kapitel "Turmbau zu Babel", Vers 26

Der mächtige Turm von Babylon, Sinnbild der Rebellion, wurde ebenso symbolisch zerstört. Doch das linguistische Durcheinander war erst der Anfang der eigentlichen Verwirrung. Wie weit Nimrods Rebellion tatsächlich reichte, sehen wir gleich.

Ein König wird zum Gott
Nicht wenige Ausleger gehen davon aus, dass Nimrod den Turm als Tempel verwendet hat, um dort falschen Göttern zu huldigen. Als deren höchster Priester konnte er im Zeichen der Religion Gesetze erlassen und aufheben, hatte die absolute Macht über die Gedankenwelt seiner Untertanen und konnte sich letztendlich selbst als Gott oder Halbgott proklamieren und als solcher verehren lassen. Damit stünde er an erster Stelle einer langen Liste von Königen, Kaisern, Pharaonen und Päpsten, die im Verlauf der Geschichte dasselbe taten. Er wäre der Begründer des Götzendienstes und womöglich das Vorbild für zahlreiche spätere Mythen und Religionen.

Die vielfältige sumerische und babylonische Götterwelt wurde seit je her von einer Götter-Triade dominiert, bestehend aus Anu und dessen Söhnen Enlil und Enki. Es war außerdem üblich in dieser Zeit, dass jede größere Stadt mindestens einem Gott zugeordnet war, dessen Bedeutung natürlich mit dem Einflussbereich der Stadt zu- oder abnahm.[5] Unter diesem Aspekt war die Funktion eines solchen Stadtgottes mit der eines Königs vergleichbar. Umgekehrt wurden altertümliche Könige im Nachhinein häufig in den Status eines Gottes erhoben, wodurch die Grenze zwischen Gott und König in der Mythologie extrem verschwimmt.

Als Nimrod und die nachfolgenden Herrscher Babylon zum Zentrum der alten Welt machten, schwang sich gleichsam Marduk, der bis dahin relativ unbekannte Stadtgott Babylons, als alleiniger, höchster Gott an die Spitze des Pantheons.[6] Marduks Bedeutung wurde so immens, dass er bald im ganzen Zweistromland Verehrung fand. Allerdings muss eine Sache dringend beachtet werden. Möglicherweise ist Marduk gar nicht so göttlich gewesen, wie er von den babylonischen Priestern späterer Jahrhunderte dargestellt wurde. Der Kern eines Mythos ist meistens ernüchternd rational. Was wäre, wenn König Nimrod selbst den Ursprung des Marduk-Kults geliefert hätte? Wenn Nimrod der Stadtgott Babylons war? Der Herrscher, der zum Gott wurde; der Tyrann, dessen Regierung die vorigen Götter verdrängte? War nicht genau das sein erklärtes Ziel?

Der antike Historiker Megasthenes stützt diese Theorie, indem er schreibt, dass es der Gott Belus (Bel) persönlich war, der Babylon "mit einer Mauer umringt hat".[7] Die Bibel impliziert aber, dass die Stadt von Nimrod erbaut wurde. Die Schlussfolgerung liegt nahe: Nimrod ging als der Gott Bel-Marduk in die Geschichte ein; die Bibel kennt ihn unter dem Namen Baal-Merodach, Hauptgott des babylonischen Reiches, grausamer Empfänger von Kindsopfern und ständiger Widersacher Israels und seines Gottes.

Anbetung des Feuers: Der Kult Babylons
Der babylonische Kult um Nimrod bestand zunächst aus der Verehrung des Feuers. In einem Text der jüdischen Überlieferung sagt Nimrod selbst, dass er nur das Feuer anbete,[8] was auf sehr einprägsame Weise die Grausamkeit und Perversion des Kultes verdeutlicht. Denn Nimrod ließ als Opfergaben für den "Feuergott" nicht nur Tiere verbrennen.

"Sie [die Israeliten] haben dem Baal [Opfer-]Höhen gebaut im Tal Ben-Hinnom, um ihre Söhne und Töchter dem Moloch durchs Feuer gehen zu lassen, was ich nicht geboten habe und mir [Jahwe] nie in den Sinn gekommen ist, dass sie solche Greuel verüben sollten, um Juda zur Sünde zu verführen."

Prophet Jeremia, Kapitel 32,35

Die Menschheit, inklusive der Israeliten, hat sich noch viele Jahrhunderte später von Nimrods Dogmen zum Götzendienst verleiten lassen. Ihre Gedanken wurden von der ersten "Religion" derart manipuliert, dass sie ihre eigenen, unschuldigen Kinder freiwillig verbrannten. Denn für den "größten Gott" geziemt sich nur das größte Opfer, das ein Mensch darbringen kann - menschliches Leben. Das wäre zudem ein unverkennbares Zeichen der Loyalität gegenüber dem Gottkönig Nimrod und seiner Thronfolger. Womöglich glaubten die verblendeten Menschen sogar, dass das Feuer sie von der "Ursünde" befreien würde. Dass die Spekulation darüber nicht komplett aus der Luft gegriffen ist, zeigt die Herkunft des modernen Wortes "Kannibale", die in dem (durchaus umstrittenen) Buch "The Two Babylons" aus dem Jahr 1853 auf die Priesterschaft des Baal zurückgeführt wird:

"Und es war ein Prinzip des Gesetzes des Mose, ein Prinzip ohne Zweifel abgeleitet von dem Glauben der Patriarchen, dass die Priester an dem, was immer als Sündenopfer aufgeopfert wurde, teilnehmen müssen.[9] Folglich erforderte es, dass die Priester des Nimrod oder Baal von den menschlichen Opfern aßen, und so entstand, dass 'Cahna-Bal', [hebräisch] der 'Priester des Baal', das etablierte Wort in unserer Sprache für Verschlinger von Menschenfleisch ist."

"The Two Babylons", Alexander Hislop, Seite 232

Der einzig wahre Gott sagte ausdrücklich, dass er diesen Wahnsinn nicht geboten hat und es ihm "nie in den Sinn gekommen ist". Doch der Kult des Götzendienstes, mit all seinen makaberen Erscheinungsformen, infizierte die Welt in rasender Geschwindigkeit. Die Babylonier, die großen Sterndeuter und Magier, begannen dann auch Sonne, Mond und Sterne zu verehren, oder schlichtweg alles, was sie nicht erklären konnten. Im 1. Jahrhundert v. Chr. schrieb der Geschichtsschreiber Diodor, dass es die legendäre Semiramis (die Frau Nimrods!) war, die den Tempelturm in Babylon baute und weist auf dessen Bedeutung in der Astronomie hin. Zu dieser Zeit war Bel-Marduk schon längst unter einem anderen Namen bekannt:

"Danach erbaute sie [Semiramis] inmitten der Stadt ein Heiligtum des Zeus, den die Babylonier […] Belos [Bel-Marduk] nennen. Da aber in Betreff dieses Tempels die Geschichtsschreiber nicht übereinstimmen, und der Bau selbst im Verlauf der Zeiten zusammengestürzt ist, so ist es nicht möglich, Genaues über denselben zu berichten. Darin stimmen indes alle überein, dass er ganz außerordentlich hoch gewesen, und dass die Chaldäer auf demselben die Beobachtungen der Gestirne angestellt hätten, weil der Höhe des Baues wegen Auf- und Untergang der Sterne deutlich wahrgenommen wurden."

Diodor von Sizilien, "Bibliotheca historica", Buch II, 9 (übersetzt von Dr. Adolf Wahrmund, Stuttgart, 1866)

Abraham erkennt den wahren Gott
Als Nimrod seine Feinde unterjocht hatte und über ganz Mesopotamien herrschte, muss er bereits mehrere hundert Jahre alt gewesen sein, denn Nimrods treuer Heerführer war in dieser Zeit kein anderer als Terach, der Vater Abrams, der deutlich später lebte.[10] (Die biblischen Patriarchen in dieser Zeit wurden alle so alt.) Terach unterstützte den Götzendienst im Land aktiv, denn er stellte die Götzen-Figuren her und verkaufte sie ans Volk. Erneut ist es die jüdische Überlieferung, die berichtet, wie Abram als Einziger erkannte, dass der wahre Schöpfer des Universums nicht aus Holz und Stein sein kann.[11]

Zunächst huldigte auch Abram der Sonne, da er dachte, eine so mächtige Erscheinung müsste Gott sein. Als es jedoch Nacht wurde, ging der Mond auf und verdrängte die Sonne. Also schlussfolgerte der junge Mann, dass der Mond Gott sein müsse, denn er war stärker als die Sonne. Natürlich stand am nächsten Morgen wieder die Sonne am Himmel. So erkannte Abram, dass alle sichtbaren Dinge von anderen Dingen abhängig sind und somit nicht Gott sein konnten. Der wahre Gott, der die sichtbaren Dinge erschaffen hatte, musste unsichtbar sein. Da er diese Wahrheit offen verkündete, geriet er in einen schweren Konflikt mit Terach und Nimrod, was zur Folge hatte, dass der König den Abram verbrennen wollte. Doch Gott erwies seine Macht gegenüber den leblosen Götzen, indem er seinen treuen Diener bewahrte. Langfristig gab es für Abram trotzdem nur einen Weg:

"Der Herr aber hatte zu Abram gesprochen: Geh hinaus aus deinem Land und aus deiner Verwandtschaft und aus dem Haus deines Vaters in das Land, das ich dir zeigen werde! Und ich will dich zu einem großen Volk machen und dich segnen und deinen Namen groß machen, und du sollst ein Segen sein. […] Da ging Abram, wie der Herr zu ihm gesagt hatte, und Lot ging mit ihm. […] Und Abram nahm seine Frau Sarai und Lot, den Sohn seines Bruders, […] und sie zogen aus, um ins Land Kanaan zu gehen; und sie kamen in das Land Kanaan."

Genesis Kapitel 12,1-4

Abram, der später Abraham genannt wurde, ließ das blasphemische Mesopotamien hinter sich und zog nach Westen ins heutige Israel, welches damals noch Kanaan hieß. Kanaan! Das Land des Volkes, über dem der Fluch Noahs lag! Gottes souveräner Plan würde Kanaan letztlich doch der Knechtschaft zuführen. Denn Abraham beanspruchte das Land für Gottes Volk, und rund 600 Jahre später wurden die Kanaaniter, die immer noch ihren Götzen hinterherliefen, von dem israelitischen Heerführer Josua unterworfen.[12] Doch die Besitzansprüche auf das Land blieben bis heute umstritten, was der gegenwärtige Konflikt zwischen Israel und den angrenzenden Staaten beweist. So betrachtet wirft der Fluch Noahs ein gänzlich neues Licht auf den Jahrtausende währenden Nahost-Konflikt.

Der Tempelturm Etemenanki
Die Existenz eines Turms zu Babylon ist seit 1913 archäologisch nachgewiesen. Es handelt sich um eine Tempelanlage namens Esagila in Babylon, deren Fundamente der deutsche Architekt und Archäologe Robert Koldewey freigelegt hat. In der Mitte dieser Anlage befand sich ein stufenförmiger Tempelturm, eine so genannte Zikkurat, deren Umrisse auf Satellitenfotos noch heute in Babylon zu erkennen sind. (Google Earth Koordinaten 32.5362N, 44.4207E. Das an die Oberfläche gekommene Grundwasser ließ rings um das Fundament Grünzeug wachsen.) Das mächtige Bauwerk, dessen glasierte Ziegel tiefblau strahlten,[13] muss jeden Besucher in Erstaunen versetzt haben.

Natürlich handelt es sich bei diesem Turm nicht um genau den biblischen Turm des Nimrod, denn die Überlieferung gewährt diesem keinen Bestand. Irgendwann im Laufe der Jahrhunderte, möglicherweise unter der Herrschaft des Sargon von Akkad (etwa 2200 v. Chr.) oder in den Tagen des berühmten, altbabylonischen Herrschers Hammurapi (etwa 1750 v. Chr.) muss die Zikkurat unter dem Namen E-temen-an-ki (das bedeutet "Haus der Fundamente von Himmel und Erde") wieder aufgebaut worden sein - vielleicht gar nicht lange nach dem Einsturz des ursprünglichen Turmes. Im babylonischen Schöpfungs-Epos, dem so genannten "Enuma Elish", wird der Tempelbezirk Babylons inklusive Turm erstmals erwähnt.[14] Das Epos wird ins Jahr 1100 v. Chr. datiert, lässt aber aufgrund des mythologischen Charakters seiner Erzählung darauf schließen, dass Etemenanki schon wesentlich früher existiert haben muss:

"Ein Jahr lang strichen sie die nötigen Ziegel. Als das zweite Jahr herankam, errichteten sie den First von Esagil [...] Sie erbauten den hohen Tempelturm des Apsu, und richteten sein(en) … für Anu, Enlil und Ea [Enki] als Wohnstätte ein."

Enuma Elish, Tafel 6, Zeile 60ff

Der Turm hatte eine Grundfläche von 91x91 Metern und war abgestuft in sieben Ebenen, die laut einer Tontafel aus Uruk insgesamt ebenfalls 91 Meter hoch waren.[15] Für damalige Verhältnisse eine beachtliche Höhe. Auf der obersten Ebene befand sich ein Tempelgebäude, in dem angeblich der Gott selbst gewohnt haben soll. Der griechische Geschichtsschreiber Herodot, der Babylon im Jahr 458 v. Chr. bereiste, hat dieses Tempelgebäude wahrscheinlich als zusätzliche Ebene betrachtet, da er von 8 übereinander gebauten Türmen berichtet. Es ist anzunehmen, dass Herodot die Zikkurat noch in einem guten Zustand gesehen hat:

"… in dem letzten [achten] Turm ist ein großer Tempel: In diesem Tempel befindet sich eine große, wohl gebettete Lagerstätte und daneben steht ein goldener Tisch: Ein Götterbild ist aber dorten nicht aufgerichtet, auch verweilt kein Mensch darin des Nachts, außer ein Weib, [...] welche der Gott sich aus allen erwählt hat, wie die Chaldäer versichern, welche Priester des Gottes sind. Eben dieselben behaupten auch, wovon sie jedoch mich nicht überzeugt haben, dass der Gott selbst in den Tempel komme und auf dem Lager ruhe, …"

Herodot, "Historien", Buch I, 181+182

In der damaligen Vorstellung wurden die Tempeltürme von den Göttern als "Treppe" zwischen Himmel und Erde benutzt. Die von Herodot erwähnte Begierde des babylonischen Gottes nach Frauen offenbart allerdings zutiefst menschliche Züge. Der abgeschottete Tempel auf Etemenankis Spitze war der ideale Ort für einen Herrscher, der einerseits seinen unnahbaren Götter-Status wahren und sich andererseits mit jungen Frauen vergnügen wollte. In den späteren Ausprägungsformen der sumerischen Religion blieb diese "Strategie" erhalten: Die so genannte "Heilige Hochzeit" war ein essentielles Ritual, in dem der amtierende Herrscher mit der höchsten Tempelpriesterin den Geschlechtsakt vollzog. Der Herrscher stellte den Fruchtbarkeitsgott Dumuzi dar und die Priesterin die höchste Göttin Inanna. Deren Vereinigung sollte die Fruchtbarkeit des Landes sichern[16] und legitimierte ganz nebenbei das freizügige Liebesleben des Herrschers.

Babylon damals und heute
Die "hängenden Gärten der Semiramis" von Maarten van Heemskerck (16. Jahrhundert)Durch die Jahrtausende ging Etemenanki schleichend zugrunde. Im Jahr 689 v. Chr. riss der zerstörungswütige, assyrische König Sanherib den Turm nieder. Seine Nachfolger Assurhaddon und Assurbanipal (680–659 v. Chr.) begannen mit dem Wiederaufbau, wie Inschriften im Fundament belegen. Nach der Befreiung von der assyrischen Herrschaft setzte der neubabylonische Herrscher Nabopolassar den Ausbau der Anlage fort, sein Sohn Nebukadnezar II. (604 - 562 v. Chr.) vollendete ihn. Während dieser Zeit war das Volk Israel in babylonischer Gefangenschaft und muss den Bau-Wahn Nebukadnezars aus nächster Nähe miterlebt haben. In einer ausserbiblischen Quelle, dem "Buch der Jubiläen", finden sich einige überdimensionale und merkwürdig präzise Angaben zum Erscheinungsbild des Turmes, die womöglich aus der Zeit der Gefangenschaft Israels stammen. Die Entstehungszeit dieses apokryphen Buches liegt mindestens im Jahre 100 v. Chr., vielleicht auch deutlich früher. Darin heißt es:

"Und sie [die Menschenkinder] fingen an zu bauen; und in der 4. Jahrwoche brannten sie Ziegel mit Feuer, und es dienten ihnen Ziegel als Steine, und als Ton, womit sie tünchten, Asphalt, der aus dem Meere kommt und aus den Wasserquellen im Lande Sinear. Und sie bauten ihn [den Turm]; vierzig Jahre und drei Jahre bauten sie an ihm; Ziegel in der Breite waren 203 an ihm, und die Höhe eines Ziegels war das Drittel von einem. 5433 Ellen stieg seine Höhe empor und 2 Handbreiten und 13 Stadien."

Das Buch der Jubiläen, Kapitel "Turmbau zu Babel", Vers 20-21

Nach diesen Maßen hätte der Turm etwa 2,5 Kilometer in den Himmel geragt! Eine Höhe, die selbst in unseren Tagen geradezu unglaubwürdig klingt. Woher kommt diese mutmaßliche Übertreibung? Auf die Israeliten muss das gesamte Erscheinungsbild Babylons und der wieder errichtete Etemenanki grenzenlos beeindruckend gewirkt haben. Aufgrund des puren Entsetzens über die Vermessenheit der Babylonier könnte der Turm im Prozess der jüdischen Überlieferung durchaus um ein paar tausend Ellen gewachsen sein. Und so finden wir in der modernen, volkstümlichen Erzählung und in zahlreichen Bildwerken sprichwörtlich einen Turm bis zum Himmel.

Nach Nebukadnezars Herrschaft verfiel das Bauwerk, möglicherweise auch durch Zerstörungen durch den Perserkönig Xerxes I. (486–465 v. Chr.). Bei seinem Einzug in Babylon im Frühjahr 323 v. Chr. ließ Alexander der Große die Reste bis auf das Fundament abreißen, um den Turm neu zu errichten. Dabei blieb es bis heute, da Alexander wenige Monate später verstarb. Der mächtige Tempelturm war zerstört, doch seine Bedeutung und der damit verbundene Kult blieb erhalten.

Ein Blick in die gegenwärtige Gesellschaft zeigt geradezu babylonische Tendenzen: Architektonischer Größenwahn, gekoppelt mit der Vermessenheit, die eigenen industriellen Errungenschaften und atheistischen Theorien über Gott zu setzen. Egoismus, Habgier und sexuelle Zügellosigkeit dominieren das menschliche Denken, womit der Götzendienst Nimrods immer noch kein Ende gefunden hat. Doch im letzten Buch der Bibel wird die Geschichte abgeschlossen, die in der Genesis begann. Hier heißt es in prophetischer Voraussicht:

"Sie ist gefallen, sie ist gefallen, Babylon, die große Stadt; denn sie hat mit dem Zorneswein ihrer Hurerei getränkt alle Völker."

Offenbarung des Johannes, Kapitel 14,8

Der "Wein der Hurerei" steht symbolhaft für den abgöttischen Kult Babylons. Der selbe Wein, mit dem alles begann, als Noah zu viel davon trank! Hier erfährt Babylon, die "große Hure", wie die Stadt auch genannt wird, die Konsequenz ihres Handelns. Denn am Ende wird sich der wahre Gott offenbaren und all diejenigen zerschmettern, die sich, in Rebellion verharrend, an seine Position setzen wollten.

"...Lasst's erschallen und verbergt es nicht und sprecht: Babel ist genommen, Bel ist zuschanden, Merodach ist zerschmettert; ihre Götzen sind zuschanden, ihre Götterbilder sind zerschmettert!"

Prophet Jeremia, Kapitel 50,2

Verwendete Literatur

[1] "Die Apokryphen", Textquelle "Die Schatzhöhle", Erich Weidinger, 1999, Kapitel 24,24
[2] "Reallexikon der Assyriologie und vorderasiat. Archäologie", Band 6, Dietz-Otto Edzard u.a., 1983, S. 77-86
[3] "Legend: The Genesis of Civilisation", David Rohl, Arrow-Verlag, 2000
[4] Wikipedia.de / Nimrod
[5] Wikipedia.de / Babylonische Religion
[6] Karl Hecker, "Texte aus der Umwelt des Alten Testaments", Band III, Mythen und Epen II, S. 565-602
[7] Isaac Preston Cory, "The Ancient Fragments", Kapitel "Megasthenes"
[8] "Midrasch Bereschit Rabba", die haggadische Auslegung der Genesis, 1881 übersetzt von Dr. August Wünsche, S. 173
[9] 3. Buch Mose (Numeri), Kapitel 6,19
[10] J. H. Parry, 1887, "The Book of Jasher" (Das Buch der Rechtschaffenen), Kapitel VII
[11] J. H. Parry, 1887, "The Book of Jasher" (Das Buch der Rechtschaffenen), Kapitel IX
[12] Buch Josua, Kapitel 6ff
[13] C. W. Ceram, "Götter, Gräber und Gelehrte", Rohwolt-Verlag, Neuauflage März 2008, S. 285
[14] Karl Hecker, "Texte aus der Umwelt des Alten Testaments", Band III, Mythen und Epen II, S. 565-602
[15] Wikipedia.de / Etemenanki
[16] Wikipedia.de / Hierogamie


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